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Periodical volume 3. Mai 1884, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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sicher täglichsvier Groschen verdiente. — und er trug keine noch 
so leichte Last unter fünf Silbergroschen, — so konnte er Miltag 
brot essen, seine Schlafstelle bezahlen und sich mehrere Male täg 
lich betrinken. Wie dies möglich war, wird man leicht begreifen, 
wenn man bedenkt, daß für zwei Silbergroschen fast ein ganzes 
Quart Branntwein zu haben war, und daß es in Berlin eine Art 
von Garküchen gab, in welcher für einen Silbergroschen zu 
Mittag gespeist werden konnte. Diese menschenfreundlichen Restau 
rationen waren sämmtlich in Kellern etablirt und hatten sammt 
und sonders dieselbe einfache Einrichtung. Das Diner bestand 
aus einer Schüssel mit gequetschten Erbsen nebst einem Schweine 
ohr, einen Tag wie den andern; man hatte weder Servietten 
noch Tischtuch. Messer und Gabeln waren durch kleine Ketten an 
den Tisch befestigt und zum Ueberfluß mit der Inschrift versehen: 
„Gestohlen bei 9!. N." Wer luxuriös war, zahlte drei Pfennige 
mehr und erhielt dafür ein Stück Brod. 
Bei der Nachhaltigkeit dieser Kost und bei der Appetitlosigkeit 
des Branntweinmagens kam der Eckensteher mit dieser einen Mahl 
zeit recht gut für den Tag aus, und so hatte er alle Ansprüche, 
welche seinem christlichen Nächsten bei Jagor Unter den Linden 
drei Thaler täglich kosteten, für einen einzigen Silbergroschen be 
friedigt. Andere Bedürfnisse aber kannte der Berliner Eckensteher 
nicht. Nimmt man an, daß er in einer Schlafstelle lag, in 
welcher er in einem Bett allein schlief, so erzeigt man ihm schon 
große Ehre, und diese Schlafstelle kostete ihm täglich ebenfalls nur 
einen einzigen Silbergroschen. — 
Nach der Bekleidung, in der man den Eckensteher sah, mußte 
man annehmen, daß er nie ein Stück kaufte, auch nicht einmal 
ein altes aus dem Kleidertrödel. Alles was er auf dem Leibe, 
trug, gab Zeugniß von Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. — 
Wozu also brauchte der Eckensteher Geld? — Einzig und allein 
zum Branntwein! 
Es gab Stunden, oft zwölf an einem Tage, wo man keinen 
Eckensteher auf der Straße sah, — sie waren alle in den reich j 
geschmückten Schnapssalons, in welchen das Unheil in der schönsten 
Zierde, der Teufel so zu sagen in Galla erschien. Die Schnaps- 
läden Eulner und Kröcher, jener der goldene, dieser der silberne 
genannt, hatten europäische Celebrität und verdienten sie. Welche 
Jdeenassociation die Ursache war, daß in dem Eulnerschen Laden 
mitten unter den Riesenschnapsfässern die fast lebensgroße Statue | 
Friedrichs des Großen Ausstellung gefunden hatte, vermag ich nicht 
zu sagen. 
In diesen Läden fand man nächst einer Anzahl anderer In 
sassen, ziemlich sämmtliche Eckensteher Berlins. Sie saßen hier 
stundenlang, mitunter den ganzen Tag, betranken sich, schliefen 
aus, betranken sich wieder, schliefen wieder aus und betranken sich 
womöglich zum dritten Male. In diesem Punkt waren sie uner 
müdlich. Tranken sie nicht im Laden, so tranken sie auf der 
Straße und tranken sie nicht, so waren sie sicherlich betrunken. 
Der Rausch des Eckenstehers war indessen stets ein friedlicher; 
er veränderte also die Natur des Trunkenen in Nichts; denn der Ecken- 
sicher war auch im nüchternen Zustand nie zanksüchtig. Zwar liebte 
er es, sich einige Mal des Tages zu prügeln, doch that er diesnur zu 
seiner Unterhaltung oder um sich eine Motion zu machen und um 
sich zu amüsiren; auch prügelte er sich nur mit Seinesgleichen. 
Nie beleidigte er einen Vorübergehenden, nie war er grob, nie 
schimpfte er; ja, selbst gegen ihm zugefügte Beleidigungen war er 
nicht sonderlich empfindlich und rächte sich höchstens durch einen 
der treffenden Witze, welche die Intelligenz des Eckenstehers aus 
machten, die sich aber darin von den Gaffenbubenwitzen unter 
schieden, daß sie nie malitiös waren und von dm Fischweiber 
witzen darin, daß sie nie schmutzig gemein waren. Der Witz des 
Eckenstehers hatte immer etwas Versöhnliches, Gutmüthiges, ich 
möchte sagen Bescheidenes. 
