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Periodical volume 26. April 1884, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Arbeiter Dich unterziehst, Zerstreuung wohl genug! Jedwede 
mitzenbriiigcndc Kunst zu lernen, steht Dir frei! — Ich selbst 
begegene Dir völlig brüderlich! Nur eins versprich mir: Du 
verläßt das Haus nicht ohne mich! Du hast mit Niemand 
Umgang außer mir und denen, die mich hier aufsuchen! 
Sag', Alexander, gehst Du den Vertrag mit mir wohl ein?" 
„Mit Freuden, liebster Bruder!" 
„Hier hast Du meine Hand! Nur, Alexander, werde mir 
kein Judas! — Meiner Frau begegnest Du mit höchster 
Achtung; denn sie ist es gewesen, die für Dich gebeten hat!" 
Die Brüder umarmten sich. In Alexanders Augen 
leuchteten Thränen. Sein Brnder nahm ihn und führte ihn 
Frau Anna zu. — 
Es war eine Freude für den vielbeschäftigten Leibarzt, 
im Herbste 3 575 und in dem darauf folgenden Winter zu 
sehen, mit welchem Eifer sein gleichfalls hochbegabter Bruder 
Alexander der Geschäfte des Hauses, der wisienschaftlichen und 
der industriellen Unternehmungen sich annahm, welche damals 
auf dem Boden des grauen Klosters erblühten. Für all' und 
jedes zeigte Alexander Thurneysier ein offenes Verständniß. 
Vor allem zog ihn der Buchdruck an. Bald konnte der 
Leibarzt seinem Bruder die gesammte Leitung der großartigen 
Druckerei im grauen Kloster übertragen, und es waren in der 
That typographische Meisterwerke, welche im Herbste 1575 
hier erschienen. 
Als der erste Schnee gefallen war, konnte der Gelehrte 
mit den Seinen ein Fest feiern, wie es einer Bürgerfamilie 
nur selten beschieden ist. Den ganzen Sommer über war in 
der fast zerstörten Klosterkirche gearbeitet worden; jetzt zum 
1- Adventssonntag sollte dieselbe eingeweiht werden. Thur- 
neyffer hatte seiner Gemahlin Wunsch erfüllt! Die Wände, 
die Säulen waren neu gestrichen worden; die Sitze der alten 
Franziskaner mit den wunderlichen Schnitzereien waren neu 
aufgerichtet; manches bei Seite geworfene Schnitzwerk, manche 
Heiligenfigur und mancher alte Wappenschild erglänzte in 
neuer Pracht! In seinen Gießereien hatte Thurneysscr das 
neue Taufbecken Herstellen lasten; über dem kleinen Altar hatte 
er eine edelschöne Kreuzesgruppe mit St. Johannes und der 
schmerzensreichen Mutter des Herrn gestiftet. Die Glashütten 
von Zechlin und Grimnitz hatten farbige Gläser zur Aus 
schmückung der schlanken und graziösen Fenster des Chorraumes 
geliefert. Und er, der all' diese alte, verloschene Herrlichkeit 
erneuert hatte, — ein wie bescheiden Denkmal hatte er sich 
hier nur gesetzt! An einem Kruzifixus hatte er sein Wappen 
schild anbringen lassen und die Unterschrift: 
„Thurneysscr hat mich neu gemacht, 
Da ich alt war und ganz veracht't!" 
