Path:
Volume 10. Mai 1884, Nr. 33

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

456 
versteckt, und wenn man den Eingang nicht kennt, sie nicht einmal 
finden. Hier ist nichts mehr von dem Lärm und der Arbeit der 
volksthümlichen Nachtbarschast. In aristokratischer Einsamkeit 
herrscht hier beschauliche Ruhe. Zierliche Häuser sind hier in 
schönen Gärten, ein Teich auf welchem Schwäne schwimmen, ein 
kleiner Palast in den reinsten italienischen Formen, aus dessen Frei 
treppe man sich gern einen Kreis anmuthiger Frauen, einen Sca- 
liger, einen Medicäer dächte. 
Zeh», zwanzig Schritte bringen uns wieder in die Wirklich 
keit zurück, und zwar in eine, die auch ihre Ueberraschungen hat. 
Denn diese Vorstadt ist noch weit davon, vollständig ausgebaut zu 
sein, und hier kann man, wenn ich so sagen darf, Berlin wachsen 
sehen. 
Namentlich die nähere Umgebung des Kreuzbcrges nach Norden 
und Westen hin bietet noch solchen Anblick. Hier sind Trottoirs 
ohne Straßen, und was noch ärger ist, Straßen ohne Trottoirs, 
Holzplätze, Kohlenplätze, dann wieder ein einzelnes Haus, ein 
Baugerüst, ein Bretterzaun und ein Stück Eisenbahn, ganz 
voll ausrangirter Wagen. Nähert man sich von einer dieser 
Seiten, etwa unter den alten Pappeln und Häusern der 
Möckernstraße, dann sieht der Kreuzberg aus wie eine Düne 
am Meeresstrand, unten ganz weiß, oben spärlich begrünt 
— man meint, man müßte die Segelstangen vorüberziehender 
Schiffe erblicken unter dem milden, grauen Abendhimmel. Knaben 
spielen im Sande, auch ein Reiter auf schwerfällig sich fortbe 
wegendem Rosse ist da, und dunkle Vertiefungen und Schluchten. 
Stark und lau weht der Abendwind und macht die Täuschung 
noch vollständiger. Rechts ist die Fortsetzung der Kreuzbergstraße 
und der Sandweg mit den Weidenbäumen, der nach Schöneberg 
führt. Wie manchmal bin ich ihn gegangen vor vielen Jahren! 
Aber hier hat sich noch Nichts geändert, hier ist Alles noch wie 
es war. Nur drei Freunde, drei gute Gesellen im Leben, die mit 
mir gingen, ruhen jetzt dort oben, nicht weit von einander, auf 
dem Schöneberger Kirchhof, dessen Mauer sich über dem ansteigenden 
Felde zeigt. Hier sind auch noch die beiden altmodischen Tanz 
lokale, in welche beim Vorübergehen hineinzuschauen uns damals 
so viel Vergnügen machte: „zum Thürmchen" und „zum alten 
Thürmchen" — letzteres über dem Dach mit einem veritablen, grün 
angestrichenen Thürmchen, das wie ein Taubenschlag aussieht und 
vielleicht auch einer sein mag. Wieder ist es Sonntag-Nachmittag. 
Wieder ist hier die Drehorgel und das Marionettentheater; es wird 
gekegelt und getrunken. Plötzlich höre ich Jemanden rufen: 
„Naucke!" Ich achte nicht darauf. Da frägt ein Zweiter einen 
Dritten: „Hast'e Naucken »ich jesehn?" und ein Vierter sagt: „Wo 
is Naucke?" Mein Gott, denke ich, wer mag der Mann sein, nach 
dem alle sich so theilnehmend erkundigen? Wer ist Naucke? Da 
steht vor dem Eingang zum „alten Thürmchen" ein kleiner Still 
vergnügter, der sich fortwährend um sich selber dreht und dazu 
mit gerührter Stimme singt: 
Naucke is nich mehr zu sehn, 
Naucke is mich jar zu kteen. 
Nun denn, so will ich mich darein ergeben; ich fürchte, mich zu 
blamiren, wenn ich weiter nach diesem interessanten Unbekannten 
forsche. Doch ein paar Tage später, beim Stralauer Fischzug und 
auf dem Erntefest im Schwarzen Adler zu Schöneberg — überall 
hör' ich denselben Namen, überall ist Naucke, oder ist er vielmehr 
nicht; und ich ilberzeuge mich nun, daß es sich hier um eine jener 
Neckereien handelt, die oft so plötzlich, man weiß nicht woher, im 
Berliner Leben auftauchen. Vielleicht daß bei einer Landpartie eine 
liebende Gattin ihren Mann verloren hat', der sich des Namens 
"Naucke erfreut. „"Naucke!" ruft sie — „wo ist Naucke?" Ihr 
Schicksal erregt Theilnahme, man hilft ihr suchen, alle Bezirks- 
genoffcn schließen sich an — was anfänglich bitterer Ernst gewesen, 
wird allmählig ftöhlicher Scherz, der Ruf wird populär und lange 
noch, nachdem, so wollen wir hoffen, Frau Naucke ihren Mann 
wieder gefunden hat, klingt es durch ganz Berlin bis zum alten 
Thürmchen in der Schöneberger Feldmark: „Wo ist Naucke?" 
