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Volume 17. Mai 1884, Nr. 34

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Faktoren, Wald, Wasser und Berge, welche alle drei in reichlichster 
Fülle vorhanden sind. Die Stadt selbst ist von drei Seen eng 
umgeben, während drei andere, mit den vorigen in Verbindung 
stehende in unmittelbarer Nähe liegen. Während die User der 
Mehrzahl der Becken auf der meklenburgisch-uckermärkischen Seen 
platte flach sind, sind sie bei Lhchen hüglig und bieten günstige 
Aussichtspunkte auf die Gegend. Die Stadt selbst liegt aus einem 
vom Wasier aufstrebenden Hügel, dessen Spitze das mit schlankem 
Thurm geschmückte Rathhaus krönt, zu dem man von mehreren 
Seiten in den Straßen steil genug hinansteigt. Trotz des dicht 
anstoßenden Wassers ist die Stadt noch mit einer festen, alter- 
thümlichen Mauer umgeben, die nach der Seite Meklenburgs hin 
einen stattlichen wohlerhaltenen Thorthurm trägt, auf dessen Spitze 
zur Sommerszeit eine Storchenfamilie Ausguck hält. Jetzt ist 
deren Nest wohl nur von Spatzen bewohnt. Diesen Thorthurm 
erblickt man, Lhchen sich nähernd, schon von Weitem und läßt eine 
Aehnlichkeit mit dem wenig schönen, nur niedrigen Kirchthurm ihn 
als desien Genossen erscheinen. 
Die Stadt ist nach einem großen 
Brande im vorigen Jahrhundert 
ziemlich regelmäßig aufgebaut und 
macht in seinen zumeist schmucken 
Häusern einen freundlichen Ein 
druck. Das Rathhaus steht auf 
einem großen, viereckigen Platz, 
in dessen Nähe die alte, mehrfach 
ausgebrannte und restaurirte, aus 
Feldsteinen erbaute Kirche. Die 
Ufer der umgebenden Seen, im 
Norden der Untersee (Nedder oder 
Nettenpohl), im Süden der Stadt 
see, im Osten der Obersee (Baben 
pohl), sind auf der Stadtseite von 
Gärten eingefaßt, zwischen diesen 
und der Mauer zieht sich ein an 
genehmer Promenadenweg. Der 
die Stadt umsäumende grüne 
Gürtel verleiht ihr, vom Wasier 
aus gesehen, ein in der That 
unmuthiges Aussehen. Der von 
der Umgegend gebotenen Spazier 
gänge giebt cs mannigfaltige und lohnende. Kaum aus dem Thore 
getreten befinden wir uns im Wald, der sich nach mehreren Seiten 
hin meilenweit erstreckt. Der Weggenbusch am Wurlsee, der Ly- 
chener Winkel und das Forsthaus Woblitz am großen Lychensee, 
der Markgrafenbusch, die Waldwege nach Bredereiche, Tangersdorf 
und der Kreisstadt Templin bieten dem Spaziergänger lohnende 
Ziele. Schöner noch ist der Weg durch den Buchenwald beim 
Schützenhaus und dem Etablissement Sängcrslust vorüber am 
erhöhten Ufer des Zenzsee nach dem gräflich Arnim - Boytzenbur- 
gischen Vorwerk Wuppgarten. Eigenartig wirkt ein Besuch auf 
dem alten Begräbnißplatz in Nähe des Kastavensee. Mitten im 
Forst, von schön gewachsenen Tannen umstanden, umgeben von 
Resten einer uralten Mauer, deren Feldsteine von Farrenlraut, 
Moos und Flechte ganz überzogen sind, liegt der Kirchhof eines 
schon im dreißigjährigen Kriege zerstörten Dorfes. Kaum wohl 
findet sich ein Ort, an dem die Todten bester ruhen könnten als 
hier — unwillkürlich wünschen wir uns diese Stätte zur letzten 
Rast. Doch fast schöner noch als die Spaziergänge sind die Fahrten 
auf dem Wasser, als deren lohnendste mir die auf dem Zenzsee 
erscheint, zumal zur jetzigen Jahreszeit, in der die Ufer durch das 
in Farbe mannigfach wechselnde Laub der Bäume einen gar reizenden 
Anblick gewähren. Dem Wassersport sind auf den Lychener Ge- 
wäsicrn die weitesten Wege geboten. Führt doch die Woblitz den 
Ruderer aus dem ausgedehnten großen Lychensee mit den leicht 
erregbaren Wellen in den noch schöneren und größeren Stolpsce 
und von dort in die Havel. 