— 1575. — 
Ja, es war ein schöner Adventssonntag! Der Kurfürst, 
Herr Johann George, war mit seinem Hofe zum Gottesdienste 
erschienen und saß unter der Kanzel; Thurneyffer ihm gegen 
über. Atich Rath und Schöffen von Berlin wohnten dem 
Gottesdienste bei. Und wie jetzt der herrliche Adventschoral 
erklang: 
„Wie soll ich Dich empfangen 
Und wie begegn' ich Dir!" — 
wie jetzt draußen die Sonne so freundlich leuchtete durch die 
beschneeten und bereiften Zweige, — wie die Spatzen auf dem 
Kirchhof zwitscherten und nun der Propst von Berlin, Herr 
Coler, in der prächtigen, gestickten Kasel vor den Altar trat 
und den Introitus iutonirte, da leuchtete es wie eine selige 
Fröhlichkeit hin über die Züge Frau Anna Huetlin's, und in 
ehrfürchtiger und doch so liebevoller Verehrung blickte sie wie 
stets auf zu ihrem Gatten, dessen Hochherzigkeit sie diesen, ihr 
so willkommenen Tag verdankte. Und als der Gottesdienst 
zu Ende gekomnien war, trat der Kurfürst an seinen Leibarzt 
heran und sagte: „Ich danke Euch, lieber Doktor, daß Ihr 
dies schöne Werk vollbracht habt! Das muß jede Feindschaft 
wider Euch entkräften!" — 
Was sollte, — was wollte dieses Wort? — Thurneyffer 
wußte und verstand es nicht! Wo hatte er Feinde? Lebte 
er hier nicht in Frieden und in Freundschaft mit aller Welt! 
Suchte er sich nicht jedermann hülfreich zu beweisen? — That 
er nicht gutes, soviel er nur irgendwie konnte, an den Armen 
und den Kranken? Welch' räthselhaftes Wort also! Er nahm 
sich vor, den Kurfürsten über dasselbe frei und offen zu be 
fragen. Doch der schöne Tag war ihm verdorben! 
Nach der Mahlzeit theilte er sich dem Bruder mit. Es 
war Frau Anna nicht gelungen, die düsteren Geister zu be 
schwören; — sie wußte nicht, was heute grad', wo sie so froh 
und glücklich sich fühlte, ihrem Gatten geschehen war. 
Alexander warf den Kopf empor. „Leonhard;" sprach 
er, — „daß sie allerlei sich zuzuraunen haben, — daß sie 
über Dich tuscheln, das weiß ich lange, lange schon! Laß 
sein; — es giebt mehr Städte in der Welt, da die Männer 
trotz Wehrgehäng' und Degen sich zeigen wie die Waschweiber!" 
„Ich will es wissen!" 
„Bestimmtes hab' ich nicht vernommen!" 
„Du mußt's erfahren!" 
„Ich komme nimmer heraus!" 
„Hier hast Du ein paar Goldgulden! — Du mußt es 
in Erfahrung bringen! Gehe heute aus in die Schenken, in den 
„Rathskeller," den „goldenen Hecht," den „schwarzen Bären," 
in die „Rippe;" — was weiß ich, wie all' diese Dunsthöhlen 
heißen! Setze Dich zu ihnen! Dich kennt niemand, — frage 
sie aus über mich! — Hier, noch ein paar Portugaleser! 
Laß Dir's etwas kosten; — Du bist ein fremder Cavalier und 
willst mich sprechen; — meine Arbeiter laß ich heut nicht 
aus; sie bekommen Bier in dem alten Refektorium! Aber, — 
bringe mir Nachricht!" — 
Das war nun freilich wohl ein Auftrag nach dem Herzen 
des Herrn Alexander! Sowie das Vesperglöcklein ausgetönt 
hatte, machte er sich dann auch auf den Weg! 
Neugierig blickten ihn die Bürger an, welche im „Raths 
keller" versammelt waren; er grüßte sie; schien ihrer aber 
nicht eben sehr zu achten, als er sein Kännlein „Bernauer" 
vor sich hatte. Alexander Thurneyffer hatte es verstanden, 
sich das Aussehen eines Dienste suchenden Kriegsmannes zu 
geben! — Solche Gesellen mit Stutzbärten und breiten Hüten, 
mit einem Sammetwammse und mit ungeheuren Stiefeln; — 
sie sah man aller Orten, und sie fielen nicht aus längere Zeit 
auf. — So wandte sich denn die Aufmerksamkeit der „Ehren 
festen und Ehrsamen" gar bald wieder von ihm ab. 
Aber wie sorgsam der anscheinend nur mit seinem Kruge 
beschäftigte Kriegsmann auch lauschte: er vernahm keine An 
spielung auf seinen Bruder. Plötzlich aber mußte er auf 
horchen. „Wißt Jhr's schon," fragte einer der Männer, an 
scheinend ein Schlächter, welchen die anderen Pagel nannten.
        
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