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Periodical volume 24. Mai 1884, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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sollten, nur dem Schreibermüller stände es frei, Korn aus der Stadt 
zu holen. 1557 wurde das Kloster aufgelöst. 
Ueber die folgenden beiden Jahrhunderte ist nichts Be 
merkenswerthes zu berichten. Für den Wiederaufbau der 
durch Brand fast völlig zerstörten Stadt bewilligt König 
Friedrich Wilhelm I. 1732 die Summe von 22 000 Thalern 
und 1752 „um nach Lhchen einiges Commerzium zu ziehen 
und dadurch dem Nahrungsstand der Stadt aufzuhelfen" wird 
auf Veranlassung des Etatsministers v. Arnim zu Boytzenburg der 
Woblitzer Bach schiffbar gemacht, wodurch die Stadt direkte Wasser- 
verbindung mit der Havel erhält — eine Anlage, für die man 
noch heute Dank schuldet. Während des siebenjährigen Krieges 
hatte die Stadt viel durch die Krieg führenden Parteien, Preußen, 
Franzosen, Ruffen und besonders Schweden zu leiden, mußte sie 
doch bei einer Einwohnerzahl von noch nicht 900 in dieser Zeit, 
theils an Getreide theils baar, über 13 000 Thaler beschaffen. 
Am 28 Oktober 1806 rückte der Prinz Hohenlohe aus seinem Rück 
zug nach Stettin für einige Stunden in Lhchen ein. Die 
Franzosen folgten ihm unmittelbar auf dem Fuße und nur >/ 4 Meile 
von der Stadt entfernt, bei jener oben erwähnten Lehmhütte an 
der Fürstenberger Chaussee, kam es zu einem Scharmützel. Am 
folgenden Tage beherbergte man den Fürsten von Pontecorvo, 
späteren König Karl XIV. von Schweden. Da die von den 
Franzosen geforderte Kontribution nicht aufgebracht werden 
konnte, wurde geplündert, das Vieh fortgetrieben, die Käm 
merei und Armenkaffe beraubt. Die Umgestaltung der Ver 
waltung nach französischem Muster, besonders die Einrichtung der 
Nationalgendarmen hatten die Lhchener zu Anleihen bei den 
Strelitzer Juden gezwungen, zu deren Bestiedigung 1807 ein 
Niederschlag von 6 000 Klaftern Buchen- und Eichenholz aus den 
reichen Stadtsorsten beschloffen wurde. Die Jahre 1806 — 1812 
sind überhaupt reich an Unglück. Nach der Plünderung wurden 
1807 zwei französische Chirurgen aus der Fahrt nach Zehdenick 
durch Wilddiebe ermordet und beraubt. Der Umsicht des Bürger 
meisters gelingt es, zwei der Mörder dingfest zu machen und da 
mit die Stadt vor der angedrohten Zerstörung zu bewahren. Die 
Schuldigen wurden auf dem Angelberg bei der Stadt erschossen. 
Die Einquartirungen und Lieferungen an Gelb und Fourage sind 
ohne Ende, der Vorspannleistungen gar nicht zu gedenken. Mchr- 
mch finden größere Brände statt, dazu grassirte die Ruhr „und 
starben viele Menschen". Die Jahre 1813, 1814, 1815 bringen 
neben der Organisation der heimathlichen Truppen vielfache Durch 
märsche von Deutschen, Russen und Schweden. Am 19. Januar 
1816 endlich wurde das Friedenssest gefeiert. Die Stadt brachte 
in der Zeit 1806 — 1815 über 28 000 Thaler auf und stellte 
71 Mannschaften ins Feld. Die Einwohnerzahl betrug 
gegen 1000. 
Jndeffen hatten die früheren Streitigkeiten zwischen Stadt und 
Kloster andere mit dem Amte Badingen zur Folge gehabt, zu 
welchem das Klostergut geschlagen worden war. 1810 wurde der 
Stadt durch Kammergerichtsbeschluß das bestrittene Jagdrecht aus 
dem großen Lhchen- und dem Mellensee, 1811 das Mithütungsrecht 
in der Röddelinerforst bestätigt. Noch mehr Unruhe hatten die 
Lychner wegen des schon vom Markgrafen Johann zugestandenen 
Fischereircchts auf den umliegenden Seen, denn das bezügliche Do 
kument war nicht zu beschaffen gewesen. Als daher der Fiskus 
k831 sämmtliche in der Nähe der Stadt gelegenen ihm gehörigen Seen 
einem Meklenburger Fischer verkaufte, der eine» Pächter nach Lhchen 
schickte, kam es in der Stadt, da der Pächter die vermeintlichen 
Rechte der Bürger nicht anerkennen wollte, zu bösen Austritten. 
Um dem drohenden Prozeß auszuweichen einigten sich beide 
Parteien, der Magistrat und der Eigenthümer der Seen dahin, 
daß für die Verzichtleistung auf die Fischereigerechtsame aus der 
Wohlitz, dem großen Lhchen-, dem Mellen- und dem Hausier der 
Stadt fortan eigenthümlich der Ober-, Stadt- und Untersee ge 
hören sollten. Bei dieser Gelegenheit kaufte man auch den Wurlsee. 
