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Volume 26. April 1884, Nr. 31

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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langt. Das Wirthshaus von Carpin liegt direkt bei dem Austritt 
aus dem Walde an der Straße; es bietet nichts, als ein Glas 
Bier und ein Käsebrod; allein will man wissen, mit welcher Liebe 
die Mecklenburg-Strelitzer von ihrem lieben Großherzog Georg er 
zählen und will man aus Volksmund hören, was das für ein 
guter lieber eigener Herr gewesen, ist man dort an richtiger Stelle. 
„Das Herz", hat einst der verstorbene Fürst gesagt, „gleicht den 
Kindern, die sich alte Geschichten, die ihnen lieb geworden sind, 
gar gern wieder erzählen lassen". Wie viele und wie hübsche er 
zählen die Strelitzer von ihrem unvergeßlichen Georg! 
Otto von Gericke. 
Von 9. 9. R. 
(Mit dem Portrait S. 429.) 
Otto von Gericke verdient vor allen seinen Zeitgenossen als 
Förderer der physikalischen Wissenschasien Beachtung. Auf den ver 
schiedensten Gebieten hat er Beobachtungen gemacht und, was ihn 
besonders auszeichnet, seine Untersuchungen sind nicht nur historisch 
merkwürdig für die Entwickelung der Wissenschaft, sondern sein 
Name wird immer wieder genannt und seine Experimente werden 
immer von neuem wiederholt werden, wie weit auch die Wissen 
schaft sich ausbreiten und vertiefen mag. 
Ein besonderes Interesse beansprucht dieser Mann aber noch 
deswegen, weil er nicht ein eigentlicher Gelehrter war, der seine 
ganze Zeit und Kraft der Wissenschaft widmen kann, sondern 
weil er mitten im praktischen Leben stand und zwar in einer Zeit, 
die jeden gewaltig in Anspruch nahm. 
Im Jahre 1602 wurde Otto von Gericke geboren, sein Jüng 
lingsalter und seine besten Mannesjahre fielen also in die traurige 
Zeit des dreißigjährigen Krieges, der Deutschland wirthschastlich 
und politisch zu Grunde richtete und seine geistige Entwickelung auf 
lange Zeit hinaus zum Stillstand brachte. Auch Gericke wurde in 
die Wirren dieses Krieges hineingezogen. Im Jahre 1631 war er 
Zeuge der Zerstörung seiner Vaterstadt Magdeburg durch Tilly; 
er hätte dabei fast sein Leben eingebüßt und gerieth in die Gefangen 
schaft der Kaiserlichen, aus welcher er sich aber durch ein Lösegeld 
von 300 Thalern loskaufte. Später trat er in schwedische Dienste 
und stieg bis zum Oberingenieur der Festung Erfurt. 
Im Jahre 1642 trat er in den Dienst seiner Vaterstadt zu 
rück und wurde 1646 zum Bürgermeister gewählt. 
Dies Amt hat er viele Jahre zum großen Nutzen der Stadt 
verwaltet; 5 Jahre vor seinem Tode legte er es fteiwillig nieder 
und zog zu seinem Sohne nach Hamburg, wo er 1686 starb. 
Am meisten hat Otto von Gericke seinen Namen berühmt ge 
macht durch die Erfindung der Luftpumpe und verwandte Unter 
suchungen, in zweiter Linie durch seine Versuche über Elektrizität. 
Am Schlufie sollen die interessantesten Experimente, die mit 
der Luftpumpe *) anzustellen sind, angeführt werden, wobei allerdings 
einige von ihrem Erfinder noch nicht gemachte Versuche hinzuge 
nommen sind; eine Beschreibung und Erklärung derselben würde 
jedoch über den Rahmen dieses Aussatzes hinausgehen. 
Werfen wir jetzt einen kurzen Blick aus die Entwicklung, 
welche Gerickes Erfindungen später genommen haben. 
Die Theorie der Luftpumpe hat seit ihrer Erfindung keine 
wesentliche Veränderung erfahren, wenn auch die Konstruktionen 
zweckmäßiger und eleganter ausgeführt sind. Da für manche 
Untersuchungen die Verdünnung einer Gerickeschen Luftpumpe nicht 
*) Ein Original-Exemplar der Gericke'schen Luftpumpe befindet sich 
m der Königlichen Bibliothek. 
ausreicht, so hat man neuerdings Quecksilberlustpumpen konstruirt, 
die nicht auf dem Prinzipe der Pumpe, sondern auf dem des Baro 
meters beruhen, aber doch in sofern als eine Fortsetzung jener 
Versuche angesehen werden können, als das Wesen des Luftdruckes 
durch die Luftpumpe erst völlig verständlich wurde. 
