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Volume 3. Mai 1884, Nr. 32

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Aufenthaltes in Rußland besserten sich immer mehr. Nachdem er 
seine Hauslehrcrstclle ausgegeben, lebte er zunächst als Sprachlehrer 
in Petersburg, bis er 1816 eine Professorstelle daselbst erhielt. 
Nicht lange erfreute er sich derselben; denn es müssen gegen ihn 
und andere Professoren Verdächtigungen entstanden sein, welche 
Raupach den Aufenthalt in Rußland überhaupt verleideten. Er 
verließ dieses Land 1822, um nie wieder dahin zurückzukehren. 
Nach mehrfachen Reisen durch Italien und Deutschland nahm er 
in Berlin seinen bleibenden Wohnsitz. Was ihn dazu bewog, 
war die Einsicht, daß er dort für seine dramatische Thätigkeit den 
besten Boden finden würde. Selbstbewußt trat der in weiteren 
Kreisen noch wenig bekannte und von Niemandem empfohlene 
Dichter aus. Als die Theater-Intendanz, welcher er ein Lustspiel 
„Laßt die Todten ruhn" eingereicht hatte, dasselbe als zu klein und schlecht 
geschrieben bekritelte, nahm er es zurück mit den Worten: „Klein ist es, 
aber nicht schlecht geschrieben; ich wußte nicht, daß man hier klein ge 
schriebene Stücke nicht liest. Ich empfehle mich Ihnen, meine 
Herren!" Das wirkte; man lenkte ein und Raupach wurde, wenn 
auch nie beliebt, so doch mit einem kleinen Anflug von Furcht ge 
achtet. Des Dichters Trauerspiel „Isidor und Olga", welches 
am 16. März 1825 im Schauspielhause zum ersten Male mit Pius 
Wolff und Frau Stich in den Titelrollen aufgeführt wurde, hatte 
großen Erfolg, und damit hatte Raupach eine Stellung gewonnen, 
die er mit diktatorischer Strenge und Starrheit behauptete. Unter 
der Aegide des damaligen Theater-Jndentanten, Grafen von Redern, 
beherrschte Raupach die Berliner Bühne, auf welcher er 
neben sich selbst kein anderes Talent aufkommen ließ. Man wird 
nicht fehlgreifen, wenn man den letztern Umstand als Ursache der 
äußerst fruchtbaren Bühnenschriststellerei Raupachs in jener Zeit 
ansieht; mit einer seltenen dichterischen Energie förderte er immer 
neue Variationen des großen Menschendramas zu Tage und ver 
stand Gefühle und Meinungen, welche den Tag beherrschten, geschickt ! 
hinein zu mischen. Allein auch die Variationen, welche eine Sache 
haben kann, sind gezählt und der Meinungen des Tages sind nicht 
viel neue. So kam es, daß die Stücke Raupachs immer leerer 
wurden an Gehalt und ihre Aufführungen einen immer leereren 
Zuschauerraum sahen. Das verbitterte den Dichter, das verbitterte 
seine Anhänger. Nachdem der erstere sein politisches Testament 
als „königlicher Preuße" wie er sich selbst einmal nennt, und als 
antipapistischer Protestant noch einmal in wahrhaft großartiger 
Weise in seinem Dramcncyklus „die Hohenstaufen" abgelegt hatte, 
sehen wir ihn in seinen späteren Schöpfungen zu dem politischen 
und socialen Tendenzdrama hinabsteigen. Diese Tendenz ist nicht 
mehr der Ausbruch einer kraftvollen Offensive, es ist vielmehr eine ! 
verdeckte Rückzugslinie. „Jungdeutschlaud" stürmte heran mit 
seiner von frohen Jugendidealen geschwellten Kraft; seine glän- 
zenden Gcistesschöpfungen hielten ihren freudig begrüßten Einzug ! 
auf der deutschen Bühne, und auch Berlin, das letzte Bollwerk des 
veralteten deklamatorischen Rührdramas ergab sich, als sein letzter 
Vorkämpfer, Raupach, sich schmollend in selbstgewählte Verbannung 
nach Potsdam zurückzog. Dort starb er, ein von der Welt ver- 
geffener Mann, im Jahre 1852. 
Die Fischerdörfer (lüicijc) und die Fischerei auf dem 
Äarnim. 
Von JB. Sfrrnfietfi. (Schluß.) 
