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Periodical volume 3. Mai 1884, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Du diesen Junkern zu verschiedenen Malen gewährt hast, hat 
ihn nicht aufhalten können! Die stolzen Patrizier wollen außer 
Landes gehen, nichts mit sich nehmend als den Wanderstab!" 
„Es ist erschütternd! — Wehe schon dem Jünglinge, 
der keine Hcimath mehr besitzt! Doch wenn der reife Mann 
sich trennen muß von allem, was ihm lieb und theuer ist, — 
wenn gar der Greis die fremde Scholle suchen muß, auf der 
er müd' sein Haupt zur Ruhe hinlegt: das ist noch tief'res 
Leid, und keiner Hoffnung Schimmer giebt ihm Trost!" 
„An Deine eigenen Verluste denkst Du nicht?" 
„Sie machen mich nicht arm! Wir und die Kinder haben 
wohl zu leben, Alexander! — Mir ist's, als ob ich selber 
nicht mehr allzu viel gebrauchen würde! Du wirst einst sorgen 
müssen für den Leonhard und die Elisabeth! Mein lieber 
Bruder, — ich möchte Dich durch Zweifel nicht beleid'gen; aber 
versprich's mir feierlich noch einmal, — bleibe treu und fest!" 
Alexander runzelte die Stirn. „Bruder," sprach er, „hab' 
ich Dir jetzt noch nicht den gültigsten Beweis geliefert, daß ich 
Dir mit voller Treue, voller Hingabe zu dienen Willens bin? 
— Glaube mir, — auch meine Stellung ist nicht leicht hier 
in Berlin! Du siehst selbst niemand, und wer zu Dir kommt, 
wünscht bei Dir Hülfe zu finden und — er schweigt! Ich 
aber muß anhören, was sie in der Stadt sich zuraunen, — 
was die ehrsamen Frauen, — was diese jämmerlichen Spieß- > 
bürger sich erzählen! Das ist nicht leicht, besonders für einen 
Kricgsmann nicht, der gern vom Leder zieht! — Ich möchte 
Dir wohl rathen; aber Du hörst ja nicht; — ich meine. Du 
würdest Frieden finden, wenn Du nach dem Vaterlande zurück 
gingest! — Willst Du hier warten, bis Dein Glück zerstört 
und Dein Geschick entschieden ist?" 
„Zurückgehen nach Basel! — Es ist nicht möglich, so 
glühend und mächtig mich auch die Sehnsucht nach der Hei- 
math oftmals überfällt! — Du weißt, wie viele Feinde ich 
zu Basel zähle!" 
„Du hättest nicht die Hälfte dessen zu opfern nöthig 
gehabt, was Du hier verschleudert hast, und Du wärest jetzt 
in Deiner Vaterstadt der angesehenste der Bürger, ein König 
unter den freien Männern der Republik! — Nimm Deinen 
Wohnsitz wieder dort!" 
„Es gehet nimmer an! Du kennst die feierliche Zusage 
noch nicht, die ich dein Kurfürsten gegeben! Du kennst das 
Wort des Schutzes nicht, mit welchem er bei seiner Fürsten 
ehre sich auch mir verbürgt hat! Und welchen Dank bin ich 
ihm schuldig! Blicke um Dich, Alexander; — alles, was wir 
sind und was wir haben, schulde ich ihm und dem Ver 
trauen, welches er mir erwiesen hat! Nein, undankbar kann 
ich nicht sein; es ist entschieden, ich bleibe hier!" 
„Du denkst allzu gering von Dir! Was Du zu Lande 
hier geschaffen hast, — ist das nicht voller Dank für alles, 
was Du je erhalten? Und verdankst Du diese Fülle, diesen 
Reichthum nicht auch Mühen und Arbeiten von wahrhaft 
riesenhafter Art?" 
„Nein, Alexander, — spare Deine Worte! Ich bleibe 
hier, — ich bin gebunden!" 
Thurneyffers Bruder lachte. „Ich wollte Dich auch um 
die Gelder bitten für den Haushalt! Handle, wie Du nur 
immer willst! Die Menschen, Leonhard, dächt' ich, müßtest 
Du wohl kennen!" 
