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Volume 10. Mai 1884, Nr. 33

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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„So hab' ich stets die Könige im Reich der Wissenschaften 
mir gedacht!" 
„Ich verlange viel von Liebe und Entsagung!" 
„Je mehr von einem Weib gefordert wird, desto Helden 
hafteres vermag dasselbe auch zu leisten! Wir folgen nicht 
dem allgemeinen Brauche! Ich wußt' es längst, daß Euer Geist 
sich oft mit mir beschäftigt hat, der Heimathlosen, und dem 
nun schnell verblühenden, dem armen Weibe! Ich habe ebenso 
an Euch nur stets gedacht! — Seht jene Junker dort", — es 
war kein schönes, frauenhaftes Lachen, das über die Züge der 
Dame flog, — „seht diese ewig feiernden und schwelgenden 
Phäaken; nimmer, mein Herr Doktor, vermögen sie den 
mindesten Eindruck auf das Herz der Frau zu machen, welche 
zu ihrem Gatten, ihrem Herrn und Schützer, wie zu einem 
Fürsten aufblicken will!" 
„Ich hielt Euch für ein stolzes, — ja, für ein fühllos' 
und gemüthlos' Weib!" 
„Das stolze Herz ergiebt sich überlegner Kraft und höh'- 
rem Werthe wohl am leichtesten, weil es in seinem Stolze 
jeden Selbstbetrug verschmäht! Und sühllos und gemüthlos, 
mein Herr Doktor, ist nicht jenes Weib, das seinem Herzen 
Jahre lang gebietet; sühllos sind vielmehr diejenigen, die Alles, 
was die Seele bergen soll in wohlvcrschloss'nem Hause, auf 
den Lippen haben und der Menge feil halten!" 
„Fata necessitant!“ 
„Ich beuge dem Geschicke mich mit Freuden! Ich sag' 
e§ offen, mein Herr Doktor: Ja, ich liebe Euch, — ich liebe 
jene wundersamen und geheimen Kräfte, welche Reichthum 
schaffen und mit ihm dann ausnahmslos ein Jedes, was dies 
arme Leben werth niacht, daß man cs durcheile!" 
Der Gelehrte sah ihr in das glühende Auge, welches sich 
zu ihm aufgerichtet hatte. Warum lief es jetzt, — grade jetzt 
tvie ein Frösteln durch seinen Körper? Warum erinnerte ihn 
die Gluth dieses Auges grade an den vernichtenden Schimmer, 
— an jenes vcrderbendrohende Glühen, welches die mörde 
rischen, kein Leben verschonenden Lavaströme umzieht, wenn 
sie langsam niedcrinnen von das Aetna Haupt zu den Meeren 
der Thyrrhener und Hellenen? 
Dies Auge, diese jetzt voll und königlich erblühte Schön 
heit des reifen Weibes in dem Göttinnenalter einer Juno, — 
sie aber duldeten keinen Widerstand. 
„Das Schicksal hat gesprochen!" 
„Schon lange!" sagte sie. „Fraget die Kmprinzessin, 
— o, sie weiß es wohl! Ich will dem großen mächt'gen 
Manne ein Heim bereiten; — ich will, so's nöthig ist, ihn mit 
dem eignen Herzblut nähren, daß er die Kraft behalte, seine 
Bahn zu gehen zur Unsterblichkeit!" 
„Liebe also und Ruhm!" sprach Thurneysser ernst. 
„Und Gold und Macht!" setzte Marina von Croaria 
hinzu. 
Er steckte einen Ring an ihre Finger; — es war noch 
ein Geschenk von Münster her, vom Bischöfe von Hoya, — 
cs war der Ring des Parazclsus. 
Schiveigend ließ Marina de Croaria die bindende Feier 
lichkeit geschehen. „Ich begehre jetzt nichts weiter," sprach sie; 
— „das Baud ist festgeknüpft; — jetzt auf, mein Herr, zur 
Sonne! Doch vor den Menschen bleiben wir vorerst noch 
stumm!" 
„Ich bitte Dich darum!" 
