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Volume 19. April 1884, Nr. 30

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Friedr. Abraham Strauß, der um fünf Jahre jünger war 
als Schelling, Der Dichter der „Glockentöne" und „Helon's 
Wallfahrt nach Jerusalem" war eine leicht an andere sich an 
schmiegende Natur, und daß er zu Schelling hin Fühlung suchte, 
verstand sich schon aus seiner Stellung zum Hofe. Nur war Schelling 
nicht gerade geneigt, die ihm von Strauß entgegengebrachte Hul 
digung zu erwidern, und wich er ihm nicht direkt aus, so vermied 
er doch jedes intimere Verhältniß mit dem Oberhofprediger schon um 
der Unfähigkeit halber, die dem Letzteren gerade für philosophisches 
anhaftete. Aber ich bin nicht in der Stimmung, dem alten Strauß 
wehe zu thun: er hatte ein herzliches Interesse für seine Zuhörer, 
die ihn nur „Professor" anreden durften, und wenn er mit einem 
Studenten von der Lennsstraße aus in den Thiergarten ging — es 
durfte ihm ein kleiner munterer Hund folgen — so passirte viel 
Drolliges. Seinem homiletischen Seminar gehörte ein junger 
Theologe an, der den Herrn Professor für eine Preisarbeit um 
Quellen anging und höchst gelehrte Fragen an ihn richtete. Dann 
warf sich der würdige Herr in die Brust und holte weit aus, um 
zu antworten: „Ja, mein lieber Freund und Commilitone, ich kann 
Ihnen sagen — Spitz, Spitz! o über diesen Hund, da läuft er 
wieder auf die Beete; wenn das der Wächter sieht — Spitz, 
Spitz!" Und im Nu pfiff er das Thier heran. „Du sollst ja 
nicht die schönen Blumen zertreten, du bist ein Schlingel, couche 
dich!" Der Studiosus kam auf seine Frage zurück. „Herr Pro- 
feffor, die Homilien des Origenes . . ." „Ja wohl, des Origenes 
— wo ist nun wieder dieser Hund? Sehen sie nur, jetzt läuft er 
den Sperlingen nach, und er soll doch nicht auf den Rasen! Spitz, 
Spitz!" Und er wurde wieder herangepfiffen. „Du wirst nicht 
wieder mitkommen, du störst durch deine Unarten, jedes ernste 
Gespräch!" Spitz that als wenn er sich's zu Herzen genommen 
hätte, es kam aber ein anderer Hund, und mit dem verschwand er 
im f)iu unter den Bäumen. „Es ist doch gar nicht zu sagen, mein 
lieber Freund, welchen Aerger Einem dieser Hund macht. Wir 
waren beim Origenes, jo wohl! o dieser Origenes, was für ein 
Apologet, ein Schriftgelehrter für's Himmelreich — aber was 
fange ich wohl mit dem Hunde an? wo ist er? Spitz, Spitz!" 
Da kommt er an, reuevoll abbittend, und das rührt den alten 
Herrn. „Jetzt bleibst du hübsch bei Herrchen in den Wegen und 
machst mir hier keine Verdrießlichkeiten — Sie sehen mein Lieber 
Freund, wie sehr wir gestört werden, wir kommen zu keinem ernsten 
Gespräch. Wir sehen uns wohl bald wieder? ich muß mit dem 
Thier nach Hause." Es ist recht vielen ähnlich ergangen wie dem 
wißbegierigen Studiosus: Die Thiergarten-Gespräche mit dem 
Professor Strauß verliefen in der Regel resultatlos. Dabei waren 
seine „Abendglockentöne" der Natur abgelauscht, und die Freude 
am Thiergarten war es gewesen, die ihn eine Wohnung mit 
freiem Ausblick auf ihn hatte wählen lasten. 
Die Schönheit unseres Thiergartens hatte so Manchen im- 
ponirt, der sich unter ihm nichts Rechtes hatte vorstellen können. 
