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Volume 26. April 1884, Nr. 31

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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nach Böhmen und Ungarn zu ziehen, da wußten die Straußberger, , 
die den Berlinern nichts nachgeben wollten, ihrem Landesherrn 
keine bessere Ehrenbezeugung zu bereiten, als einen sestlichen Fisch 
zug aus dem Straußsee. Das Vergnügen hatten die Zuschauer, 
den Schaden aber die Kietzer, denn die Kämmereirechnung ge 
nannten Jahres, in welcher dafür eine Ausgabe von 24 Gr. 10 Pf 
notirt ist, setzt trocken hinzu, daß „als das gärn vnd Zehse ge 
zogen, wenig gefangen“ worden sei. So unbedeutend jene Kosten 
dem Uneingeweihten zu sein scheinen, sie waren für damalige Ver 
hältnisse erheblich genug, denn für einen Scheffel Roggen gab man 
nach derselben Kämmereirechnung 6 Gr. märkisch. 
Das Recht der Kietzer, mit dem kleinen Zeuge zu fischen, schloß 
„och nicht ein solches mit dem großen Garne in sich. Dieser 
Unterschied zeigt sich, wenn auch öfters etwas verschleiert, nicht nur 
in allen Kietzen bei den Städten, sondern auch in den Fischer- ! 
dörfern des Oderbruchs und in denjenigen Dörfern aus dem Bar- 
nim, in welchen es fischereiberechtigte Koffäthen gab. Bestimmt 
tritt dieser Unterschied aber bei Straußberg hervor. Hier haftete > 
den Hausstellen auf dem Kietze nur erstgenanntes Recht erblich an 
und mußte der Zins dafür gezahlt werden, ob die Fischerei mit 
dem kleinen Zeuge ausgeübt wurde oder nicht. Mit dem großen 
Garne zu fischen und dafür den sogenannten Garnzins entrichten, ! 
konnten aber auch Bürger der Stadt übernehmen. Ihre Zahl hat 
immer vier betragen und betitelte man dieselben, wie auch in 
anderen Städten, „Garnmeister," zum Unterschiede von den anderen ! 
Fischern, die man. Kleinteuwer, Kleintubber und Kleinzügler, auch j 
Kleinfischer nannte (anderswo, z. B. bei Potsdam, nannte man 
dieselben auch Burgfischer, Burgstädter oder Burgsträßer). 
Der Garnzins betrug für die Fischerei auf allen der Stadt 
gehörigen Seen (Strauß-, Bötzow-, Fenger- und Klostersee) jährlich 
10 Schock. 
Wollten die Kleinzügler außer dem Straußsee, auf welchem mit ! 
dem kleinen Zeuge zu fischen sie allein das Recht hatten, auch 
die anderen Seen*) in dieser Weise nutzen, so bedurften sie dazu 
der Erlaubniß des Stadtraths, welche jährlich von neuem einge 
holt werden mußte. Es heißt darüber in dem Stadtbuche von 1526: 
Oie Kleinteuwer Anno dom. etc. XXVI. sind die Klein- S 
tewer alle gekamen vor eiin Ersame Rath olde vnd Nighe vnnd J 
varnie die Water weder anthonemen gespraken, bette ein Rath j 
ehm die sulwige Water alle IUI weder thugeseth mit solchem j 
beschede effth ein Rath worde van Noden hebben deth sj \ 
olden ichlich III Dage helpen fischen vnd sich sie deth sulwige 
alszo verwilligeth. 
Zum Fischen gebrauchte man und gebraucht man noch heute: 
1. Den Hamen, ein beutelartiges Netz, das mittelst eines 
Bügels an einer hölzernen Gabel befestigt ist. Man hat 
große und kleine, und nennt sie in einzelnen Gegenden 
auch „Kescher." 
2. Reussen, aus Weiden geflochtene lange Körbe, welche 
an Pfählen befestigt und in das Waffer gesenkt wurden. 
.3. Netze verschiedener Größe, darunter die Waathe, das 
Treibezeug, die Wände, die Tutebelle, das Wurf 
garn, das Schlauchgarn, die Fünfgerte. 
4. Fischleuchten, jetzt verboten; ein mit einem Stiel ver 
sehener Korb, in welchen man einen brennenden Kiehn- 
spahn steckte, um damit die Fische zu blenden, worauf 
*) Der Stadt Straußberg gehörten nämlich anfänglich nur der 
Straußsee und der Herrensee. Nur auf ersterem hatten die Erb- 
sischer das Recht, mit dem kleinen Zeuge zu fischen. Im Jahre 1367 
aber kaufte der Rath noch die beiden großen Seen Bötzow und Fenger 
hinzu, und zog auch den kleinen Klostersee in die zu befischenden Ge- 
wäffer. Auf letzteren drei Seen ohne weiteres zu fischen war den Kietzern 
nicht erlaubt. 
man sie bequem mit den Händen und Netzen fangen 
konnte. 
Die meisten Namen des Fangzeuges entstammen dem Wen 
dischen. 
