Path:
Periodical volume 24. Mai 1884, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 10.1884

482 
Flöten-Soli für ihn schrieb und seine Anstellung in portugiesische 
Dienste bewirken wollte. 
Quantz kehrte schon im April nach Rom zurück, veranlaßt 
durch einen zwar romantischen, aber nicht ungefährlichen Zwischenfall, 
— ging dann aus eigene Kosten über Florenz nach Venedig, be- j 
suchte Mailand und Turin, um dann über den Mont Cenis, Gens 
und Lyon in Paris das Studium der ausländischen Musik, hier 
während eines siebenmonatlichen Aufenthaltes, fortzusetzen. In 
Paris fesselte es ihn besonders an den Flötisten Bladet, den 
Plann „von Gefälligkeit und guter Lebensart." Dort auch unter 
nahm er die ersten Verbesierungsversuche an der Flöte, indem er 
der von den Franzosen zuerst eingeführten Klappe eine zweite hin 
zufügte. 
Der zu Beginn des Jahres 1727 an ihn ergangene Befehl 
zur schleunigen Rückkehr nach Dresden, verhinderte Quantz nicht, 
einen Abstecher nach London zu machen, woselbst Händel damals 
seine Triumphe feierte und, mit Quantz in nähere Beziehungen 
getreten, diesen vergebens an die Themsestadt zu fesseln suchte. 
Ueber Holland, Hannover und Braunschweig wieder heimgekehrt, 
erhielt Quantz mit seiner Versetzung in die sächsische Kapelle eine 
Zulage von 250 Thalern. Nunmehr widmete er, die Hoboe gänzlich 
aufgebend, sein Kunststudium lediglich der Flöte. 
Als König August von Polen am 29. Mai 1728 zum Be 
such in Berlin eintraf, befand sich Quantz in seinem Gefolge und 
wirkte in dem Konzerte mit, welches die nur kleine Kapelle der 
Königin aufführte. Bei dieser Gelegenheit erwachte die Neigung 
des jugendlichen Kronprinzen zum Flötenspiel, und diese Neigung 
wurde von der Königin begünstigt. Sie machte Quantz das An 
erbieten, gegen ein Gehalt von 800 Thalern in ihre Dienste zu 
treten; König August aber wollte seinen viel begehrten Flötisten 
nicht misten, er bewilligte demselben ein Gehalt von gleicher Höhe 
mit der Erlaubniß, jährlich zweimal nach Berlin reisen zu dürfen, 
um den Kronprinzen im Flötenspiel zu unterrichten. Die ersten 
Anweisungen hierzu hatten schon während jenes vierzehntägigen 
Aufenthalts in Berlin begonnen; später setzte der Kronprinz seine 
Uebungen mit dem regsten Eifer, doch insgeheim fort, denn das 
sentimentale Flötenspiel hätte sicherlich nicht die Billigung des 
Königs gesunden, welcher seinen Sohn zum Soldaten erziehen wollte. 
So mußte denn die Anwesenheit des Flötenspielers jedes mal 
vor dem König geheim gehalten werden. Der Unterricht begann 
gewöhnlich in der sechsten Morgenstunde; der Kronprinz war dann 
in die enganschließende Uniform gekleidet, welche er des Vormittags 
nach dem Willen seines Vaters tragen mußte, — mit steifem Zopf 
am schlichtgekräuselten Haar. Sobald aber die Mittagstafel auf 
gehoben war, hingen Zopf und Uniform im Kleiderschrank, und der 
Kronprinz blies, im Schlafrock von Goldbrokat und das Haar 
nach französischer Mode frisirt, von 4 bis 7 Uhr in seinem Zimmer 
mit Quantz die Flöte. 
An einem solchen Sommernachmittage des Jahres 1730 — 
also kurz bevor der König mit seinem Sohn die, für den letzteren 
so verhängnißvolle, Reise nach Wesel antrat — kam v. Katte in 
das Zimmer des Kronprinzen gestürzt und meldete das Nahen des 
Königs. Zugleich den Flötenkasten bei Seite bringend, schob er 
den bestürzten Quantz in das zum Heizen der Oesen bestimmte 
Kabinet. Mit Blitzesschnelle hatte der Kronprinz sich in die 
Uniform geworfen, doch bevor er auch den Zopf anlegen konnte, 
war der König eingetreten. Die Neigung seines Sohnes zu den 
Büchern und der Musik schien ihm kein Geheimniß geblieben zu 
sein, denn er nahm eine genaue Revision vor, ließ Haarbeutel und 
Schlasrock verbrennen, die hinter Tapeten in den Schränken auf 
bewahrten Bücher dagegen dem Buchhändler zum Ankauf über 
geben. Eine qualvolle Stunde mußte Quantz in seinem Winkel 
ausharren; er zitterte wie Espenlaub in seinem scharlachrothen 
Rock, welche Farbe überdies dem Monarchen zuwider war. Später 
ging der Maestro vorsichtiger zu Werke; namentlich tnrg er ent 
weder einen Rock von grauer oder blauer Farbe. 
