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Periodical volume 24. Mai 1884, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Stadt, quer durch die Haide zum Forsthaus Woblitz, wo wir 
freundliche und gastfreie Erquickung finden. Eine Stunde später 
haben wir wiederum Lychen erreicht, freilich um zum Aufbruch 
zu rüsten. Am nächsten Morgen bringt uns, allerdings ziemlich 
wehmüthigen Herzens ob des zu Ende gegangenen Ausflugs, 
der Omnibus zur Bahnstation, die Nordbahn nimmt uns auf, um 
uns in die Hauptstadt und zu unserm Beruf zurückzuführen. 
Dr. R. Büttner. 
MisltUkii. 
Die diesjährige Akademische Kunst-Ausstellung wird wieder 
ihren alten Platz in dein provisorischen Ausstellungsgebäude am Cantian- 
platz einnehmen. Gegen das in Aussicht genommene Ausstellungsgebäude 
der Hygiene-Ausstellung waren künstlcrischerseits Bedenken in Bezug auf 
das Licht erhoben worden, so daß ein großer Umbau nöthig geworden 
sein würde, um dasselbe zur Aufnahme der Kunstausstellung geeignet zu 
machen. Dadurch aber würde das Gebäude wieder zur Aufnahme anderer 
Ausstellungen untauglich werden. Das provisorische Ausstcllungsgebäud« 
am Cantianplatz soll daher durch Einziehen von Brandmauern :c. gegen 
Feuersgefahr noch besonders gesichert werden. Von dem Versuche, die 
Ausstellung wieder im Polytechnikum zu veranstalten, hat man sowohl 
wegen der größeren Entfernung desselben vom Centrum der Stadt, wie 
aus dem Grunde Abstand nehmen inüsten, lveil die zu nächstem Herbst 
bevorstehende Eröffnung desselben die Benutzung des Gebäudes ohne Be 
hinderung der noch restirenden Arbeiten nickt möglich erscheinen ließ. 
Eine verlegte Will«. Der nördliche Theil der Kurfürstenstraße, 
zwischen Genthinerstraße und Kurfürstendamm, verliert den Villencharakter 
mehr und mehr. Nichts erinnert mehr an die Blumen- und Obstgärten, 
die sich hier vor fünfzehn Jahren in üppiger Fülle ausdehnten, oder an 
das idyllische Birkenwäldchen, unter dessen dichtem Laubdache in lauer 
Sommernacht die Nachtigall ihren bezaubernden Schlag dahinschmetterte. 
Selbst die winzigen Rasenflächen, die wenigen Bäume und Sträuche, 
welche als Neste dieser einstigen Naturherrlichkeit hinter den Einfriedi 
gungen der wenigen Villenterrains noch wahrzunehmen sind, schwinden 
hin: der Bauspekulation fallen die grünen Fleckchen Erde mit ihren zier 
lichen eleganten Bauten zum Opfer. Noch vor wenigen Woche» — 
schreibt man dem Berl. Tagb. — lag an der Ecke der Keith- und 
Kursürstenstraße eine kleine reizende Renaissance-Villa inmitten eines 
wohlgepflegten Gärtchens — ein von den Architekten Rosemann 
und Jacob vor zwei Jahren ausgeführtes Bauwerk, dessen reicher 
Schmuck an Malerei, Skulptur und schmiedeeisernem Gitterwerk die 
Aufmerksamkeit jedes Paffanten fesselte. Heute ist der Garten ver 
nichtet und die Villa — verschwunden. Letztere, welche mindestens 50 
bis 60,000 Mark gekostet hat, wurde unbarmherzig niedergerissen, uni 
drei gewaltigen Wohngebäuden Platz zu machen. Allerdings wird das 
zierliche Haus, das so heiter und anmuthig dalag, im Thiergarten an 
der Ecke des Kanals und der Lichtenstein-Allee, seine Auferstehung feiern. 
Aber die Thatsache, daß es an der Kursürstenstraße niedergelegt wurde, 
beweist zur Genüge, wie werthvoll dort an den Geleisen der Pferdebahn 
der Grund und Boden geworden ist und wie man sich bestrebt, denselben 
möglichst auszunutzen. 
Die größte Verwüstung — das fügen wir dem Vorstehenden zu — 
hat auf den, einstigen Birkcnwäldchen stattgefunden, das zwischen 
Kursürstenstraße und Kurfürstendamm liegt. Hier war auf Befehl des 
Kaisers eine Baubeschränkung im Grundbuche eingetragen worden, damit 
dieser Ausläufer des Thiergartens in seinem Baumschmuck möglichst er 
halten bleiben sollte. 