Als Gesenius zum ersten Male hierher kam, war ihm zu Ehren 
ein kleines Essen im Türkischen Zelt bestellt worden, und bei der Fahrt 
vom Brandenburger Thor nach Charlottenburg schlug er vor Ver 
wunderung die Hände über dem Kopf zusammen, daß bei Berlin 
so schönes Laubholz wüchse; er hatte sich unter dem Thiergarten 
eine Anzahl prosaischer Kiefern vorgestellt. — Und wie viele 
Süddeutsche, die durch ihre heimathlichen Reize verwöhnt waren, 
wurden auf das angenehmste überrascht, hier em Stück Erde vor 
zufinden, auf dem sich's ähnlich ergehen läßt, wie auf dem Heidel 
berger Philosophenweg! Sogar dem Schweizer Eduard Bieder 
mann und dem Genfer Vauch er hat's hier recht gut gefallen: sie 
sanden geistvolle Lehrer, deren peripatetische Unterweisungen ihnen 
den Thiergarten unvergeßlich gemacht haben. H. B. 
Miscellen. 
Aoh. M. Frieö-Mkumauer. (Mit dem Portrait S. 409.) Wäre der 
Ruhm des Schauspielers nicht ein relativer, hinge er nicht ab von dem 
gewählten Rollenfache, ich möchte Frau Frieb-Blumauer die größte der 
diesigen, ja der mir überhaupt bekannten Künstlerinnen nennen. Frau 
Frieb-Blumauer ist in ihrem Rollenfache in der That unübertrefflich, dies 
Rollenfach selbst aber ist klein. „Ich weiß nicht, wie es kommt — " 
sagt Lessing in seiner Dramaturgie — „daß es immer die schwächsten, 
verwirrtesten Stücke sind, in welchen sich gute Akteurs am vortheil- 
haftesten zeigen. Vielleicht, weil sie in dem mittelmäßigen mehr von den. 
Ihrigen hinzuthun können; vielleicht, weil das Mittelmäßige mehr Zeit 
und Ruhe läßt, auf ihr Spiel aufmerksam zu sein." 
Die Rollen der Fried sind in der That fast alle derartig, daß die 
Künstlerin das Meiste von dem Ihrigen dazu thun muß; aber was sie 
hinzuthut, bewährt eine solche Meisterschalt, ein so gottbegnadetes Genie, 
daß man in reinstes Entzücken versetzt wird, und doch wieder bedauert, 
die herrlichsten Gaben an meist kleine Stoffe verschwendet zu sehen. Die 
Hauptschranke in der Begabung unserer Künstlerin ist, daß sie kein Talent 
für tragische Rollen hat; ein Hauptvorzug der Fried, daß sie diese Schranke 
kennt. Wie alle bedeutenden Mitglieder unserer Hosbühne ist Frau Frieb- 
Blumauer am vorwiegendsten Realistin. Aber dieser urgesunde Realis 
mus artet niemals in groben Naturalismus aus. Frau Frieb-Bluniauer 
ist immer Künstlerin, und welche Künstlerin! 
Die Fried war erst Sängerin und wandte sich erst später zum 
Schauspiel. 
Johanna, Minona Blumauer wurde am 11. Mai 1816 in Stuttgart 
geboren. Sie betrat schon als Schulmädchen in Neustrelitz im „Freischütz" 
die Bühne, machte dann auch einen theatralischen Versuch in Gotha und 
debütirte endlich nach dreijährigen Studien auf dem Prager Konservato 
rium als jugendliche Sängerin am Hoftheater zu Darmstadt. Ihr 
nächstes Engagement führte sie nach Köln, das folgende nach Düsseldorf, 
wo sie unter Jmmermann zum Schauspiel übertrat. Darauf ging 
sie nach Meiningen, von da nach Brünn, und da sie sich hier 1829 mit 
dem Ingenieur Fried vermählte, schien sie der Bühne verloren. 
Jedoch bereits 1842 wurde sie auf Saphirs Empfehlung Mitglied 
des Wiener Karltheaters, an dem sie, durch Beckmann veranlaßt, zum 
Charakterfach überging. Sie erhielt einen Antrag für das Burgtheater, 
leistete jedoch demselben nicht Folge und ging 1853 auf Dörings Empfeh 
lung nach Berlin. 
