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Volume 24. Mai 1884, Nr. 35

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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die bereits erwähnte Reise nach Prag. Bier Jahre später finden 
wir ihn als Opern-Tenoristen in Braunschweig, neben welcher 
Stellung ihm seine Oper „Polydor" die Ernennung zum Vice- 
Kapellmeistcr verhalf. In der Gunst des Hofes sich sonnend, folgten 
dieser ersten Oper schnell auseinander weitere fünf, die seinen 
Ruf als Komponist durch ganz Deutschland verbreiteten. 
Als Sänger hörte ihn der Kronprinz, nachmalige König 
Friedrich II., während eines Besuchs am herzoglichen Hofe, und 
erbat sich Graun vom Herzog Ferdinand Albert für seine Kapelle 
in Rheinsberg. Dort, wo am Horizonte der Kunst ein sonnig- 
heiterer Frühlingstag herausgestiegen, entstand so manche Kantate 
des schöpfungsfrohen Künstlers, die ihm, wie nicht minder sein 
„äußerst gemüthvollcr und schöner" Gesang, die Zuneigung des 
Kronprinzen in immer höherem Grade erwarben. . . . 
König Friedrich Wilhelm I. war in die Gruft seiner Väter 
gestiegen — Graun hatte zur Begräbnißieier die Trauermusik 
komponirt, deren in Kupfer gestochene Partitur als eine der edelsten 
Schöpfungen des Meisters gilt. 
Seine Oper „Rodelinde" er 
öffnete am 13. Dezember 1741 
auf dem „Schloßtheater" den 
Reigen der Opernaufführungen 
in Berlin, und am 7. Dezem 
ber des folgenden Jahres 
wurde das von Knobels 
dorfs erbaute Opernhaus mit 
Graun's „Kleopatra" einge 
weiht. 
Wie sein Freund Quantz, 
bezog auch Graun als Kapell 
meister ein Gehalt von 2000 
Thaler». Unter seiner Direk 
tion bestand die königliche 
Kapelle anfänglich aus 8 Vio 
linisten , 2 Klavierspielern, 
3 Flötisten, einem Harfen 
spieler , 4 Violoncellisten, 
2 Hautboisten und einem 
Waldhornisten. 
Graun komponirte nicht 
weniger als 28 Opern, in 
denen er zumeist dem Ge- 
schinacke seines Monarchen 
Rechnung tragen mußte. Wie 
er gleichwohl die Dictatur 
des Genius nicht verleugnete, 
wenn sein Gebieter mit einer vorgefaßten Meinung durchdringen 
wollte, dafür spricht folgende Episode, Nach Beendigung einer 
Opcrnprobe, welcher der König in übler Laune beigewohnt, ließ er 
sich die Partitur bringen, strich mehrere Stellen in derselben und 
verlangte deren Aenderung. Graun sprach sein Bedauern aus, - 
daß die Musik nicht des Monarchen Beifall gesunden, erklärte aber 
zugleich auf das Bestimmteste, er könne so unmittelbar vor der 
Generalprobe nicht die geringste Aenderung daran vornehmen. 
Im übrigen wolle er sein wichtigstes Argument bis dahin auf 
sparen, wo der König ihm gnädiger gestimmt sein würde. Er sei 
nie ungnädig auf ihn, und so möge er dies Argument gleich vor 
bringen, cntgegnete dieser. „Run denn," sprach Graun, die Par 
titur in die Hand nehmend — „über dieses Stück bin ich 
König!" — „Er hat Recht, Graun," erwiderte Friedrich, „es 
bleibt beim alten!" » 
Nach Vollendung seiner letzten Oper „Merope," 1756, wandte 
der Komponist sich der Kirchenmusik und der Kantate wieder zu. 
Von seinen geistlichen Liedern sei nur des herrlichen „Aufersteh'», 
ja aufersteh'n wirst Du rc." erwähnt. Im Jahre 1757 entstand 
sein „Te Deum laudamus,“ dessen erste Aufführung noch lange 
von dem Schimmer der Romantik umwoben blieb, obgleich 
Nicolai, unmittelbar nach dem Tode Friedrichs des Großen, 
den Thatbestand richtig gestellt hatte. Nach der noch imincr be 
liebten und selbst von Menzel illustrirten Erzählung hätte der 
König, nach seiner am 30. Mai 1763 erfolgten Rückkehr aus dein 
siebenjährigen Kriege, den ihm zugedachten Ehrenbezeugungen sich 
entziehend, die Schloßkapelle in Charlottenburg besucht, um der 
Aufführung jenes Tedeums beizuwohnen. Die Musiker vermutheten 
in der Umgebung des Monarchen einen glänzenden Hofstaat, der 
erstere aber wäre allein erschienen, und, überwältigt von dem 
„De Oeum laudamus“ der Singstimme, habe er die Augen be 
deckt, um den Thränen des Dankes gegen den himmlischen Lenker 
der Geschicke freien Lauf zu lasten. 
Nicolai führt dagegen aus, daß Friedrich der Große, dessen 
künstlerische Richtung der Passionsmusik überdies nicht sehr ver 
wandt war, das Graun'sche 
Tedeum erst am 15. Juli 
jenes Jahres, und zwar um 
d'Alembert mit der Kirchen 
musik des bereits verstorbenen 
Komponisten bekannt zu 
machen, in der Charlottenbur 
ger Schloßkapelle zum ersten 
und letzten Male habe auf 
führen lasten. Dem Graun- 
schen Oratorium „Der Tod 
Jesu," diesem unvergänglichen 
Werke, mit dem der Name 
seines Schöpfers im Buche der 
deutschen Kunstgeschichte für 
immer in Ehren verzeichnet 
ist, wenn auch seine übrigen 
Schöpfungen zum großen Theil 
in Vergeffenheit gerathen sind, 
hat Friedrich der Große nie 
mals beigewohnt. Die erste 
Aufführung jenes Oratoriums 
fand unter des Komponisten 
Leitung am 20. März 1755 
im hiesigen Dom statt. 
Und im Verein mit dem 
schon genannten Advokaten 
Krause und mit Ramler 
gab Graun den Impuls zu 
unseren volksthümlichen Liedern, wie er denn auch die Gleim'scheu 
„Lieder eines preußischen Grenadiers" komponirte, in welche der 
Dichter ebenfalls das volksthümliche Element hinein getragen hatte. 
Graun war zweimal und glücklich verheirathet. Von seinen vier 
Söhnen aus zweiter Ehe zeigte keiner Neigung zur Musik, während 
seine Tochter erster Ehe, bereits zu einer vielverheißenden Sängerin 
ausgebildet, durch ihre Verheirathung der Kunst entzogen wurde. 
Im Dienste seines Königs hatte Graun vierundzwanzig Jahre 
gewirkt, als er bei der Nachricht von der verlorenen Schlacht bei 
Züllichau (23. Januar) am 8. August 1759 einem hitzigen Fieber erlag. 
Friedrich der Große rief, als man ihm die Kunde davon überbrachte, 
bewegt aus: „Einen solchen Sänger werden wir nie wieder hören!" 
Graun besaß und bewohnte das Haus Nr. 72 in der Span 
dauerstraße, welches der Etatsminister v. Bartholdy durch 
Nering hatte erbauen lasten. In diesem Hause erblickte später 
ein nicht minder glänzendes Gestirn am musikalischen Himmel das 
Licht der Welt — Giacomo Meyerbeer. 
Dir ehemalige Oomkirche auf dem Schloßplatz. 
Originalzeichnung zum Aufsatz S. 485.
	        
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