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Periodical volume 3. Mai 1884, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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„Die Zollern sind nicht undankbar, Thurneysier! Davon 
wird Euch die Kurprinzessin Katharina auch ein Zeugniß 
geben! Wir wissen wohl, wie schwer Ihr in dem eignen Hause 
jetzt zu tragen habt, da Ihr zu einer neuen Ehe nicht ge 
schritten seid! Frau Katharina wünscht. Euer lieblich Töchter 
lein, das Jungfräulcin Elisabeth, für immer bei sich zu be 
halten. Nicht wahr, mein Leibarzt, Ihr seid einverstanden?" 
„Mit dem innigsten Danke gegen die gnädige Kurprinzessin!" 
entgegnete der Doktor. 
„Dank wollen wir für jetzt nicht haben, mein getreuer 
Diener; denn allzusehr bedürfen wir der wohlverständigen und 
der schnellen Hülse! Und Hülfe suchen wir bei Euch!" 
„Mein gnäd'ger Herr möge in Gnaden nur das Nöthige 
befehlen!" 
„Thurneysier, — schaffet Geld und Gold! — Die polnischen 
Starosten warten ihrer Jahrgelder! Wir dürfen jetzt nicht 
länger zögern, wollen wir im Osten unsern Einfluß nicht ver 
lieren ! Ich selber brauche Geld! 
Ihr wißt, ich bin kein Freund 
von Festlichkeiten mehr und von 
hoher Zeit; allein so lang die 
Hessen und die Dänen, die Sach 
senfürsten und die Anhaltiner 
hier verweilen, muß auch ich in 
den sauren Apfel beißen und ein 
„brav Schlampampen" einmal 
übersehen! Sie spielen heute 
drüben wieder eine lustige Co- 
moediam; — wir gehen hinüber, 
wenn wir fertig sind!" 
„Wieviel an Geld verlangt 
mein gnäd'ger Herr?" 
„Ich brauche zu dem heili 
gen Dreikönigsfeste wohl an 
20 000 Gulden." — 
„Sie werden Euch bereit 
sein! — Sendet nur den Kammer 
meister übermorgen zu mir und 
habt die Gnade, von mir anzu 
nehmen, was die Glashütten gebracht, — was meine Teppich 
weberei erworben hat!" 
„Ist es denn, möglich? — Nur Verdienst mühsamer 
Arbeit? — Habt Ihr nicht die große Kunst geübt? — Soviel 
brachten die rauchigen Hütten und die Werkstatt in dem grauen 
Kloster?" 
„Ja, Herr; — sie haben's eingebracht im letzten Jahre 
bis zum Michaelistage! Und überdem, — ich habe noch hin 
reichend Geld zu regerem Betriebe!" 
„Thurneysier, — segne Gott Euch dafür, was Ihr an 
diesem armen Land gethan! — Aber das Magisterium?" 
„Es ruht! — Daß es erreicht ist, wißt Ihr, Herr! — 
Allein ich müßte fürchten, meine Kunst in übler Weise zu miß 
brauchen; — ich müßte fürchten, daß der tief geheimnißvolle 
Akt mir einst mißlänge, wollte ich Gold erschaffen, so es nicht 
durchaus nothtvendig ist! — O denket Euch den Fall, mein 
theurer Herr, daß wir mit goldnem Regen überschütteten dies 
Land! — Würden die schlimmsten Leidenschaften nicht er 
wachen? Würde der Männer Treu', der Weiber Zucht und 
Schönheit nicht gänzlich spiel und feil werden? Wo würde 
Gruppe intrrrffantrr miUclattrrlicher Waffen 
aus dem Sertiner Zrughausr. 
bleiben, was bis jetzt der Marken Ehrenkrone ist: Die harte, 
treue und gerechte Arbeit, die Standhaftigkeit, — die fromme 
Sitte und bescheid'nes Leben?" 
Da drückte der Kurfürst ihm wieder die Hand. „Doktor," 
so sprach er, ,Lhr habet Recht! Und mehr und mehr erkenne 
ich Euer einsichtsvolles und getreues Herz!" 
„Ihr wisiet, gnäd'ger Herr, was ich Euch einst gesagt, 
eh' mir das Magisterium gelang! Nur reinen Herzen schließt 
die Gottheit jede Tiefe der Natur in Gnaden aus! Kommt 
Sorge über Euch und über dieses Land: ich bin bereit! So 
lang die andern Quellen unsrer Hülfe aber sprudeln, so lang 
der Born des Fleißes und der Arbeit nicht versiegt, nehme 
ein rechter Btann nie seine Zuflucht zu der großen Kunst!" 
„So sei's denn, Thurneysier! Ihr sprecht mir aus der 
Seele! Ich sende also meine Rentmeister! Auf jene Schriften 
dort geb' ich soviel wie gar nichts; von Teufeleien, wie der 
Doktor Franz Joel von Greifswald sie Euch vorgeworfen hat, 
will ich nimmer etwas glauben; 
— kenn' ich Euch nun doch schon 
beinahe vierzehn Jahre! Doch 
kommt, — Ihr findet drüben 
auch die Kurprinzessin, meine 
liebe, liebe Tochter Katharina, 
und Herrn Joachim Friedrich, 
meinen Sohn! — ich denke auch 
die Distelmeier's und Lynar's!" 
Sie schritten beide, der Fürst 
und sein Leibarzt, durch den 
langen Corridor einem der Fest 
säle des alten Schlosses zu. Noch 
heut, im Jahre 1883 ist derselbe 
wohlerhalten; er bildet den gro 
ßen Raum im Hause der Her 
zogin, dem hochgegiebelten, von 
den beiden polygonalen Thürmen 
nach der Spreeseite zu einge- 
schlosienen Baue, welchen Peter 
Ninron aufgeführt hat. 
Das Adventsspiel hatte be 
reits begonnen. Da kniete sie vor dem Engel der Verkündi 
gung, die holdselige Magd Maria! — Wie, — täuschten den 
Leibarzt seine Augen nicht? Das war ja das Fräulein 
Marina von Croaria! 
Welch' eine Maria! — Nicht jene blonde, von deutschen 
Malern dem orientalischen Frauenbilde untergeschobene, fast 
mädchenhafte Madonnengestalt, — nicht die demüthige Magd des 
Herrn in ihrer seelischen Hoheit, — nein, — die Nachkommin 
Davids und Salomos, das königliche Weib aus Judas Stainme, 
— so zeigte sich Marina von Croaria! In dem schwarzen 
Haare funkelte Edelgestein; — mit ihren eigenen Juwelen 
hatte die Kurprinzessin ihre Hofdame geschmückt! Wie eine 
Königin nahm das Fräulein die Huldigung der Hirten auf! 
Thurneysier wie alle Kavaliere des Hofes waren berauscht 
von dieser Schönheit, dieser Herrlichkeit! 
Das kurze Adventsspiel war gar bald beendigt; die er 
lauchten und edlen Zuschauer desselben vertheilten sich, um 
noch für eine Stunde die Gastfreiheit des Kurfürsten zu ge 
nießen. Der Kurfürst zeichnete Thurneysiern außerordentlich 
aus; nur der Leibarzt, der Graf Lynar, der Kurprinz und die
        
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