Wie über Streitigkeiten der Ackerbürger auf Feld und Weide 
ein Wröhgericht entschied, das von Standesgenoffen besetzt war, wie 
über die der Beutner in der Haide das Zeidelgericht jährlich in 
Kienbaum urtheilte und die Gilden in den Städten den Zunstge- 
richten unterworfen waren, so bestand auch eine solche Einrichtung 
ohne Ausnahme auf allen Stadtkietzen und Fischerdörfern. Im 
Straußberger Kietz handhabte ein Schulze und zwei Beisitzer Jahr 
hunderte hindurch die Ordnung in der Fischergilde. Während aber 
nach den noch vorhandenen Statuten in der Wröh der Ackerbürger 
und in den Gilden der Handwerker bei Strafen für Vergehen auf 
bestimmte Scheffel Hafer oder Pflastern von so und soviel Ruthen 
Straßendamm erkannt wurde, hatten die Fischer in ihren Sentenzen 
nur auf Tonnen Bier Bedacht zu nehmen. Es ist dies gewiß eine 
eigenartige Bestimmung, an die man nicht glauben würde, wenn 
nicht ein Statut von mindestens 50 Paragraphen Zeugniß davon 
ablegte. Jedenfalls wird man doch das Bier nicht haben sauer 
werden lassen, sondern die ehrbaren Fischer haben es christlich 
ausgetrunken. 
(Schluß folgt.) 
Misrellen. 
Etwas von König Friedrich Wilhelm IV. Als der König in 
schlichtem Civilüberrocke in früher Morgenstunde einmal unweit Sanssouci 
spazieren ging, bemerkte er von fern eine Frau, welche auf den vor 
ihren Milchwagen gespannten Esel eifrig losschlug. Er ging näher und 
fragte nach der Ursache ihrer Heftigkeit. Mit Thränen in den Augen 
antwortete die Frau: „Ach Gott, ich hab' so große Eile und nun will 
der dumme Esel nicht fort. Bin ich nicht zur rechten Zeit in Potsdam, 
fo verliere ich alle Kunden. Ich kenne aber seine Mucken schon. Wenn 
ich nur Jemanden hätte, der den Esel von vom bei den Ohren faßt und 
ich prügle von hinten auf ihn, — dann geht er schon." Der König 
faßte ganz ernsthaft den Esel bei den Ohren, die Frau half nach, der 
Esel kam in Trab und die vergnügte Besitzerin desselben dankte dem unbe 
kannten Helfer freundlichst. Zu Hause erzählte der König seiner Gemahlin 
von seiner Dienstleistung. Die hohe Frau schien sein Verfahren nicht zu 
billigen und äußerte: Als Kronprinz, lieber Fritz, ging das wohl; aber 
als König —" „Liebes Kind", unterbrach fie lächelnd der Monarch, 
„mein seliger Vater hat manchem Esel fortgeholfen." 
Bei dem Feste am 18. Oktober 1840 hatte sich ein Offizier in die 
Genüffe des wohlbesetzten Buffets sehr vertieft und Hut und Degen unter 
dessen bei Seite gelegt. Plötzlich kommt der König auf ihn zu. Er 
schrocken springt der Offizier auf und will nach Hut und Degen greifen; 
aber fteundlich winkt ihm der Monarch, in Ruhe bei seinem Schmausen 
zu bleiben, indem er ihn auf die Achsel klopft und scherzend spricht: „Die 
Waffen ruhn, des Krieges Stürme schweigen!" 
Der Motaniker Link — er war von 1815—51 Profeffor an der 
Universität zu Berlin — war der Schrecken aller Kandidaten, welche ge 
wöhnlich in dem Fache, das er als Mitglied der Oberprüfungskommission 
zu vertreten hatte, nicht recht zu Hause waren. Einst kam er mit katar 
rhalischen Beschwerden behaftet in die Prüfung, und als die Reihe des Era- 
minirens an ihn kam, richtete er nach seiner genialen Weise mit ganz 
heiserer Stimme an den Kandidaten die Frage: „Sie hören, woran ich 
leide. Sagen Sie mir, was würden Sie mir verordnen, wenn Sie mein 
Arzt wären?" Ohne Zögern versetzte der Geftagte: „Vor Allem, Herr 
Geheimerath, hätte ich Ihnen gerathen, bei solchem Wetter — es war 
im Winter — zu Hause zu bleiben, da Ihr Ausgang nur schlimme 
Folgen haben kann." Man kann sich denken, welches Gelächter unter den 
Zuhörern entstand. Auch der Examinator stimmte darin mit ein und 
meinte: „Das glaube ich Ihnen von Herzen gern." — Uebrigens 
traten die schlimmen Folgen bei dem Kandidaten dies Mal nicht ein, der 
wider Erwarten alle weiteren Fragen richtig beantwortete. M. M. 
Kaiser Wilhelm - Straße. Der von dem Magistrat der Stadtver- 
ordneten-Versammlung vorgeschlagene Beschluß, eine größere Summe für 
die Kaiser Wilhelm-Straße und die Verbreiterung des nördlichen Theiles 
der Reuen Friedrich-Straße zu bestimmen, ist bekanntlich vom Etats- 
Ausschuß der Stadtverordneten - Versammlung noch erweitert worden 
und wird wohl bei der Stadthaushalts - Etats - Berathung fast ein- 
müthig angenommen werden. Damit tritt diese für den Stadttheil Berlin 
und die ganze innere Stadt hochwichttgste Angelegenheit in ein neuer
	        
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