Von hier aus hat der Rücken des Kreuzbergs ganz den Haide 
charakter, d. h. etwas Gras und viel Sand. Das Denkmal, .welches 
früher auch im Sande stand, steht jetzt aus festem Unterbau, mit 
hohen, zinnengekrönten Mauern. Der Blick auf das unter einem 
violetten Abendhimmcl flach daliegende Berlin imponirt nicht be 
sonders; man sicht Thürme, Kuppeln, viele Häuser; man unter 
scheidet ganz in der Ferne die gegenüberliegenden Höhenzüge und 
weit weg links die Spandauer Haide und die Spandauer Forst; 
aber es giebt kein Bild, man hat nicht den Eindruck einer un 
geheuren Stadt, in der Millionen Menschen wohnen. Nach der 
Seite von Tivoli hin sind viel dichte Laubmaffen um den Hügel 
und sie erwecken den Wunsch, dieses ganze, jetzt noch ziemlich öde 
Terrain in den Südpark umgeschaffen zu sehen, den man uns so 
lange schon verheißen und dem es in der That so mannigfache Vor 
züge der Bodenformation entgegenbringt. Wer weiß, ein Wanderer, 
der nach mir kommt, wird ihn finden und beschreiben. 
Die Berge von Berlin! Wer wird ernsthaft an sie glauben? 
Aber sie sind nun einmal da und sie heißen sw, wenn auch ein 
künftiges Geschlecht sie vielleicht nur noch an der etwas stärkeren 
Hebung oder Senkung der Straße erkennen mag, wie beim Pfeffer 
berg in der Schönhauser Allee. Hier indeffen ist noch Etwas von 
der alten Romantik; und wer vom Kreuzberg nieder- und über die 
Belle-Alliance-Straße hinweg den Tempelhoser Berg hinansteigt, 
der kann sich in die glückliche Vorzeit versetzt wähnen. Es ist dies 
auch noch ein rechtschaffener Sandhügel mit allen Attributen eines 
solchen. Bei jedem Schritte, den man vorwärts thut, sinkt man 
ein oder rutscht hinunter. Rechts, am Rande des Hügels, ist die 
berühmte Bock-Brauerei, links ist eine andere Brauerei und ein 
Hof mit vielen Tonnen, geradeaus ist eine Gruppe von Pappeln, 
eine Windmühle, eine Fabrik mit ein paar hohen Schornsteinen — 
und Berlin ist zu Ende. Dieses Haus dort drüben ist das letzte 
Haus von Berlin. 
Aber unermeßlich gegen Südwesten, vom Tempelhofer Revier 
bis zur Luisenstadt, dehnt sich ein neues Berlin aus; und ich er 
innere mich noch, daß ich dort im Sande des Köpenicker Feldes 
ging, wie ich hier im Sande des Tempelhofer Feldes gehe. Jetzt 
sind überall Straßen, — und was für Straßen, und was für ein 
beständiges Wogen der Menschen in ihnen! Welche Plätze, welche 
Brücken! Weit und luftig ist hier die Gegend am Johannis tisch 
und am Urban, vor zwölf Jahren, 1871 oder 1872, noch ein 
Rüben- uud Kartoffelfeld, aus welches, in jener Zeit der Wohnungs 
noth, der Exodus der „Obdachlosen" stattfand, die sich hier Hütten 
bauten. Welch ein Anblick kann phantastischer sein, als jetzt, wenn 
man in diesen neuen Gegenden, am Plan- und am Waterlooufcr 
und der prächtigen Bärwaldbrücke vorbei, bis zum Kohlenufer 
wandelt, bei der einbrechenden Dunkelheit die Feuer der Gas- 
sabriken, unter den alten Baumgruppen, am Wasser und iin war 
men Dunste des Sommerabends; oder, der Nacht und dem frischen 
Ostwind entgegen, an einem dunkelblauen Himmel, über einer 
j Fläche, halb noch unbebautes Land und halb schon weißliches 
Häusermeer, als ob es Bergzüge wären oder Wolkenmassen, den 
! Vollmond aufsteigen zu sehen, groß und golden? Oder sich in das 
unbekannte Häusergewirr zu verliere», in dem man sich nur nach 
! der Richtung zu orientiren vermag, in das Dunkel von Straßen, 
von deren Namen und Existenz man bisher nichts gewußt, und die 
doch alle regelrecht gebaut sind und in denen aus Bierlokalen und 
„Destillationen" überall das Spiel von Klavieren herausklingt? 
Zwischen den Koloffen mit vier oder fünf Stockwerken und un 
zähligen Fenstern, so daß man meint, fünfhundert Menschen müßten 
darin wohnen können, begegnet man hier zuweilen einem kleinen 
: Bijou von Haus, einstöckig, traulich, nur für eine Familie — das
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.