Path:
Periodical volume 13. October 1883, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 10.1884

43 
Soldaten nach Wittenberg, Böttgers sich dort entweder mit Hülfe 
der Behörden oder auch gewaltsam zu bemächtigen. 
Den 1. November 1701 trifft Menzel zu Wittenberg ein, 
zeigt dem Kreisamte an, daß er vom Könige von Preußen Befehl 
habe, einen bei einem gewissen Goldmann in der Vorstadt sich 
aushaltenden Kerl, der beim Berliner Apotheker Zorn in der Lehre 
gestanden und „gewisser Ursachen halber" geflüchtet sei, ver- 
haffen zu lassen, und bittet nicht nur „den Kerl", sondern auch 
dessen Sachen in Sicherheit zu bringen. „Weil man ihn in Eil 
nicht mit einem offenen Steckbriefe habe versehen können", so 
erbot sich Lieutenant Menzel, so lange in Wittenberg zu bleiben 
bis Antwort vom Könige von Preußen zurück sei. 
Der Kreisamtmann Dr. Johann Jakob von Ryssel sandte 
sofort den Aktuar Rappo zu Goldmann, wo dieser auch richtig 
den „Berliner Kerl" noch im Bette vorfand. Nachdem diesem 
Arrest angekündigt war, mußte er dem Aktuar auf's Schloß folgen, 
wohin auch seine wenige Habe, ein Koffer, ein Glas mit Liqueur 
und sein Degen gebracht wurde. Auch die beim Profeffor Kirch- 
maier versteckten Sachen mußten gleichfalls ins Amt geliefert werden. 
Der Kreisamtmann besuchte Böttger'n noch am Tage seiner 
Verhaftung, um ihn über die Ursache derselben vorläufig auszu 
horchen. Denn daß der „Berliner Kerl" dem Könige von Preußen 
ein wichtiger Mann sein mußte, ergab sich vor allem schon aus 
dem gesandten Militär-Kommando. 
Im weiteren Laufe der Verhandlungen wird es dem Sachsen 
klar, weshalb man auf den entlaufenen Berliner Apotheker-Gehülfen 
so großen Werth legt. Unverzüglich sendet er einen Boten nach 
Dresden, wo der Reichsfürst Egon von Fürstenberg als 
Statthalter des sich in Warschau aufhaltenden Königs August II. 
das Kurfürstenthum verwaltet, und bittet um Verhaltungsbefehle. 
Der Statthalter erkennt sofort die Wichtigkeit des Falles. Keiner 
weiß besser, was die Krone Polens gekostet hat, welche Summen 
ihre Erhaltung noch alljährlich verschlingt. Mit einem Vogel im 
Käsig, der goldene Eier legt, beherrscht der Kurfürst die Situation. 
Noch in derselben Nacht wird ein Ministerrath gehalten und ein 
Kourier nach Warschau abgefertigt. Gleichzeitig wird eine In 
struktion für den Kreisamtmann in Wittenberg ausgearbeitet, 
tvelche, um unberufene Kanzleiaugen fern zu halten, ein Ministerial- 
rath seance tenante mundirt. Böttger soll unter jeder Be 
dingung in Wittenberg festgehalten werden. Man verhehlt sich 
allerdings auch nicht das Mißliche der Lage und fürchtet selbst, 
daß sich die Frage zu einem casus belli zwischen Preußen und 
Sachsen zuspitzen könne. Dem sächsischen Kreisamtmann wird 
daher ausgegeben, die Auslieferung des Arrestanten an Preußen 
auf das Bestimmteste, aber mit „gutem Glimpf und Bescheidenheit" 
zu verweigern, namentlich auch „die in Wittenberg zurückgeblie 
benen Brandenburger ja höflichst zu traktiren und zu amüsiren." 
Mittlerweile sind aber die von Berlin aus erhobenen Forderungen 
mit jedem Tage dringender geworden. Die Auslieferung Böttger's 
wird nicht mehr „gewisser Ursachen" wegen verlangt, sondern weil 
er ein Kriminalverbrecher sei, der sich nicht nur die gröbsten Be 
trügereien habe zu Schulden kommen lassen, sondern auch der Gift 
mischerei dringend verdächtig sei. 
