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Periodical volume 17. Mai 1884, Nr. 34

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Und nun wehten endlich die ersten milden Winde! Vom 
Schnee befreit waren die Kuppen der märkischen Hügel, — 
vom Eise ihre Flüffe, ihre Seen- Auf den Kirchhöfen um 
St- Nikolai und St- Marien spielten und jauchzten allabend 
lich wieder die Kinder, und durch die stillen Straßen zog in 
den ersten Nachtstunden jene wonnige, süßes Sehnen erweckende 
Luft, wie nur der junge Lenz in breiten, herzerquickenden 
Strömen sie ausgießt über das alte Berlin! Dort um die 
Klosterkirche, um ihre Strebepfeiler, um ihren gothischen Giebel 
schmuck haschten sich die Spatzen, zwitschernd, jauchzend, die 
Mahnung kündend: „Lastet die Sorgen, lasset die schwere 
Vergangenheit dahinten; — es ist neue Wonne, neues Leben 
nun in Aussicht!" — 
An einem dieser schöpferisch wundersam thätigen. Herr 
liches mit ungeahnter Schnelle hervorrufenden Lenzesabendc 
begab sich ein stattlicher Zug vom grauen Kloster zum Schloste 
in Kölln. Es war der Hochzeitszug Thurneysters, der nun 
die Reise nach dem Süden antrat. Der Doktor selbst saß in 
einer hispanischen Equipage, einem Fahrzeuge, welches in den 
Marken noch immer als ein Wunderwerk angestaunt wurde. 
Vier muthige Roste zogen dasselbe; Herr Alexander und 
Thurneysters beide Edelknaben, jetzt zwei polnische Junker, 
ritten voran; sechs bewaffnete Diener folgten. Auf dem Altane 
der kurfürstlichen Burg aber stand Herr Hans George, des 
nahenden Leibarztes bereits gewärtig. Der Doktor sprang aus 
dem Wagen; Wolf vom Kloster und ein anderer Hofmann 
erwarteten ihn- Sie führten den Leibarzt und seinen Bruder 
vor den Kurfürsten, an dessen Seite sich heute die leidende 
Frau Sabina und die Kurprinzeß befanden. 
Thurncysser kniete vor seinem Herrn nieder. Er war 
auf's prächtigste gekleidet. Auf der schwarzen Seide seines 
Anzuges erglänzte das Ordenszeichen der heiligen Katharina, 
das rubinrothe Rad mit dem durchgesteckten goldenen Schwerte. 
Sein Barett trug die kurfürstlichen Hausfarben, schwarz und 
weiß; über der Schulter hing an goldenen Quasten der 
schwarzseidcne, bis zur Sohle hinabreichende Mantel. 
„Glück auf, — mein Leibarzt!" rief der Kurfürst. 
„Glück auf zu neuem Leben, neuem Schaffen, neuem Segen!" 
„Gott schütze meine gnädige Herrschaft!" erwiderte Thur 
neyffer tiefbewegt und küßte beiden Fürstlichkeiten die Hand. 
Dann erhob sich der Doktor; — die Kurprinzessin eilte zu 
der Thür eines anstoßenden Gemaches und öffnete dieselbe. 
Von zwei Edeldamen und von dem gräflich Lynarschen Ehe 
paare geführt, trat Marina von Croaria vor ihren Verlobten 
hin. Noch hatte sich am Hof der Hohenzollern damals die 
Poesievolle, altdeutsche Sitte der Verlobung erhalten. Ohne 
ein Wort zu sprechen, aber mit innigem Blicke zu ihm auf 
schauend, überreichte die heut im Glanze strahlend reifer 
Schönheit prangende Rhätoromanin ihm ein Schwert, den 
sie zum Beschützer ihres Lebens sich erkoren hatte, während 
Thurneyffer dem Edelsräulein einen Ring mit dem Smaragden, 
dem Symbol beständ'ger Treue, ansteckte. 