Im Jahre 1737 trat Quantz in den Ehestand mit (wie ver 
muthet wird) der Wittwe des Dresdener Hornisten Schindler, 
und man schreibt diese seine Wahl einer „lustiglistigen Weise der 
neuen Frau Quantz" zu. Vier Jahre darauf, im November 1741, 
zog ihn Friedrich der Große an seinen Hof, gegen ein Gehalt von 
2000 Thalern; außerdem sicherte er ihm für jedes neue Konzert 
(deren Quantz dreihundert komponirte) 100 Dukaten, für jedes 
Solo 25, und 100 Dukaten für jede dem Monarchen gefertigte 
Flöte zu. Diesem Instrument, zu besten Anfertigung der König 
Ebenholzstämme aus Portugal kommen ließ, gab Quantz eine 
größere technische Vollkommenheit durch den beweglichen Flötenkopf, 
die doppelte Klappe und den Einschiebepfrops, vermittelst dessen 
das Instrument einen halben Ton höher oder tiefer gestimmt 
werden kann. 
So war Quantz der musikalische Gefährte des großen Königs 
geworden, und wie er fortab dreißig Jahre hindurch die Zu 
neigung desselben sich bewahrt, davon sprechen auch einige Aus 
zeichnungen Nicolai's, die wir nicht übergehen können. 
Als einst der König von einer neuen Flöte behauptete, sie sei 
nicht ganz rein, unterdrückte Quantz zwar seinen Unmuth, ver 
theidigte aber die Flöte. Am anderen Tage wiederholte Friedrich 
seine Klage, und nun nahm jener ihm das Instrument aus der Hand, 
spielte darauf und versicherte, es gäbe alle Töne in voller Reinheit 
an. Die erneute Behauptung des Gegentheils brachte unseren 
Maestro dermaßen außer Fassung, daß er heftig erwidertem 
„Könnte ein großer Herr es ertragen, die Wahrheit zu hören, so 
würden Ew. Majestät gleich wisten, daß es nicht an der Flöte, 
sondern woran es liegt!" Der König trat erregt zurück: „Wie, 
ich sollte die Wahrheit nicht ertragen können? Sage Er, was 
wahr ist!" Ruhig, doch verdrießlich entgegnete Quantz: „Ich habe 
Ew. Majestät mehrmals gebeten. Sie möchten die Flöte nach dem 
Spiel nicht in der Hand behalten oder unter den Arm nehmen, 
sondern aus den Tisch legen. Sie thun es aber doch nicht, und 
so klingt die Flöte unrein, weil sie ungleich erwärmt wird, nicht 
weil sie an sich unrein ist." Kurz entgegnete der König: „Es ist 
nicht wahr!" und kehrte sich um. 
Am nächsten Tage spielte er auf einer anderen Flöte, ohne 
Quantz zu beachten; dafür hielt letzterer mit seinem „Bravo" zurück, 
auf welches der königliche Spieler besonders stolz war. In dieser 
gegenseitigen Stimmung verstrichen volle acht Tage, bis Friedrich 
vor Beginn eines Konzertes auf den Maestro zutrat und ihn mit 
freundlicher Miene anredete: „Mein lieber Quantz, ich habe die 
Flöte seit acht Tagen aus verschiedene Art untersucht und gefunden, 
daß Er Recht hat; ich werde sie nicht mehr in der Hand warm 
werden lasten." 
Quantz, welcher nur in der „königlichen Kammermusik," d. h. 
den abendlichen Konzerten mitzuwirken hatte, war bei denselben 
meist nur als Dirigmt und Zuhörer zugegen; auch in das Feld 
lager mußte er dem König bisweilen folgm, welcher sich beim 
Spielen stets um seinen Beifall bemühte. Versagte ihm Quantz 
denselben, so wiederholte jener die fehlerhaft vorgetragene Stelle, 
bis das „Bravo" erfolgte. Sonst noch war ein Verziehen der 
Miene oder ein Räuspern das Zeichen der Mißbilligung, welches 
der Maestro sich gestattete. 
So spielte der König einst zum ersten Male ein selbstkompo- 
nirtes Solo. Bei einem, in der Transposition sich öfter wieder 
holenden Satze mit merklich durchgehenden Quinten machte Quantz, 
sich räuspernd, einige Male von seinem Taschentuch Gebrauch; 
Bach, welcher auf dem Flügel begleitete, markirte dagegen in 
feinerer Weise die Quinten sehr deutlich. Friedrich ließ sich nichts 
merken, richtete aber nach einigen Tagen an Ben da — den 
Schüler Quantzens in der Komposition und im Kontrapunkt —
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.