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Periodical volume 26. April 1884, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Als der Empfang vorüber und die hohen Herrschaften abgefahren 
waren, machten auch wir uns bereit zum Eintritt in die Stadt. 
Eine lange fteundliche Straße mit schlechtem Trottoir führt vom 
Bahnhof aus nach dem Marktplatz, auf welchem sich das von 
A. Wolff in Erz gegossene Standbild des Großherzogs Georg be 
findet. An diesem Manne hängen noch jetzt mit großer Treue 
die liebsten Erinnerungen der Bevölkerung. Und auch uns 
Berlinern steht die Person dieses Herrschers vertraulich nahe als 
der Bruder unserer Königin Luise. Die Jahre 1799 bis 1802 j 
verlebte der junge Prinz in Berlin, um seine Studien zu voll- 
enden, und pflegte Umgang mit Männern, wie Jean Paul, Jo 
hannes Müller, Gentz und Ancillon, während seine Vorliebe für 
Musik in der italienischen Oper Nahrung fand, wo damals die 
Marquetti das Publikum entzückte und die schon betagte Mara 
immer noch ihre Verehrer hatte. Daneben waren es die Gesell 
schaften des alten liebenswürdigen Ministers von Alvensleben und 
der Frau von Berg, der geisweichen und treuen Freundin der Kö 
nigin Luise, in denen er mit der gelehrten und künstlerischen Welt 
des damaligen Berlin in Berührung kam. Der Gewährsmann, 
dem wir folgen, zieht einen hübschen Vergleich heran, welcher zur 
Charakteristik der damaligen Gesellschaftsströmungen Berlins dient. 
Die Materie erfülle einen großen Kessel auf Erden, in den die Gott- ! 
heit die Seelen eintauche, und zwar die Eine bis auf den Grund, 
die andere weniger tief, und einige wenige auserwählte lasse sie 
nur die Oberfläche berühren, nur gerade so viel, als zum glücklichen I 
Leben nöthig. Der Prinz Georg gehörte zu den letzteren und barg 
in seinem Inneren etwas, was an seine Schwester erinnert. Schon ! 
deshalb ist es auch für unsere Kreise interessant, dem innern Leben 
dieser Jndivitualität näher zu treten und zu schauen, wie sie sich 
in einer Zeit entwickelte, in welcher die gleichgeartcte Seele seiner 
Schwester zu verfolgen uns ihr Hinscheiden inmitten ihrer euer- ! 
gischesten Charakterentwickelung versagte. Wie würde sich das ! 
innere Leben der Heldengestalt unserer Königin Luise entwickelt ! 
haben, wenn ihr ein milderes Geschick vergönnt hätte, durch die 
namenlosen Kämpfe hindurch ihre schöne Seele m die Ruhe des 
Sieges und Friedens hinüberzuwagen? Das ist eine Frage, auf 
welche wir später bei den Luisenerinnerungen aus Mecklenburg zu 
rückkommen werden und welche hier nur aufgeworfen sei, da es sich 
für uns darum handelt, die gleichartige Innerlichkeit ihres Bruders 
weiter zu verfolgen bis an das Lebensende eines Greises. Die 
Seelenkämpfe dem ftanzösischen Usurpator gegenüber sind auch ihm, 
wie seiner Schwester, nicht erspart geblieben; allein wir dürfen 
über diese Ereignisse hier um so mehr hingehen, als wir die Dar 
stellung derselben, besonders der Reise des Prinzen Georg nach 
Paris, in Horns Buch der Königin Luise bei unseren Lesern vor 
aussetzen. 
Die Leidensjahre sind vorüber, die Siege von 1813 geben der 
Entfaltung stolzer Freude Raum. Und was schreibt da der Prinz 
an 'seine Schwester Therese von Berlin aus, von wo er seinen 
bei Möckern verwundeten Bruder Karl abholte? „Worte habe ich 
nicht, sondern bloß Freudcnthränen, die ich auch schon tausendfältig 
knieend Gott zu Opfer dargebracht habe und eigentlich zum einzigen 
Opfer, das unserem Glück angemesien ist. Deutschland errettet! 
Die alte deutsche Ehre wieder errungen, zehnfach wieder errungen. 
Ach beinah ist es des Glückes zu viel nach so langen 
bangen Jahren! O nur Eins, nur Eins: unser Engel — und 
es bestände, was nicht auf Erden bestehen kann: vollkommenes 
Glück." So ging mitten in der allgemeinen Freude sein Denken 
zurück aus diejenigen, die er am liebsten mit sich ftoh wißen wollte, 
zunächst aus seine Schwester Luise, das Opfer der napolconischcn 
Zeit, dann aber weiter auch auf Goethes Mutter, wenn er schreibt: 
„Wie schade, daß die alte Goethe todt ist, daß sie die Wiederge 
burt ihrer Stadt nicht erlebt, deren Fall ihr das Herz abge 
drückt hat". 