Hier wirkt sie seit 31 Jahren als die ausgezeichnetste Künstlerin und 
als die beste deutsche Darstellerin im bürgerlichen Drama. Ihre „Ober 
försterin" in den „Jägern", ihre „Christiane" in den „Dienstboten" und 
ihre hundert ander« vortreffliche Rollen haben ihren Ruf weit verbreitet. 
Ihre Tochter Lina (geboren 1845) zu Wien, starb leider 1876 als die 
Gattin des Kapellmeisters Mühldorfer zu Leipzig. — 
Ein Zugendportrait des Kroßen Kurfürsten (mit Portrait 
S.417.) Am 6. Februar (nach neuem Stil am 16. Februar) 1620, Nachmittags 
4 Uhr, wurde dem Kurfürsten Georg Wilhelm und seiner Gemahlin auf dem 
Schlosse zu Kölln a/Spree ein Prinz geboren, dem später die staunende Mitwelt 
den Beinamen des „Großen Kurfürsten" ertheilte. Als Tauszeugen 
fungirten des Kurprinzen Großmutter, die Prinzessin Anna, die Wittwe 
des Kurfürsten Johann Sigismund, die Prinzessin Marie Eleonore, welche 
später Gattin des Schwedenkönigs Gustav Adolf wurde und die Prinzessin 
Katharina, nachmals Gattin Bethlen Gabors von Siebenbürgen. Des 
Prinzen Erzieher waren Johann von der Bork, dann Rumelian von 
Kalkhun, genannt Leuchtmar. Unter dem letzteren fungirte Geheim 
sekretär Jakob Müller als „Informator", später als „Präzeptor" der 
Pole Johann Willniovius (Wilmdow), der Friedrich Wilhelm mit der 
polnischen Sprache vertraut machte. 
Als die Wirren des 30 jährigen Krieges sich der Mark näherten, be 
stimmte Georg Wilhelm Setzlingen zum Aufenthalt des Kurprinzen, 
später Küstrin, wo der junge Prinz zusammen mit seiner Schwester 
Hedwig Sophie erzogen wurde. Zwei Jahre lang lebte der junge Fürst 
alsdann in Stettin, dann kehrte er 1634 nach Berlin zurück. Im 
Jahre darauf begann er seine „Kavaliertour" nach Holland; aus diesem 
Jahre etwa stammt die Vorlage zu unserer Illustration. Er bezog die 
Universität Leyden, ging später nach Arnheim, dem Haag, Breda und 
kehrte im Mai 1638 über Hamburg, Werben rc. nach Berlin zurück. Aus 
der Zeit seines Aufenthaltes im Haag stammt sein Liebesroman mit der 
Pfälzischen Prinzessin Ludovika Hollandine, die später als 
Aebtifsin zu Maubouißon bei Paris starb, und welche aus den Briefen 
der Schwägerin Louis XIV., der geistreichen Elisabeth Charlotte von 
Orleans näher bekannt ist. — 
Aeander-Anclidoten. Neander hat eines Tages in einer entfernteren 
Gegend Berlins einen Besuch gemacht; als er sich aus dem Rückweg be 
findet, überrascht ihn ein Regenschauer und zwingt ihn, einen Wagen zu 
benutzen. Er eilt zu der nächsten Droschke, öffnet den Schlag, steigt ein. 
Auf die Frage des Kutschers, wohin er den Herrn fahren solle, erwidert 
Neander bedächtigen Tons: „Nach Hause". Der Kutscher lacht und fragt 
von Neuem: „Ja wohin denn aber?" „Nun eben, nach Hause" — 
tönt die Antwort. „In des Deibels Namen, wo' wohnen Sie denn?" 
ftagt ärgerlich der biedere Roffelenker, welcher den Hern, Profeffor nicht 
kannte. — „Ha hm, wo wohne ich denn," — murmelt Neander- vor sich 
hin. „Es ist die Straße welche" — „Na welche und welche Nummer?" 
unterbrach ihn der Kutscher, „ich habe die Uzerei satt!" — Neander
	        
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