Außer den Müller» hat wohl kein Gewerbestand den städtischen 
Behörden mehr zu schaffen gemacht, als die Fischer, trotzdem sie 
ihre mannigfachen kleinen Streitigkeiten vor ihrem Schulzengericht 
selbst ausmachten. Es lag dies hauptsächlich an dem Zwange, an 
gewiffen festgesetzten Tagen in der Woche Fische auf den Markt 
bringen und dort nach fixirten Preisen den Bürgern verkaufen zu ; 
müssen. Gegen diese Bestimmung fehlten die Kietzer bei jeder sich 
darbietenden Gelegenheit, da sie ihre Fische lieber da verkauften, 
wo keine Fische gefangen und bessere Preise gezahlt wurden. Dies 
war ihnen zwar nicht direkt verwehrt, aber immerhin war die 
Verordnung, erst dann anderwärts die Fische auf den Markt zu 
bringen, wenn die eigenen Einwohner hinreichend versorgt waren, 
eine lästige Beschränkung. Heutzutage würde man sich über einen 
solchen Umstand leichter hinwegsetzen; aber zu einer Zeit, wo die 
vielen katholischen Festtage, welche die Kirche bestimmt, gehalten 
werden mußten und an welchen kein Fleisch gegessen tverden durfte, 
war der Fisch ein überaus nothwendiges Nahrungsmittel. Ge 
müse gab es wenig; nicht allein fehlten die jetzt überall aushel 
fenden Kartoffeln, sondern auch eine Menge anderer erst spät ein 
geführter und kultivirter Pflanzen, wie Buchweizen, Blumenkohl, 
Kohlrabi u. s. w., und wer sich nicht mit Mehlspeisen zuftieden 
erklären wollte, mußte an einem solchen Festtage einfach hungern, 
wenn er keinen Fisch erhielt, der zu essen erlaubt war. Wenn 
keine frischen Fische zu erlangen waren, half man sich wohl mit 
Heringen, die damals in Quantitäten eingeführt worden, welche 
uns heute fabelhaft erscheinen. 
Bei dieser Gelegenheit möge eine interessante Verordnung des 
Straußberger Rathes vom 5. Februar 1624 Platz finden, in 
welcher derselbe auf Beschwerden der Bürgerschaft hin den Fischern 
befiehlt, denjenigen Bürgern, welche an der Reihenspeisung der 
Schulgesellen wären, „Fische vor den andern" zu geben, was denn 
wohl zur Folge gehabt haben wird, daß die Bürger den Schul 
meistern als Auszeichnung alle Tage Fische auf den Tisch setzten 
— der Reihe nach. Die armen Schulmeister! Fisch und wieder Fisch! 
Die Erbfischerei bei Straußberg hat nach dem 30 jährigen 
Krieg ihr Ende gesunden, als die angestellten Fischer armuthshalber 
und mangels guter Netze nicht mehr im Stande waren, die Fischerei 
so auszubeuten, wie es für ihr eigenes und für das Interesse der 
Einwohner nöthig gewesen wäre. Anfänglich ließ der Rath Fürsten- 
walder Fischer kommen, die ab und zu größere Fischzüge veran 
stalten mußten; als aber den Einwohnern damit nicht genügend 
gedient war, gab man den See durch das Meistgebot in Zeitpacht, 
wie es auch heute noch üblich ist. 
So beschränkt in ihrem Gewerbe wie die Fischer auf dem 
Kietz zu Straußberg, waren die in Freienwalde und 
Wriezen in alter Zeit nicht. Hier bildete gerade der Vertrieb 
der gefangenen Fische nach außerhalb einen wesentlichen Er 
werbszweig sämmtlicher Stadtbewohner, denn nicht nur die ge 
nannten Städte besaßen Fischerdörfer (Kietze), sondern man konnte 
dieselben die Oder hinauf und hinunter finden, sie führten theil- 
weis den Namen Kietzedörfer (Ketzerdörser). Aus den sämmt 
lichen Fischerdörfern wurden den Städten Freienwalde und 
Wriezen Fische aller Art, insbesondere Hechte, zugeführt, um von 
dort aus, nachdem sie eingesalzen, weiter befördert zu werden. Zu 
diesem Zweck bestand in Freienwalde schon 1411 ein „Salz 
markt" und eine eigene Zunft der „Hechtreißer," die aber mit den 
Fischern nichts weiter zu thun hatten, als daß ihnen solche die 
Fische zuführten. Mit peinlicher Sorge hielt man darauf, daß die 
Hechtreißer nicht etwa auf den Fischfang ausgingen und daß andrer 
seits auch die Fischer sich nicht mit dem Hechtreißen abgaben. 
Diese beiden Gewerbe führten bei den Bewohnern der genannten 
Städte einen großen Wohlstand, besonders unter den Fischern, 
herbei, was Man z. B. bei den Straußberger Kietzern nicht sagen 
konnte, denn diese gehörten, nachweislich der Schoßregister zu den 
ärmsten Bewohnern der Stadt. In Freienwald« a. O. wurden 
1693 110 Tonnen eingesalzener Hechte in einem Monat verhandelt, 
wie denn viele tausend Tonnen Hechte alljährlich nach Sachsen, 
Meißen und Böhmen von hier aus gingen. 1465 wurde festge 
setzt, daß die Berliner an gesalzenen Fischen, die sie in Freien 
walde einkauften, keinen Zoll bezahlen sollten, ebenso auch nicht
	        
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