„Und dann noch eins! — Frei will ich den Mann 
sehen, dem ich als niedere Magd mich gern ergebe, — dem 
ich die kleinen Dinge dieses Lebens aus dem Wege räumen, 
— dem ich Alles, Alles ebnen will, — von dem ich aber 
auch verlange, daß er willig mir sein Bestes schenke, die hohe 
Macht über die Kräfte der Natur, — dies Wissen, — diese 
Kraft, zu schaffen und zu herrschen!" — Thurncyffer verstand 
sie nicht mehr ganz. Doch der Herold rief. Die Gäste dcs 
hehreu Zollcrnschlosses zu Berlin fanden sich zur Abendmahl 
zeit wieder zusammen; — Herren und Damen tafelten, wie 
es Brauch war an diesem sittenstrengen und rein lutherischen 
Hose, getrennt. 
Kurfürst Johann George war von bester Laune. „Beste, 
Liebe und Getreue!" so brachte er den Trinkspruch aus. „In 
dieser hehren Zeit, da wir des Heilands Ankunft feiern, seh' 
ich heut um mich versammelt fast all' die treuen Diener meines 
Hauses, — fast Alles, was mir lieb und theuer ist! Euch, 
meine lieben Vettern von Anhalt und Sachsen! Euch, Rochus 
von Lynar, und Euch hochwürd'ger, edler Herr, mein Martin, 
Graf von Hohenstein! Euch, edle Herren aus der Mark, die 
nimmer einen Ruf der Ehre überhörten, die Knesebeck und 
Schulenburg, die Bredow, Oppen, Rochow, die Lüderitz, die 
Kötteritzsch, die Pfuhl, die Jlow, Krummensee und Schlieben! 
Euch, meine hochehrwürd'gen Herren von dem Dom zu Kölln 
und von den Kirchen zu Berlin! Euch, meine Kanzler, meine 
Räthe, die Distelmeier, Pruckmann, Thurneysser und Köppen! 
Euch Allen eines ernsten Fürsten Dank für Eure Treue, Eure 
Mühe! Ein Ziel verbindet uns: Die Größe Brandenburgs, — 
sein Ruhm, sein Wohl! Auf denn die Gläser heut in des 
Adventes froher Zeit: 
„Es lebe Brandenburg und immer wachse seiner 
Männer Ruhm und seiner Frauen Tugend!" Es ward 
ein fröhliches Mahl, — ja, ein so „lustig" Mahl, daß endlich 
die Damen zu den Geinächern der Kurfürstin aufbrechen mußten. 
Die Herren blieben sitzen und — tranken. Ein Schaplow 
wettete mit einem Burgsdors um das Dorf Diedersdorf, 
welches östlich von Müncheberg liegt; — wer zuerst den 
schweren Krug mit dem Einbecker Biere ausgctrunkcn hätte, 
der sollt' es haben; denn der Besitz war bestrittenes Eigen 
thum von lange her. Der Herr von Schaplow, — er verlor! 
Da fing er Händel mit einem Röbel an und wollte um dessen 
schöne Besitzung, das Kloster Friedland an des Oderbruches 
Rande, trinken. Doch jetzt sprach der Kurfürst: „Rein, Andreas 
Röbel, das gehet nimmer an; so auch der Schaplow ganz 
Tucheland und ganz Gusow, ganz Golzow und ganz Hathenow 
und wie die Dörfer all' im Oderbruche heißen, dagegen setzt! 
Höret, Ihr Herrn! — Andreas Röbel hat mir folgenden 
Revers geschrieben!" Er zog ein Papier aus der Tasche und 
las daffelbe vor: „Hiermit verpflicht' ich mich ausdrücklich, 
daß des Kurfürsten Gnaden meines Bartes zu sammt des 
Grundes und des Bodens mächtig sein soll, sofern ich nicht 
des Volltrinkens mich enthalte und jede Mahlzeit ziemlich mit 
zwei Bechern Biers und zween Schoppen Weines beschließe. 
Als soll und will ich denn, sobald ich nur gefordert werde, 
gerne in den Küchen mich einstellen und mir mit einer Ruthe 
vierzig Streiche geben laffen weniger einen, so auch St. Paulo 
einst geschehen!"*) 
*) König, Versuch u. s. w. I., 126.
	        
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