Gegen den Sinn .dieser Kabinetsordre sind n h- 2 des ge 
lammten Baumslandes abgeschlagen worden und werden gegenwärtig 
Ausschachtungen für Häuser vorgenommen. Alles unter dem Schutze der 
bestehenden Bauordnung — wir hätten beinahe einen anderen Konso 
nanten geschrieben —, die es ermöglicht, Häuser ohne Licht und Lust zu 
bauen und damit ganze Stadtviertel zu veröden. 
Der Name unserer Kailerstadt. Das Wort Berlin als Name 
der deutschen Kaiserstadt ist seit langer Zeit Gegenstand gelehrter 
Forschungen. Die Schriften, welche die Frage, woher der Name Berlin 
herzuleiten ist und was er bedeutet, behandelten, sind zahlreich erschienen. 
Fragen >vir aber, ob die darin aufgestellten Ansichten zu einein endgültigen 
Ergebniß*) geführt haben, so müssen wir es verneinen. 
Der Annahme der Herren Frisch und Süßmilch, daß Berlin ein 
deutsches Wort sei, widerspricht schon die Thatsache, daß dasselbe in der 
deutschen Sprache weder als ein Stammwort, noch als ein abgeleitetes 
Wort zu finden ist. Lessing's Angabe, daß die Griechen eine Kolonie an 
der Spree unter dem Namen baryslinos, d. h. schweres Netz, angelegt 
hätten, ist ganz willkürlich und geschichtlich unbegründet. Der Ableitung 
aus dem Keltischen steht wiederum das entgegen, daß es mehr als fraglich 
ist, ob jemals wirklich Kelten in der Mark ansässig gewesen sind. Berlin 
als keltisches Wort bedeutet nach Dr. Mahn „Weidenwald" oder „Weiden 
hain", indem er es von paör, por, d. h. Weide, und von liuyn, d. h. 
. ) Anm. der Red. Wir möchten ausdrücklich betonen, daß uns das Nachfolgend« 
m.er-ff-nt und mitthkilenswerth erschien, daß aber auch die hier versuchte Erklärung leinen 
Ausschluß über den Namen Berlin giebt. Und dies vor allem deswegen nicht, weil Berlin 
na £ "»lerer Meinung kein alter wendischer Ort gewesen ist, vielmehr von den Deutschen 
uaq der Erwerbung des Barnim angelegt wurde. 
Hain, ableitet. Der Ansicht, daß Berlin slavisch ist, schließen wir hin 
gegen auch uns an, vermögen aber keiner der bisher aufgestellten Ab 
leitungen beizupflichten. Der Bildung des Wortes Berlin aus bor, der 
Wald, und glina, Lehm, also „Lehmwald", steht obenan die Thatsache 
im Wege, daß insbesondere bei unserer Kaiserstadt der Boden sehr sandig 
ist. Nicht minder unwahrscheinlich sind die Ableitungen von bor — nimm 
— und lin — Schlei — (demnach „nimm Schleie"), ferner von bor — 
Wald — und rolina — Acker (Waldacker) und endlich von ploro — 
Feder — und von liniec — mausern — (Mauserplatz oder Mauserpsuhl). 
Der Ort wird in der Regel nach seinem eigenthümlichen Inhalte 
benannt, und zwar von Denjenigen, welche denselben zuerst betreten oder 
erbauen. Daher glauben wir auch, daß „Berlin" in Bezug auf Ab 
leitung und Bedeutung nur aus dem Boden der Geschichte zu beleuchten 
ist. Wir wenden also unsere Aufmerksamkeit demjenigen Theile der Ge 
schichte unserer Mark zu, welcher in die Zeit vor dem Anschlüsse der 
Stadt Berlin an die Hansa fällt. 
„Im 4. Jahrhunderte rückten in die von den Senmonen verlassene 
Mark (Brandenburg) Slaven ein. Die dürftigen Häuser zu verlassen 
war kür die Auswanderer kein großes Opfer, indem Häuser solcher Art 
sich ja überall leicht herstellen ließen. Aber nicht allein dies Gebiet tvard 
von den Slaven besetzt, es breiteten sich dieselben vielmehr nach Westen 
bis zur Saale und Elbe, nach Norden bis zur Ostsee und nach Süden 
bis zum adriatischen Meere aus. Sie schafften sich nicht durch Ver 
drängungen oder Vernichtungen anderer Völkerschaften Raum, sondern 
rückten — friedlichen Sinnes.— in leer gewordene Plätze und Länder 
ein. Die Slaven bestanden aus zwei Hauptstämmen, dem südlichen und 
dem nordwestlichen. Der nordwestliche Stamm hatte wiederum zwei 
Hauptstämme, die Czechen, welche Böhmen, Mähren, Oberschlesien und 
die Lausitz, und die Ljächcn oder Lechen, welche Masovien, Polen und 
den ganzen breiten Südrand der Ostsee von der Weichselmündung bis 
zur Elbe und darüber hinaus bevölkerten. Diejenigen Slaven, welche 
sich längs der Ostküste, in Preußen, Poinmern, Brandenburg und Mecklen 
burg, niederließen, wurden Wenden genannt. 