1843 erwarb man mit der Ruthenberger Fischerei 10 andere Seen, 
die indessen später wieder an „die Sähle" losgeschlagen wurden. 
1845 wurde der den Verkehr hemmende Angelberg vor der Stadt 
abgetragen, 1846 die Chaussee nach Boytzenburg gebaut; die neuste 
Zeit brachte, neben einer Ablösung des Hütungsrecht in der könig 
lichen Forst, der Stadt durch die Nordbahn und die Fürstenbcrgcr 
Chauffee neue Verkehrswege. 
Während der letzten Jahrzehnte hat Lhchen einen regen Auf 
schwung erfahren (man zählt heute mehr denn 2300 Einwohner), 
welcher gewiß durch neue Schienenwege und durch eine zeitgemäße 
Ausnutzung der bereits gebotenen Wasserverbindung zwischen Havel 
und Ucker gesteigert werden könnte. Aus dem bei Boytzenburg 
gelegenen Haussee, durch deffen Spiegel die in dieser Gegend höchst 
komplizirte Wasserscheide zwischen Ost- und Nordsee geht, fällt 
nämlich das Waffer einerseits durch den Baberowsee, den großen 
Küstrinsee, die Küstrinerbäk, den Obersee, den Stadtsee, den großen 
Lychensee, die Woblitz, den Haussee und Stolpsee in die Havel, 
andrerseits fließt es durch den Boytzenburger Küchenteich als 
„Stronl" bei Prenzlau in die Ucker. Eine Regulirung dieses 
Wafferweges ist schon ost geplant, aber eben so ost auch verschoben 
worden. — 
Aus der Stadt Lhchen gelangen wir hart am erhöhten aber 
kahlen nördlichen User des großen Lychensee entlang, quer durch 
hohen Nadelwald, der nur zuletzt Schonungen Platz macht, aus 
dem Priesterweg, der seinen Namen aus der Mönchszeit herführt, zu 
der am Ufer des Moderfitzsee gelegenen Glashütte Pian, die in den 
zwanziger Jahren an einer nicht ungünstigen Stelle, weil durch 
Schiffahrt mit der Havel verbunden, errichtet worden ist. Die 
Hütte arbeitet in grünem Glase und liefert in reichlicher Anzahl 
die großen Schwefelsäureballons. Am auf beiden Ufern waldigen 
Moderfitzsee entlang führt der Weg auf die jenen und den Shdow- 
see verbindende Strohbrücke. Ihren Namen soll die Brücke einem 
Vorfall verdanken, der auf die Brüder in Himmelpsort ein böses 
Licht werfen könnte. Einem der Mönche mochte seine Zelle zu 
einsam geworden sein, da er eines Tages schwer an einer Schütte 
Stroh tragend, die freilich in ihrer Mitte die in Aussicht ge 
nommene Zellengenossin barg, dem Kloster zuschritt. Aus der 
Brücke zwischen den Seen begegnet ihm der lustwandelnde Abt, 
der mit den Worten: einer trage des anderen Last, dem Bruder 
die seine abzunehmen versucht, zu höchstem Befremden indessen die 
Schütte lebendig werden und mit Geschrei sich ihm entwindend dem 
nahen Walde zueilen sieht. Ueber die Brücke hin führt der Weg 
in kurzer Zeit zum heutigen Fischerdorf Himmelpsort. Die ersten 
Zeichen vergangener Zeiten treten uns in Gestalt zweier Mauer 
reste an der Dorfstraße entgegen, Ueberblcibsel einer hohen Mauer, 
die vom Norduser des Stolpsee zum Westufer des Haussee reichend 
das Klosterterrain auf der Landseite völlig abschnitt. Der Dorf- 
straße folgend tritt uns noch diesseits des beide erwähnte Seen 
verbindenden Schleusenkanals unser Ziel entgegen als zwei Back 
steinbaue, die auf den ersten Blick den Zweck erkennen lasten dem 
sie heute dienen, der eine ist Kornspeicher und Scheune, der andere 
die jetzige Dorstirche mit einer daran hängenden unscheinbaren 
Ruine. Zwischen beiden Gebäuden steht ein hölzerner Glockenstuhl 
mit zwei Glocken. Um uns eines Führers und Erklärers zu versichern 
lenken wir unsere Schritte, die Klostergebäude vorläufig links liegen 
lastend, die Dorsstraße weiter entlang, beim höchst stattlichen 
Mühlengrundstück vorüber, zum Haus des Ortspfarrers. Das 
Haus macht dm Eindruck eines Gutshauses und in der That er 
fahren wir bald, daß es vor nicht langer Zeit ein solches und 
auch die Wohnung des Oberförsters gewesen ist. Der junge Geist 
liche ist liebenswürdig genug, trotz des strömenden Regens, uns 
zu den Kloftergebäuden zurückzugeleiten. Vom Kloster selbst, so
        
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