Erwähnt sei hier noch, daß in neuester Zeit an Orten, wo 
eine Wasserleitung mit hohem Druck zu Gebote steht, die Wasser 
luftpumpe wegen ihrer großen Bequemlichkeit vielfach Anwendung 
findet; dieselbe beruht aber auf einem ganz anderen Prinzipe. 
Eine weit größere Ausdehnung hat die von Otto v. Gericke 
geförderte Elektrizitätslehre gewonnen. Es ist merkwürdig, wie 
langsam die ersten Fortschritte dieser Wissenschaft gewesen sind, die 
in der neueren Zeit so reißende Fortschritte gemacht hat und die 
allgemeine Theilnahme genießt. Die ersten elektrischen Erschei 
nungen wurden schon von den Griechen an dem Bernstein entdeckt, 
wie denn auch von dem griechischen Namen dieses Minerals 
yXtxTQov (electron) dieser ganze Zweig der Physik seinen Namen er 
halten hat. Aber fast zweitausend Jahre blieb die Thatsache ver 
einzelt und unerforscht, daß einzelne Körper wie Bernstein, Schwefel, 
Harze die Eigenschaft besitzen, wenn sie gerieben werden, leichte 
Körperchen anzuziehen. 
Wesentliche Fortschritte wurden dann erst durch den Engländer 
Gilbert gemacht, der ein Jahr nach Gerickes Geburt starb. Letzterer 
förderte dann die Elektrizitätslehre, indem er zuerst ein Instrument 
konstruirte, daß die Idee einer Elektrisirmaschine enthielt. 
Sein Instrument bestand im Wesentlichen aus einer Schwefelkugel, 
die er dadurch bildete, daß er Schwefel in einer Glaskugel schmolz 
und dann die Glaskugel zerschlug. Die Schwefelkugel durchbohrte 
er und steckte sie auf eine Axe, mit welcher er sie drehen konnte. 
Als Reibzeug diente dabei die trockene Hand, mit der er die 
Kugel umfaßt hielt. 
Mit diesem rohen Instrumente machte er eine Reihe neuer 
und wichtiger Versuche. 
Doch auch jetzt noch machte die Elektrizitätslehre wenig Fort 
schritte. Nachdem mehrere Jahrzehnte hauptsächlich englische 
Forscher sich mit diesem Zweige der Wissenschaft beschäftigt hatten, 
wurde erst 1743 von deutschen Physikern die erste wirkliche Elek 
trisirmaschine konstruirt, mit der die Untersuchungen mit größerer 
! Sicherheit und Deutlichkeit fortgeführt werden konnten. Bald dar 
auf im Jahre 1745 wurde dann fast gleichzeitig von dem Dom 
dechanten von Kleist zu Kammin in Pommern und einem Privat- 
! mann in Leyden die Verstärkungsflasche erfunden, die auch in 
Deutschland aus falscher Bescheidenheit nicht Kleistsche, sondern 
Leydener Flasche genannt wird. 
Jetzt wurde das Studium der Elektrizität allgemein. Franklin 
erkannte die elektrische Natur der Gewitter und konstruirte 1752 
den ersten Blitzableiter. Uebrigens wurde auch in Deutschland, 
unabhängig von Franklins Versuchen, der Blitzableiter kurz darauf 
erfunden. Etwa zwanzig Jahre später wurde von dem berühmten 
! Volta der Elektrophor erfunden, später der Condensator. 
Durch einen eigenthümlichen Zufall wurde der Arzt Galvani in 
Bologna im Jahre 1790 auf eine neue Art der Elektrizitätserzeugung 
geführt, die von ihm den Namen erhalten, obgleich erst Volta diesen 
neuen Zweig der Wissenschaft durch die im Jahre 1800 erfundene 
Voltasche Säule förderte. Jetzt folgte eine Reihe der glänzendsten Ent 
deckungen. Die Voltasche Säule wurde durch die constante Kette, 
die galvanische Batterie, ersetzt, man lernte die Wärme- und Licht 
wirkungen des elektrischen Stromes kennen, sowie die physiologischen, 
chemischen und magnetischen. Die letzten wurden durch die Entdeckung 
der magnet-elektrischen Maschinen besonders wichtig, in denen um 
gekehrt durch Magnetismus Elektrizität erregt wird, und die jetzt 
ausschließlich zur Erzeugung des elektrischen Lichtes angewendet 
werden. Es würde zu weit führen, die vielen genialen Erfindungen, 
die auf diesem Felde gemacht sind, auch nur dem Namen nach zu
	        
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