Im Jahre 789 brach Karl der Große von Aachen auf und führte 
das Heer gegen die Nordost-Slaven, die Wenden. Ob Letztere ihm eine 
Schlacht anboten, oder ob sie sich, ohne einen Schwertstreich zu wagen, in 
ihre düsteren Wälder zurückzogen, hat die Geschichtsforschung nicht er 
mitteln können. 
Nachdem der deutsche Kaiser Heinrich I. die von Karl dem Großen 
errichteten Grenzfestcn, welche von den Wenden längst zerstört tvorden 
waren, wiederhergestellt hatte, überschritt er im Jahre 926 die Elbe und 
eröffnete danrit den Kampf. Bei Luckini (Lenzen) kam cs (929) zu einer 
Schlacht, in welcher die Wenden geschlagen wurden. In dieser Schlacht 
fielen über 100,000 Wenden. Darauf nahm Heinrich die Fest« Lebusa, 
Hauptfeste der Wenden, welche zwischen den jetzigen Städten Dahme und 
Lübben lag, 10 Thore hatte und mehr als zehntausend Mann zu fassen 
vermochte. 
Die Wenden, seit Jahrhunderten von den Deutschen bedroht, hatten 
sich aus einem friedlichen Volke zu einem kriegerischen entwickelt. Besiegt 
und unterjocht, gelang es ihnen immer wieder, das Joch abzuschütteln 
und ihr Land von den Feinden zu befreien, bis sie im Jahre 1157 für 
immer besiegt und unterjocht wurden. Nunmehr konnte auch mit desto 
größerem Erfolge das wendische Volk christianisirt und germanisirt 
werden. 
Im Jahre 1241 schloß sich Berlin dem Bündnisse der Hansa an." 
Betrachten wir nun, daß im 4. Jahrhunderte die Slaven nicht durch 
Verdrängung oder Vernichtung anderer Völkerschaften sich Raum ver 
schafften, sondern friedlichen Sinnes in leer gewordene Plätze und Länder 
einrückten und nach Westen bis zur Saale und Elbe, nach Norden bis 
zur Ostsee und nach Süden bis zum adriatischen Meere sich ausbreiteten, 
daß die Slaven in unseren Marken, wenn auch mit längeren Unter 
brechungen, bis zum Jahre 1157 sich politisch behaupteten und durch 
Jahrhunderte hindurch geführte Vertheidigungskriege den "Nachweis 
erbracht haben, daß sie nicht allein tapfer und patriotisch waren, sondern 
auch zu einem Kulturvolke ihrer Zeit sich herangebildet hatten, ferner 
daß Berlin 1241 dem Bündnisse der Hansa sich anschloß, betrachten wir 
endlich, daß in der nächsten Nähe von Berlin Orte, als Stralow, Treptow, 
Potsdam, Köpenick, Pankow, Spandow, slavische Bezeichnungen führen: 
so ergiebt es sich, daß zu der Kaiserstadt Berlin der Grundstein schon 
unter der slavischen Herrschaft gelegt wurde, indem die Slaven die günstige 
Lage des Terrains dieser Stadt insbesondere in strategischer Beziehung, 
gar bald erkennen mußten, und daß daher der Raine Berlin auch 
slavisch ist. 
Auf dem slavischen Boden finden wir das Wort „berlo-“ (Zepter), 
ferner die Nachsilbe „in“, welche einen Gegenstand von der durch den 
Stammbegriff angedeuteten Art bezeichnet. Wollen wir nun einen 
slavischen Ortsnamen, welcher durch berlo angedeutet wird, so gewinnen 
wir ihn, indem wir an Stelle der Genetivendung a (berl — a) die Nach 
silbe in (berl — in) setzen Berlin ist demnach slavisch und bedeutet 
den Ort des Zepters, der Herrschaft. F—y. 
Inhalt. 
Leonhard Thurneysser zum Thurn, Roman in drei Büchern von 
Oskar Schwebet (Fortsetzung); Der Flötenspieler Quantz und sein 
Zeitgenosse Graun von Ferdinand Meyer (mit Portraits); Das 
Königliche Schloß in Berlin von L. Sch. (mit drei Illustrationen); Lychen 
und Kloster Himmelpfort, eine Erinnerung aus den letzten Herbstferien 
(Schluß); Die diesjährige Akademische Kunst-Ausstellung; Eine verlegte 
Villa; Der Name unserer Kaiserstadt. Inserate. —
        
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