Der Leibarzt gab das Verlangte. Ein: „Es ist sehr , 
viel, was Du gebrauchst!" fügte er der hohen Forderung 
indessen doch hinzu. 
„Ich kann nicht wirthschaften, wie es ein Weib wohl 
thut; — Du weißt, ich brauche nichts für mich!" — so 
lautete die gleichmüthige Antwort des kecken Mannes. Nach 
dem er das Geld erhalten hatte, ging Alexander. 
Thurneyffer verharrte noch einige Augenblicke in Nach 
denken. „Es ist ein freudeloses Leben, diese Einsamkeit!" 
So sprach er. „Und doch, — wie kann ich Anderes mir er 
hoffen? Die Kinder werden aufwachsen und in das Leben 
hinaus treten; sie werden mir allmählig fremder und fremder 
werden! — Ja, es ist ein tiefes Heimweh, welches über mich 
gekommen ist; — ein brennender Durst nach süßem, sel'gem 
Frieden, nach köstlichen Augenblicken der Ruhe und des Ver- 
geffens, — er stößt mir fast mein Herz ab!" 
„Und sollte es nicht möglich sein, den Frieden zu er 
langen? Sollte meiner Zukunft jede Liebe mangeln? Ich 
kann ja, wie ich hoffe, Gold darbieten; — ich kann ja alles 
geben, was die Menschen allzumal für schön und des Be 
gehrens werth erachten! — Allein, — wo ist das ernste 
Weib, das mich versteht!" — 
„Doch wundersam, — dies Horoskop Marina's von 
Croaria! Wie eng verbunden war's mit meines Lebenslaufes 
Kreisen! Und dennoch; ja, mir graust, wenn ich an dieses 
kalte Herz gedenke! Ein flüchtiger, buntfarbiger Falter ohne 
Seele, — ein Weib ohne Gemüth und ohne Furcht und ohne 
Hoffnung! So sagte sie ja selbst! — Hinweg mit dem Ge 
danken an die Fremde!" — 
Er arbeitete weiter. Es war ein trostlos trüber Winters 
tag, und früher noch, als er gedacht hatte, mußte Thurneyffer 
von dem Schreibtische aufstehen. Er rüstete sich zu dem 
Gange nach dem Schlöffe. 
Beim Abendläuten verließ Thurneyffer sein Haus; die 
beiden Edelknaben leuchteten ihm durch die engen Gaffen 
Berlins bis zur langen Brücke hin. Er trat nicht ohne eine 
gewiffe Beklommenheit in die Schloßhalle ein, um sich von 
dem Thürknechte bei der Herrschaft melden zu lasten. 
Aus den oberen Räumen der gerade jetzt in ihren Haupt 
theilen vollendeten Burg zu Köln an der Spree strahlte heller 
Lichterglanz auf deu verschneiten Schloßhos hinaus: „Wo 
finde ich die Herrschaften?" fragte Thurneyffer den wach 
habenden Offizier von den kurfürstlichen Trabanten. „Sie 
führen droben ein Adventsspiel auf; doch der Durchlauchtige 
ist nicht dabei; — er sinnt und sorgt in seinem Erkerstüblein!" 
Bald sah sich Thurneyffer dem Kurfürsten Johann George 
gegenüber. 
„Mein lieber Medikus, — ich hab' gar viel mit Euch 
zu sprechen!" begann Herr Hans George. „Sehet hier, — 
Ihr habet viele Feinde; — doch Ihr braucht sie nicht zu 
fürchten! Ich habe diese Schriften wohl gelesen; allein sie 
haben nicht vermocht, das Zutrauen, welches ich zu Euch 
gefastet hab', auch nur im Mndesten wankend zu machen! 
Ihr habt mein Wort: „Nie soll ein Argwohn stehen 
zwischen mir und Euch!" War ich doch Zeuge Eurer Kunst! 
Allein Ihr müßt auf diese Schriften antworten.! Das seid Ihr 
jchuldig Euch, dem Lande Brandenburg, mir und der 
Wahrheit!" 
„Gnäd'ger Fürst, ich werd' es thun; — bewahret mir 
indessen Eure Hohe Huld!"
        
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