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Periodical volume 26. April 1884, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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erwähnen. Aber wenn wir in unsern Tagen uns in electrischem 
Lichte sonnen können, so wollen wir nicht vergessen, daß unter den 
vielen deutschen Physikern, die sich in der Elektrizitätslehre ver 
dient gemacht und es der Wissenschaft ermöglicht haben, solche 
wahrhaft glänzenden Triumphe zu feiern, auch Otto von Gericke*) 
einen Ehrenplatz beanspruchen darf. 
Experimente. 
1. Ausdehnsamkeit der Lust, gezeigt an einem Gummiballon 
unter dem Recipienten. 
2. Gewicht der Lust, nachgewiesen an einem ausgepumpten Glas- I 
kolben. * 
3. Quecksilberregen. 
4. Dasymeter (Densimeter.) 
5. Pergamentpapier durch den Luftdruck gesprengt. 
5a. Gummiplatte desgl. 
6. Magdeburger Halbkugeln. 
7. Gefrieren von Wasser durch starke Verdunstung. 
8. Elektrisches Ei. 
Die Fischerdörfer (Metze) und die Fischerei auf dem 
Äarnim. 
Von JU. SfernOnfi. 
Noch heute ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß Markgraf 
Albrecht der Bär und seine Nachfolger, als sie die Mark Bran 
denburg an sich brachten, die slavische Bevölkerung aus ihren 
alten Wohnungen mit Waffengewalt verdrängt, ihnen Acker und 
Weide genommen und den wenigen Zurückgebliebenen als einzige 
Erwerbsquelle die Ausübung des Fischfangs gestattet hätten. Diese 
letzteren wären hierdurch genöthigt worden, sich in der Nähe ihrer 
früheren Wohnsitze an Seen und Flüssen anzusiedeln, worin der 
Ursprung der späteren Kietze zu suchen sei. 
Diese Ansicht haben ältere Chronisten verschuldet, und obgleich 
neuere Forschungen fast das gerade Gegentheil festgestellt haben 
und man allerseits bestrebt gewesen ist, die Sache in ein anderes 
und befferes Licht zu stellen, so sitzt der alte Glaube doch zu fest, 
um so bald zu verschwinden. Wie man aber annehmen kann, 
daß die Einwanderung und Kolonisation der Deutschen in so 
enormer und rapider Weise vor sich gegangen sei, daß in kurzer 
Zeit fast jede Spur von den ackerbautreibenden Slaven verschwun 
den, während die Deutschen die überwiegende Bevölkerung bildeten, 
ist unbegreiflich. Wenn man nur erwägt, wie langsam und be 
schwerlich eine Kolonisation nur von einigen kleinen Distrikten in 
der Mark im 17. und 18. Jahrhundert, in friedlichen Zeiten, ge 
wesen ist, so würde man diese schnelle Germanisirung im 12. und 
13. Jahrhundert als eine Fabel erkennen müffen. Ganz abge- 
sehen von den damaligen ungünstigen Transport- und Verkehrs 
mitteln waren den ins Land gerufenen Rheinländern und Nieder- j 
ländern die Bodenverhältnisse der Mark eben so fremd, wie ihnen 
die alten Bewohner feindlich. 
Auch der Umstand, daß sich noch heutzutage eine so große 
Anzahl Ortsnamen unverkennbar wendischen Ursprungs vorfinden, 
spricht dafür, daß das deutsche Element erst im Lauf der Zeiten j 
durch beständige Zust römungcn von Westen her die Oberhand ge- j 
Wonnen hat. Mögen auch in den meisten Landschaften die ein- 
heimischen Wenden erst mit den Waffen zur Unterwerfung ge 
zwungen worden sein, ihre Vertreibung von Grund und Boden 
fand dennoch nicht in dem Umfange statt, wie häufig angenommen 
wird. Und was die beiden Landschaften Barnim und Teltow 
angeht, so scheint hier erst recht keinerlei Verfolgung ausgeübt 
worden zu sein. Man ließ die Edelleute auf ihren angestammten 
Höfen und im Besitz ihrer Güter, die den Acker bebauenden uno 
Viezucht treibenden Bauern und Koffäthen in ihren Dörfern, die 
Zeidler in ihren Waldkolonien, die Fischer in ihren Hütten 
an Seen und Flüssen. Es hätte ja auch durchaus nicht im In 
teresse der Markgrafen liegen können, eine Bewohnerschaft auszu 
rotten, welche schon zu Zeiten des heiligen Bonifazius in ganz 
Deutschland als fleißige und tüchtige Landwirthe und Bebauer 
sandigen Bodens bekannt waren. Hatten doch die fränkischen 
Priester, welche später den Bischof Otto von Bamberg auf seinen 
Reisen durch die Mark und Pommern begleiteten, den Reichthum 
dieser Gegend an Wildprett und Fischen, an Getreide, Obst, Milch, 
Butter, Honig, Meth, Wolle u. s. w. gerühmt und erklärt, daß 
das Land, welches die Wenden durch ihre Kultur verbeffert hätten, 
ein gelobtes Land zu heißen verdiente, wenn nicht Wein, Feigen 
und Oelbäume fehlten. — Ist dieses Urtheil auch überschwenglich, 
so leuchtet doch so viel daraus hervor, daß die Wenden ein fleißiges 
betriebsames Volk gewesen, von denen die Deutschen lernen konnten 
und gewiß auch lernen mußten, wie man einen überaus sandigen 
Boden nützlich bewirthschafte. 
