Path:
Periodical volume 10. Mai 1884, Nr. 33

Full text: Der Bär Issue 10.1884

455 
und der Wind weht über die Haide. Dort kniet ei» Mann an 
der Erde und macht seinen beiden Knaben, die aufmerksam neben 
ihm stehen, den Drachen in Ordnung. Ich geselle mich zu der 
Gruppe. Der Mann ist ein ehrbarer, junger Handwerker, der mir 
aus alle meine Fragen höflichen Bescheid giebt. Denn bei diesen 
Wanderungen ist man immer auf die Auskunft der Leute ange 
wiesen, denen man begegnet. Handwerker, Arbeiter, Marktfrauen 
— sie alle sind meine guten Freundinnen und Freunde. Manches, 
was nicht in den Büchern steht, wissen diese Leute. Ich erkundige 
mich nach dem „Dusteren Keller", einer ehemaligen Berühmtheit 
des Tempelhofer Berges, nunmehr aber längst von der Erde ver 
schwunden. Mich verlangt zu erfahren, an welchem Platze diese 
Merkwürdigkeit gewesen und was daraus geworden. „Gehen Sie 
nur in die Bergmannstraße," sagt mein junger Meister, „da und 
dorthin" — und er beschreibt mir ganz genau den Weg. „Ist 
denn noch viel da zu sehen?" frag' ich. „Ja, mein lieber Herr," 
versetzt er, „das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin nie darin 
gewesen; es soll aber gut sein." Diese Antwort macht mich stutzig 
und als ich hinkomme, finde ich in einer ganz neuen Straße ein 
ganz neues Weißbierlokal, das den Namen „Dusterer Keller" auf 
einem ganz neuen Schilde zeigt. Das also kann es nicht sein, 
wenn ich auch aus der richtigen Fährte bin. An diesem Abend kann 
ich vom „Dusteren Keller" nicht mehr erfahren: aber am anderen 
komm' ich mit einem langjährigen Freund und Kameraden, einem 
alten Berliner, wieder und der bringt Licht in die Sache. Bor 
einer Seitenstraße, die noch ganz wie ein Feldweg aussieht, un- 
gepflastert ist, an Hinterhäusern vorbei zum „Bock" hinaufführt 
und „Am Tempclhofer Berg" heißt, macht er Halt. „Dies war 
der „Dustere Keller", sagt er, „ein Revier, welches ich in meiner 
Knabenzeit an den freien Mittwoch- und Sonnabendnachmittagen 
oft mit anderen Knaben durchschwärmt — eigentlich ein gruseliger 
Ort damals, eine tiefe Schlucht oder Höhlung, mit einem ver 
räucherten Bauwerk darin, einem kellerartigen, unterirdischem Ge 
mäuer. Dies" — und er deutet auf das ziemlich neue Haus, 
das die Ecke der Bergmann- und der anderen, im Entstehen be 
griffenen Straße bildet, „war die Stelle. Jedes Kind in Berlin 
kannte sie." 
So rasch verliert sich in der jungen Generation das Andenken 
jahrhundert alter, wenn nicht historisch berühmter, so doch stadt 
kundig gewesener Plätze! 
Mannigfache Sagen und Legenden verknüpften sich mit dem 
„Dusteren Keller". Ein Uralter soll hier zur Zeit Friedrich 
Wilhelms I. gehaust haben, ein Einsiedler, wie Diogenes in seiner 
Tonne. Einst, als der König vom Exerzierplatz auf dem Tempel 
hofer Felde zurückkam, hielt er bei der Höhle, ließ den Bewohner 
derselben herausführen und fragte nach seinem Namen, seiner 
Lebensart und zuletzt nach seiner Religion. „Ei," erwiderte der 
Alte, „ich glaube noch immer daffelbe, was ich geglaubt habe, als 
ich Seinem Großvater die Psalmen vorlas." — „Na, dann habe 
ich allen Respekt vor Seinem Glauben," sagte der König, den es 
amüsirte, daß der Höhlenbewohner ihn, wie alle Welt, mit „Er" 
anredete; „hier hat er einen Gulden." — Aber der Philosoph des 
dusteren Kellers sagte: „die Münze ist mir zu groß; ich nehme 
nur Kupfer." Sprachs, drehte Seiner Majestät den Rücken und 
kroch in seine Höhle zurück. 
Darüber, was der „Dustere Keller" ursprünglich gewesen oder 
bedeutet habe, streiten die Gelehrten. „Worüber wären sie jemals 
Anig gewesen?" wirst mein Freund hin, mit den Achseln zuckend. 
Ein Hain mit heiligen Eichen, unter denen die Priester der Wenden 
dem Swantewit und dem Zernebog geopfert; eine Lehmgrube, aus 
der die ersten Ansiedler von Cölln das Material zu ihren Hütten 
entnahmen; ein Bärenzwinger, eine Räuberhöhle, eine Falsch- 
niünzerwerkstatt — wer weiß es? „Fata, habent sua“, sagt mein 
3teunb, „der „Dustere Keller" mag alles Das gewesen sein. Zu 
meiner Zeit war er ein Bierkeller und vorher war er ein Wein 
keller. Das scheint mir das einzig Historische in der Geschichte des 
„Dusteren Kellers" zu sein." 