Die guten Lychener sind stolz auf ihr Wasier — und mit 
Recht, denn ihm verdanken sie den nicht ganz unbedeutenden Ver 
kehr in der Stadt. Dieselbe ist Endstation für den Verkehr auf 
den Havelgewäsiern; der Holzreichthum Meklenburgs, der König 
lichen und Stadtforsten und der Boytzenburgischen Grafschaft (die 
ein Areal von mehr als 6 Quadratmeilen bedeckt) wird in Lychcn 
in großen Kähnen verladen. Ebenso führt man Steine, Theer, 
Holzkohlen und vor Allem Mehl aus. Das Wasser treibt auch 
die Lychener Mühlen, von denen die in der Stadt gelegene eine 
wirklich großartige Anlage ist; ferner dient es als bequemes Ver 
kehrsmittel zu den Aeckern und Gärten, in Folge desien jedes 
Lychener Kind mit der Handhabung des Kahnes vertraut ist. Die 
Seen liefern auch große Mengen von Scepest (oder Seepost, wie 
man allgemein sagen hört), die getrocknet als Dünger verwendet 
wird, ferner von Muschelthieren, 
die gekocht und aus den Schalen 
entfernt ein billiges Futter für 
die Schweine abgeben — endlich 
einen großen Reichthum an 
Fischen. Es giebt derselben in 
den Gewässern so viele, daß 
der Stadtfischer kontraktlich ge 
bunden ist den Einwohnern 
kleine Fische für 5 Pf., Miltel 
fische für 10 Pf. und große Fische 
für 15 Pf. das Pfund zu ver 
kaufen. Zu diesem Fischreichthum 
des Wassers kommt, um Lychen 
völlig zum Ideal für den Angler 
zu machen, das von Alters her 
gewahrte Recht der Bürger, in 
den der Stadt anliegenden Seen 
mit Reusen und kleineren Netzen 
fischen zu dürfen. Dieses Recht 
ist schon im Stiftungsbrief von 
1248 verliehen worden, denn in 
diesem Jahre wurde Lychen zur 
Stadt. 
Nachdem nämlich die Markgrafen Johann I. und Otto III. 
im Kampf um die Belehnung über Pommern dem Herzoge von 
Demniin das Land Stargard durch den Vertrag zu Cremmen 1236 
abgenommen hatten, ließ Johannzugleich mit der Stadt Brandenburg 
in Meklenburg, schon 1248, die Wichtigkeit des hart an der Grenze 
liegenden Ortes erkennend, nach deutscher Sitte die Stadt Lychen 
durch die Brüder Daniel und Eberhard von Parwenitz einrichten. 
Diesen verlieh er den dritten Theil des Zinses von allen Lände 
reien, die 150 Hufen ausmachten, und den dritten Denar in der 
Stadt. Er selbst behielt sich einen Zins von drei brandenburgischen 
Golddcnaren vor. Die Stadt sollte 6 Freijahre genießen. Durch 
die diese Bestimmungen festsetzende Urkunde wurde auch den Ein 
wohnern das obenerwähnte Recht zugeschrieben, mit Reusen (rusis) 
und kleinen Netzen (man nennt solche Staknetze) in den beiliegenden 
Gewäsiern fischen zu dürfen, ein Recht, welches die Lychener trotz 
mannigfacher Anfechtungen sich bis auf den heutigen Tag gewahrt 
haben. Ferner bewilligte der Markgraf den Parwenitzen 66 Husen 
Landes, 2 Fischfänge und 2 Mühlen mit der Zusicherung, daß 
keine andere Mühle, die ihnen schaden könne, erbaut werden dürfe. 
Auch diese Zusicherung ist in vollem Umfang ausgenutzt worden, 
denn trotzdem mehr als 600 Jahre verflossen sind, finden sich auch 
heutigen Tages nur jene beiden Mühlen. 
1293 fiel die Stadt in Folge von Streitigkeiten zwischen dem 
Theodor Döring. 
Zu dem Aufsatze Seite 467.
	        
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