Bald nach dem glücklichen Befteiungswerk der Deutschen vom 
französischen Joche, während desien der Prinz seinen edlen 
Patriotismus zu bewähren Gelegenheit fand, rief der Tod des 
Vaters ihn an die Spitze der Regierung. All sein Thun und 
Trachten war auch in dieser verantwortlichen Stellung seinen 
Idealen zugewandt, welche seine jugendliche Gemahlin Marie, eine 
geborene Prinzessin von Hessen-Kassel, mit ihm theilte. Die Jahre 
vergingen, aber das Herz des Greises blieb jugendfrisch an allem 
dem haften, was er je als gut erkannt, als edel gefühlt hatte. 
„Lieben und wohlthun" das war sein Lebenszweck; aus dieser 
Tugend folgten die andern: Treue im Kleinen und gegen Jeder 
mann, Demuth und Bescheidenheit, die für sich selbst am letzten 
sorgt. Aus diesem Sinne heraus entstanden die Schöpfungen 
seiner Regierungsthätigkeit: die Hebung der Bildung seiner Unter 
thanen durch die Einrichtung eines geregelten Volksschulwesens, die 
Aushebung der Hörigkeit, die Befteiung von der drückenden 
Schuldenlast aus den letzten Kriegszeiten, nach deren baldiger 
Tilgung er sein Land durch viele Bauten von Chausseen und 
Kanälen, Kirchen und Schulen schmücken konnte. Und was baute 
er für sich? Ein Schweiz er haus, ein Haus von Holz, in welchem 
er durch 27 Jahre hindurch die Sommermonate zubrachte. 
In der Frühe eines frischen Herbstmorgens pilgerten wir 
hinaus zu dem Heiligthum eines edlen Mannes. Der Weg führt 
in südsüdöstlicher Richtung die Chaussee nach Alt-Strelitz entlang 
über die Bahn an dem Vorwerke Marly und der Radelandschen 
Ziegelei vorüber; weiterhin bleibt links die großherzogliche Fasanerie 
liegen, ein von einer Mauer umgebenes parkartiges Gehölz, in 
welchem früher Fasanen, jetzt eine Gastwirthschast gehalten wird. 
Bei den Drevesmühlen führt der Weg links ab, um nach einer 
kurzen Strecke wieder rechts in den Thiergarten einzubiegen. Das 
ist ein Wald, wie ich ihn so schön in der herbstlichen Färbung seiner 
Buchen in Ost und West unseres Vaterlandes nirgend noch gesehen 
hatte, und zwischen dem Wild, das hinter den Bäumen hervor 
neugierig auf die Wanderer schaute oder vor uns her in starken 
Rudeln über die Wege sprang, ging uns ein Ahnen der Freiheit 
auf, welches, erlöst von den starren Formen großstädtischer Gesell 
schaftlichkeit, im Walde das ernste, ernste Wort sucht, das die Gott 
heit dort in erhabenen Zügen für das kleine Menschlein geschrieben 
hat. In dieser Idylle liest man auch die Zeilen, welche der Groß 
herzog Georg selbst an sein liebes Schweizerhaus inmitten der 
herrlichen Natur schrieb, mit ganz anderem Denken, mit ganz 
anderem Herzen: 
Nur Wenigen ist's vergönnt, im Heiligthum der Kunst 
Den hohen Sinn noch höher zu entfalten; 
Wem es gelang, dem ward des Schicksals Gunst, 
Es mußten freundliche Gestirne walten! 
Doch giebt's ein Heiligthum, das Jedem offen steht, 
Ersetzend, ivas dem Geist und was dem Herzen fehlt, 
Du bist's, Natur, an die mein Ruf ergeht, 
Dein Altar ist's, den ich für immer mir erwählt! 
In dem Schweizerhause selbst ist Alles beim Alten gelassen 
und man kann die Zimmer des edlen Naturfreundes in ihrer Ein 
fachheit noch sehen. Das ist ein lohnenderer Genuß, als auf den 
nahen, ziemlich baufälligen Aussichtsthurm zu steigen, von 
welchem man eine zwar hübsche, aber nicht imponirende Rundschau 
genießt. 
Will man von Berlin aus eine Tagesparthie nach dem 
Schweizerhaus in den Serrahnschen Bergen unternehmen, so thut 
man bester daran, in Alt-Strelitz die Dahn zu verlaßen, um von 
dort über die Domjüchmühle oder an dem Domjüchsee vorüber, an 
dessen User einst ein bereits 1276 zerstörtes Dorf lag, nach dem 
Jägcrpohl zu lvandern. Man erreicht tvcitcrhin über den Schwcin- 
gartensce und den Schwarzen Sec bei Carpin lviedcr die Straße, 
, auf welcher inan zurück durch den Thiergarten nach 'Neustrelitz ge-
        
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