Der Kurfürst selbst segnete ihrer Herzen Bündniß; seine 
erlauchte Gemahlin aber setzte feierlich hinzu: „Bewahret 
wohl das edle Gut, das Euch nun angehört, mein liebster 
Doktor, — und Ihr Jungfrau Marina, vergeßt es nie: Das 
ist des Weibes Krone, daß sie diene, demüthig und bescheiden, 
~ daß sie sich weihe in treuer Hingebung bis in den Tod 
einem anderen Leben!" — 
Frau Katharina von Brandenburg küßte die wunder 
schöne Braut; die Kurfürstin selbst reichte dem Fräulein Marina 
eine Perlenkette dar; Hans George aber übergab seinem Leib 
ärzte ein Pergament. „Kaiserliche Gnaden," so sprach er, 
„ist gern auf meinen Wunsch eingegangen: Thurneyffer, — 
ich darf Euch als den Edlen Leonhard Thurneyffer 
zum Thurn begrüßen; — es thut nicht gut, wenn der 
Gatte an äußerer Ehre unter seiner Gattin steht! Fortan 
seid Ihr meinen ersten Hofbeamten gleich! Als Edelmann 
der Marken gebt mir nun den Handschlag fester Treue!" — 
Das war mehr, als Thurneyffer erwartet hatte, und 
höher hob sich seine Brust! Mit scharfem Blicke hatte der 
Fürst das Richtige erkannt, was seinen treuen Leibarzt am 
meisten erfreuen mußte. Nun war die Gattin nicht'zu ihm 
herabgestiegcn; — im Gegentheil, — er hatte das heimath 
lose, das hülflose Weib zu einer Höhe hinauf gehoben, welche 
dasselbe niemals hatte erträumen können Mit heißem Danke 
und zu unverbrüchlicher Treue verpflichtete er sich jetzt wiederum 
seinem gnädigen Herrn. 
„Ihr werdet stets nur einen wohlwollenden Gebieter an 
mir haben!" erwiderte der Kurfürst. „Mein Leibarzt, — 
denket stets daran: ich bin stets Euer bester Freund!" — 
Die Beglückwünschungs- und Abschiedsbecher waren ge 
leert. Die Dunkelheit sank herab. Da geleitete der Edel 
mann Wolf vom Kloster die Verlobten nach einem vor 
der kurfürstlichen Burg haltenden Schlitten. — „Glückliche 
Reise! — Lebet wohl!" — Die Pagen des Doktors hatten 
die Fackeln entzündet; das Volk, welches durch die seltene 
Pracht des Wagens herbeigelockt worden war, jubelte heut 
dem Manne zu, gegen welchen sonst die unsinnigsten und scham 
losesten Verleumdungen ausgesprengt wurden. Und nur zu üppi 
gen Boden hatten dieselben in der Mitte der Berliner Bürger 
schaft gefunden! Trotz der Jubelrufe, welche ihm und seiner Ver 
lobten galten, glaubte Thurneyffer auch Blicke zu bemerken, 
aus denen Haß oder doch wenigstens Argwohn ihm entgegen- 
lcuchtete. Schnell aber zogen die Roste an und trugen den 
Wagen dem Teltower oder St. Gertraudtenthore von Kölln 
entgegen. Dort stieg die Zofe des Fräuleins Marina von 
Croaria auf. — 
Und nun hinaus durch den märkischen Wald in die laue 
Märzennacht, da die Wunder der Lcnzcsherrlichkeit geheimnißvoll 
im Schooßc der Erde sich zu vollziehen beginnen! Es ward 
eine köstliche, an Abwechselungen überaus reiche Fahrt durch 
das deutsche Vaterland! Jetzt war Leipzig mit dem Gewühle 
seines Marktes, mit seinen in schönster Blüthe stehenden ge 
lehrten Schulen, deren Lehrer zum Theile mit Thurncysser in 
regem, wiffenschastlichem Verkehre standen, erreicht; — jetzt 
grüßten die Bergesgipfel des Frankenwaldes, auf denen der 
letzte Schnee noch fußhoch lag! Und mehr und mehr belebten 
sich die Straßen an der Saale, der Elster und dem Maine i 
— man näherte sich einer Königin der Städte, einer Fürstin 
des Verkehrs! Dort oben thronte der viereckige Thurm der 
Altenburg bei Bamberg, und jetzt, — jetzt stieg es vor dem 
verlobten Paare auf wie ein Wald von zierlichen Giebeln und 
Thürmlein; — vor dem entzückten Auge lag, von freund - 
lichem Sonnenscheine übergössen, das herrliche Nürnberg! 
Hier rasteten die Verlobten mehrere Tage. Welche Freude 
war es für Thurneyffer, alte Verbindungen wieder zu er 
neuern, — neue im frohen Ausblick auf eine.gesegnete Zu-
        
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