Aber je mehr von preußischer Seite gedrängt wird, um so 
besser hütet man sächsischerseits den werthvollen Gefangenen. Der 
General-Major von Albendhll erhält den Auftrag, auf dem 
Schlöffe, wo der Apotheker untergebracht ist, Wohnung zu nehmen 
und Tag und Nacht polnische Offiziere vor Böttger's Thüre pa- 
trouilliren zu lassen. Da man in Berlin gewahr wird, daß sich 
die Sachsen nicht brusquiren lasten, so versucht man durch List 
und Trug zu dem Ziele zu gelangen, welches durch Einschüchterung 
nicht hat erreicht werden können. Nach einander erscheinen ver 
schiedene preußische Emiffäre, unter ihnen Böttger's Stiefvater 
Tiemann, welche dem Gefangenen die verführerischsten Vorschläge 
machen, ihm unter anderen einen freien Geleitbrief des Königs 
versprechen, um ihn zu bewegen, gutwillig nach Berlin zurück 
zukehren. Dies hätte aber Böttger gar nichr mehr gekonnt, selbst 
wenn er auch gewollt hätte, denn er ist bereits ein wichtiger 
Staatsgefangener Sachsens. Der König ist in hohem Grade er 
bittert über die Hartnäckigkeit, mit welcher man ihm den „brauch 
baren Kerl" vorenthält; er schreibt nach einander an den Kreis 
amtmann, an den Kommandanten von Wittenberg, an den Reichs- 
sürsten von Fürstenberg: seine Briefe werden demüthiglichst be 
antwortet, allein Böttger bleibt nach wie vor in Wittenberg. Das 
königliche Schreiben an den Reichssürsten ist vom 14. Nov. 1701. 
Daffelbe Datum trägt die Ordre des Königs von Polen, welche 
durch einen Kourier von Warschau nach Dresden befördert worden 
ist. August H. legt auf den Besitz des geschickten Mannes den 
selben Werth wie Friedrich I., er denkt nicht daran, ihn heraus 
zugeben, sondern verordnet, daß er der größeren Sicherheit wegen 
von Wittenberg nach Dresden gebracht werde. Die Ueberführung 
findet in früher Morgenstunde des 25. November statt. General 
von Albendhll steigt mit Böttger in den Wagen, welcher von 
einem Kavallerie-Kommando von 12 Mann mit einem Unter 
offizier und mehreren Offizieren begleitet wird. In allen Dörfern, 
welche man passirt, wird zuerst sorgfältig rekognoszirt, ob nicht 
preußische Soldaten im Hinterhalte liegen. Die ganze Ange 
legenheit ist übrigens mit solcher Diskretion betrieben worden, 
daß die Wittenberger erst mehrere Tage spater etwas von Böttger's 
Abreise erfahren. In Dresden angelangt, wird der Adept, den 
Instruktionen des Königs gemäß, von dem Reichsfürsten mit der 
größten Auszeichnung empfangen und, nachdem er an der fürst 
lichen Tafel gespeist, in guter Gesellschaft, d. h. unter guter Be 
wachung, in einer opulenten Wohnung einquartiert, welche für ihn 
in dem sogenannten Goldhause, wo Kurfürst August mit seinen 
Adepten laborirt hatte, bereits vorbereitet worden war. 
Von nun an wird Böttger, um deffen Person beinahe 
zwischen Sachsen und Preußen Krieg ausgebrochen wäre, Alchimist 
deö Sachsenkönigs. Er spielt Jahre hindurch die traurige Rolle 
des Adepten, wird in unerträglicher Gefangenschaft gehalten, flieht 
aus derselben nach Ens in Niederösterreich, wird wieder eingesangen 
und erhält dann ein Laboratorium auf der Jungfernbastei in 
Dresden. 
Die Leichtgläubigkeit und Habgier des Polenkönigs halten 
aber trotz aller Täuschung noch immer an der Hoffnung auf die 
in Aussicht gestellten „goldenen Eier" fest. Ja Böttger wird, als 
der Schwedenkönig Karl XII. mit einem Einfall in Sachsen droht, 
gleichzeitig mit den Kronjuwelen und den Staatsarchiven nach 
dem K önigstein gebracht. Endlich — nach achtjähriger Hast — 
erfindet er, das Sprichwort bethätigend, daß die Noth die Mutter 
der Erfindungen sei, das Porzellan. 
Die erste Nachricht vom Porzellan gab 1474 der Vene- 
tianische Gesandte am Persischen Hose, Barbari. Die Chinesen, 
die ersten*) bekannten Porzellanmacher, wissen weder etwas von 
deni Alter dieser Erfindung, noch von dem ersten Meister. Ihr 
Porzellan besteht aus einer Mischung von Kaolin und Petunse. 
Jene gleicht unserem Porzellanthone, diese, welche vom Felsen 
abgeschlagen und in Mörsern pulverisirt wird, ist eine Art von 
Gypsspath. 
Ungeheure Summen strömten damals aus ganz Europa über 
Holland nach Japan und China für Porzellan, welches der vor 
nehmen und reichen Welt für einen der ersten Luxusartikel galt. 
Die Smalte oder blaue Farbe, welche dafür Japan und China 
zur Porzellanmalerei aus dem Sächsischen Erzgebirge, insbe- 
*) Ob die vasa murrhina der Alten, welche zu Kaiser Augustus Zeiten 
schon Gold- und Silbergeschirren gleich geachtet wurden, eine Art von Por 
zellan waren, läßt sich wohl nicht mehr bestimmen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.