Diese Gutmüthigkeit verhinderte zugleich den Eckensteher an 
der Ausübung boshafter und schändlicher Handlungen. Er war 
ehrlich aus Bedürfnißlosigkeit, ruhig aus Loyalität und loyal aus 
Gutmüthigkeit. Es gab kein Gesetz, keine Einrichtung, die ihn 
ausbringen oder ihn auch nur belästigen konnte; ich glaube, er 
hätte sich sogar darin gefunden, wenn man ihm den Schnaps ver 
boten hätte. Höchstens würde er melancholisch geworden oder ge 
storben sein wie eine Pflanze, deren Wurzel im dürren Sand ver 
dorren muß. Der Eckensteher war auf jener Höhe des Cynismus 
angelangt, auf welcher das Individuum sich selber nichts ist und 
die Gattung nur insofern gilt, als sie außerhalb des Individuums 
steht. In diesem Cynismus lag das Geheimniß der Natur des 
Eckenstehers; und dieser Cynismus selbst war wieder die Folge der 
vollständigsten Erschöpfung aller sittlichen Elemente in dem Indi 
viduum. 
Der Eckensteher war also nicht demoralisirt, sondern moralisch 
vernichtet; er war weder einer Besserung noch einer Verschlechte 
rung fähig; er hatte keine Leidenschaften, keine Sympathien, keine 
Antipathien. Er prügelte sich ohne Zorn, er ließ sich zerbläuen 
ohne Rachegefühl und selbst Schnaps trank er nur in Folge der 
letzten konvulsivischen Aeußerung des Erhaltungstriebes. — 
Das Institut der Eckensteher war ein überaus heilsames; cs 
war das Jnvalidenhaus des menschlich-ausgedienten Jndividumns. 
Sobald ein Taugenichts Eckensteher geworden war, hörte er auf, 
der menschlichen Gesellschaft schädlich zu sein. 
Die vom Auslande ausgegangenen Besttebungen, den Aus 
schweifungen im Schnapstrinkcn Einhalt zu thun, haben auch in 
Berlin Nacheiferung gefunden, doch zweifle ich, daß sie von großem 
Erfolg sein werden: Berlin ist eine zu gesunde Stadt, als daß ein 
gegen die Unmäßigkeit gerichtetes Streben hier einen ernstlichen 
Wirkungskreis finden könnte, auch liebt dasselbe zu sehr die goldene 
Mittelstraße, als daß es excentrischen Bestrebungen sonderliche 
Unterstützung angedeihen lasten könnte. 
Außer den ein für allemal inkurabeln Eckenstehern gab es 
damals in Berlin nur äußerst wenige Säufer und diese Wenige 
hatten ein Leben hinter sich, daß sie zu Dieben und Mordbrennern 
oder Selbstmördern gemacht haben würde, wenn sie nicht in den 
Betäubungen des Branntweins Mittel gefunden hätten, ihre 
Leidenschaften und ihre Verzweiflung in sich selbst zu ersticken. 
Die Branntweinschwelgerei ist weit weniger die Ursache, als viel 
mehr die Folge der Demoralisation, und gegen diese muß man 
kämpfen, nicht gegen jene. — 
Jetzt ist der Eckensteher aus Berlin verschwunden; Nachfolger 
hat er in der fieberhaft fleißigen deutschen Reichshauptstadt nicht 
mehr gesunden! — Adam Löffler. 
Ernst Raupach. 
Ein Jubiläumsblatt von ftierfriisi filfifsirr, 
(Hierzu das Portrait S. 437.) 
Nor mir liegt ein Theaterzettel; derselbe lautet: 
Sonntag, den 2. März 1828. 
Zur höchsten Geburtstagsfeier Ihrer Königlichen Hoheit der Frau 
Herzogin von Cumberland: 
Dramatische Abend-Unterhaltung im Palais der Königlichen 
Prinzessinnen. 
Zum Erstenmale: 
Die Schleichhändler. Possenspiel in 4 Auszügen, 
von E. Raupach. 
Personen: 
Fräulein Julie von Kieckebusch, Gutsbesitzerin Mab. Wolff. 
Minna, ihre Nichte . Mlle. Nina Sontag. 
Zollinspektor von Harder, vormals Hauptmann Hr. Weiß.
        
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