Der wendischen Fischerdörfer (Kietze) muß es weit mehr ge 
geben haben, als heute noch erkennbar sind, und darf man wohl 
ohne weiteres behaupten, so gut wie sich heute bei Nachgrabungen 
auf dem Barnim fast bei jedem See und dem kleinsten Tümpel 
eine heidnische Begräbnißstätte findet, ebenso hat es fast bei allen 
fischehaltenden Gewässern ehemals auch wendische Fischerhütten 
(Kytza) gegeben. Die Städte Freienwalde a. O., Wriezena.O., 
Straußberg, Biesenthal, Liebenwalde, die Dörfer Fried 
land und Woltersdorf haben heute noch zu ihren Seiten 
Fischerdörfer, welche man Kietze nennt, und man darf annehmen, 
daß alle Ortschaften, welche nach dem Karolinischen Landbuch von 
1375 zur Zahlung von Waffer- und Kahnzins an die Grundherr- 
schaft verpflichtet gewesen sind, entweder Kietze enthalten oder doch 
unter ihren Bewohnern Fischer gezählt haben. Der Urtypus 
wendischer Fischerdörfer in der Mark fand sich ehemals und findet 
sich zum Theil noch an der Oder und Spree. 
Für die etymologische Deutung des Namens „Kietz" giebt es 
verschiedene Meinungen, einige sagen, derselbe entstamme dem 
Worte „Ketzscher", das ein beutelartiges Netz bezeichnet. In 
Pommern, Mecklenburg, der Uckermark und im Barnim nennt 
man solches Netz heute noch „Kescher". Weil die erbliche Be 
rechtigung aller auf den Kietzen angesetzten Fischer sich nur auf 
die Fischerei mit dem „kleinen Zeuge", mit dem Handzeuge 
erstreckte, nirgend aber auf solche mit dem großen Garne, so hat 
diese Deutung des Namens etwas für sich. Da derselbe aber der 
Gesammtheit der Wohnungen der Kleinfischer galt, welche man 
einzeln auf wendisch „Ketza" oder „Kitza" nannte, so dürfte der 
Name Kietz wohl hiervon entlehnt worden sein. Es ist dies um so 
wahrscheinlicher, weil man die Kleinfischer, die zerstreut in Acker 
dörfern wohnten, wie noch vorhandene Erbregister genugsam er 
kennen lasten, zu den ackernden Koffäthen*) rechnete, welche man 
„Kotzen", „Koffcten", „Koffäthen" nannte. Also den Fischern und 
ihren Hütten ziemlich gleichlautende Bezeichnungen. 
Man sagt gewöhnlich, daß die Kietze bei den Städten die 
erste Anlage der letzteren gewesen und meint, es hätte nur wen 
dische Fischer an solchen Plätzen vor Ankunft der Deutschen ge 
geben. Wenn man diese Behauptung ausstellt, so müßte man 
auch sagen, daß ein solches Fischerdorf einen besonderen Namen 
*) Wir werden gelegentlich einmal auf den Mann zurückkommen, der 
als Augenzeuge in seinen uns hinterlassenen Tagebüchern den Brand und 
di« Zerstörung Magdeburgs durch Tilly beschrieben hat. 
*) Daß es unter den Wenden eine Bauerschaft nach deutschen Be 
griffen gegeben hat, muß ich sehr bezweifeln. Ich halte dafür, daß als 
Unterfassen nur Kotzen (Ackerbauer), Kietzer (Fischer) und Butner 
oder Beudner (Bienenwirthe) eristirt haben.
        
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