Denn in der sicheren Kunde lebt noch, daß Weinberge hier 
waren, Weinberge des Kurfürsten, Weinberge der Bürger von 
Cölln; und mag Wein an den Abhängen des Tempclhofer Berges 
auch noch unglaublicher klingen als heilige Eichen, es ist dennoch 
die Wahrheit. Der Wein dürfte sauer gewesen sein, aber er war 
da. Diese Thatsache kann nicht bestritten werden. Und er war 
nicht nur am Tempelhofer Berg, er war auch am Kreuzberg, er 
war nicht nur im schönen Süden, er war auch im hohen Norden 
und fernen Westen unserer Stadt — und Wollank's Weinberg, 
die Weinmeisterstraße, die Weinstraße, der Wcinbergswcg und noch 
manch' andere Straßen und Wege erinnern daran, daß Berlin im 
Mittelalter eine weinbauende Stadt war — unser Schöpfer sei 
gelobt, daß wir ihn nicht mehr zu trinken brauchen. Erft während 
des dreißigjährigen Kriegs ist diese Kultur hier nachweisbar zu 
Grunde gegangen, so daß die blutige Geißel der Völker doch 
mindestens eine gute Folge zu verzeichnen hat. 
Zur Zeit wo hier die Reben noch blühten, mag der „Dustere 
Keller" denn in der That zur Aufbewahrung des fürstlichen Wachs 
thums gedient haben und das Gesindel, die Räuber, die Bären 
und die Falschmünzer mögen hinterdrein gekommen sein: aber, wie 
gesagt, der Weinberg und der Keller sind beide dahin und nichts 
von ihnen, nicht einmal der Name, hat sich erhalten. Zwar auf 
der topographischen Karte der Umgegend von Berlin, welcher dem 
II. Bande des vom Magistrat herausgegebenen Vcrwaltungsbcrichts 
1861—1876 beiliegt, findet sich allerdings noch die Bezeichnung 
„Weinberg" und auf dem Plan des Berliner Adreßbuchs für 
1873 ist auch der „Dustere Keller" noch angegeben — aber seit 
dem ist jede Spur verloren und Häusermassen bedecken die 
Stellen. 
Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war dies Alles, 
westlich und östlich, bis zum heutigen Belle-Alliance-Platz freies 
Feld; und noch um die Mitte des unsrigen standen hier, zuweilen 
in beträchtlichen Entfernungen von einander, jene kleinen, meist 
einstöckigen Häuser, Sommerwohnungen der Berliner, wie sie zur 
selben Zeit auch noch zu sehen waren im Thiergarten und in der 
Potsdamerstraße, damals Potsdamer Chauffee genannt. Auf dem 
Grundriß von 1778 war Berlin am Halle'schen Thor zu Ende und 
auf dem von 1831 führt das, was heut die großmächtige Bellc- 
Alliance-Straße ist, den anspruchslosen "Namen „Weg nach Tivoli", 
Tivoli war ein berühmtes, nach Pariser Muster im Jahre 1828 
angelegtes und genanntes Vergnügungslokal am Kreuzberg, da, 
wo gegenwärtig die Brauerei gleichen Namens liegt. Aber hier 
war nicht mehr Berlin, sondern „Umgegend von Berlin"; man 
fuhr nach Tivoli, wie man heute nach Tegel oder Pichelswerdcr 
fährt. Im Jahre 1842 hieß die Straße, welche bis dahin „Weg 
nach Tivoli" geheißen hatte, die „Tempelhoser Straße"; aber sie 
war, wie wir dem Buche von Fidicin („Berlin, historisch und to 
pographisch" 1843) entnehmen, nur „in der Nähe der Stadt mit 
Häusern besetzt". Tie eigentliche Bebauung dieser Strecke, welche 
an Ausdehnung die Friedrichsstadt übertrifft, fällt in die Periode 
von 1866—1875, und die Belle-Alliance-Straße, eine Geschästs- 
straße voll regen Verkehrs, länger als die Linden und fast ebenso 
breit, bildet seitdem den Kern eines neuen Stadttheils mit vor 
städtischem Charakter und sehr eigenthümlich zusammengesetzter Be 
völkerung. Gegen das Tempelhoser Feld ansteigend und zu beiden 
Seiten flankirt von den mäßigen Terrainerhöhungen, die man sich 
gefällt, den Tempelhoser Berg und den Kreuzberg zu nennen, macht 
sie mit ihren Bäumen, Kasernen, großen Läden und hohen Häusern 
einen sehr stattlichen Eindruck, als die vornehmste dieses Quartiers. 
Aber man würde nicht vermuthen, daß hinter ihr, am östlichen 
Abhang des Kreuzbergs, eine der reizendsten kleinen Straßen sich
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.