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Periodical volume 19. April 1884, Nr. 30

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Der Thiergarten und die Gelehrten. 
„Der Berliner Sand, auf welchem Hegel und Schleier 
macher lehrten, ist nicht minder geweiht, als die Plantanengänge 
Athens oder die Oelgärten Jerusalems" — so David Strauß in 
einem seiner Dialoge aus den sechziger Jahren in lebendiger Er 
innerung an seine akademische Jugend, deren schönste Stunden er 
im Berliner Thiergarten zugebracht hatte. Wo immer nur wir uns 
in ihm ergehen, wandeln wir auf klassischem Boden, und könnten 
die Bäume uns erzählen, was in ihrem Schatten von großen 
Denkern ersonnen und besprochen worden ist, wir würden lange 
zuzuhören haben und mancherlei neues wie interesiantes erfahren. 
In Heinrich Benecke's Biographie Wilhelm Vatke's be 
gegnen wir auf Spaziergängen im Thiergarten dem jungen Licen- 
tiaten Vatke in eifrigem Gespräch mit dem Tübinger Repetenten 
Strauß. Da, wo jetzt Drake's Atelier steht, schüttete Strauß 
vor Vatke sein Herz aus. „Der Schleiermacher hat mich 
mächtig angeregt, ich bin ihm viel Dank schuldig; aber der Mann 
hat mich doch nicht befriedigt. Er bleibt auf halbem Wege stehen, 
er sagt nicht das letzte Wort. Dies Wort werde ich aussprechen, 
ich reise jetzt nach Tübingen zurück, und, höre, Vatke: ich schreibe 
ein Leben Jesu nach meiner Idee." Die Geburtsstätte dieser ge 
waltigsten Geistesarbeit des Jahrhunderts war der Berliner Thier 
garten. Und wie lebte er in Strauß' Erinnerung fort! „Viel 
leicht," schrieb er im August 1832 an Vatke, „führt Dich der 
Herbst zu uns? ich habe immer die Hoffnung, Dich bald bei uns 
zu sehen. Eine solche Reise wäre Deiner Gesundheit gewiß sehr 
zuträglich; faß Dir einmal das Herz, so lange Deine Studien bei 
Seite zu legen. Wir wollten da auf Spaziergängen am Neckar 
hin die im Berliner Thiergarten begonnenen Gespräche fortsetzen, 
die mir immer so angemessen und lehrreich waren." 
Er hat ihn noch zwei Mal wiedergesehen, und wäre Strauß 
1840 hier gewesen, er würde seinem Freunde im Thiergarten be 
gegnet sein, wo Vatke die schwierigsten Partieen seiner „mensch 
lichen Freiheit" zu überdenken liebte. Wo keiner ihn stören möchte, 
saß er aus einer Bank und erklärte sich die Ursachen des Bösen 
aus dessen intelligibler Nothwendigkeit. Er überdachte auch, wie 
in seiner Biographie weiter erzählt wird, auf einsamem Spazier 
gang die Entstehung wie den Zweck des 45. Psalms und den 
Ausbau seiner Pentateuch-Studien. 
Und während Vatke mit Vorliebe in dem Theil des Thier 
gartens sich erging, der die Charlottenburger Chaussee südlich be 
grenzt, sah man von der Schifferstraße aus, der jetzigen Roonstraße, 
über den Exerzierplatz weg, der in Königsplatz umgetauft ist, Vatke's 
Antipoden Hengstenberg kommen. Das war ein leidenschaftlicher 
Spaziergänger, Nach Schluß der Sprechstunde um 4 Uhr machte 
er sich auf die Wanderung, nicht ungern in Begleitung eines 
Studenten. Ich hatte ein Tentamen bei ihm durchzumachen, und 
er schlug vor, dies peripatctisch sich abwickeln zu lassen, worauf ich 
gern einging. Das kleine Examen verlief auf diese Weise zwang 
loser, auch unbefangen. Er fragte nach dem Gottesbegriff der 
Mystiker und wodurch er sich von dem Hegelschen unterschiede. So 
kam die Rede auf dessen vermeintlichen Pantheismus, und H en gsten- 
berg blieb stehen, um in Betrachtung eines Baumes den Nachweis 
zu führen, alles wäre dem Hegel Gott, jeder Strauch, jedes 
Steinchen, jedes Spinngewebe. „Und dieser Gott rings umher," 
fuhr Hengstenberg in Würdigung der Mystiker wie Hegel's fort, 
„ist mir, die Schönheit der Natur bewundernd, hundert mal mehr 
werth, als der allerneueste Gott, der in Thronreden, in Adreffen, 
in Proklamationen angerufen wird. Das ist Hirngespinnst, Lächer 
lichkeit. Es giebt nur einen: den Herrn Zebaoth; der steckt nicht 
in diesen Bäumen um uns her, der läßt sie aber grünen und ver 
welken, und höre ich die Blätter rauschen, so ist mir's, als ver- , 
nehme ich seine Stimmme." Aus dem Dozenten war der ! 
Psalmist, der Apokalyptiker geworden; es war interessant, mit 
diesem Manne durch den Thiergarten zu schweifen. 
Die Schifferstraße, in der nicht weit von Hengstenberg 
Albrecht v. Graefe wohnte, der auch den täglichen Besuchern 
des Thiergartens zugehörte, passirte um die Mittagszeit, von der 
Louisenstraße kommend, Leopold v. Ranke. Den sah ich ost im 
Thiergatten sich ergehen; vor dreißig Jahren ganz allein, später 
in Begleitung eines seiner gelehrten Amanuenses. Der kleine Herr 
scheint, wenn allein, unaufhörlich zu meditiren. Er überdenkt das 
Geschriebene und sucht im Schatten der Kastanien nach schönen 
Formen für das Erdachte. Es ist kein Historiker so wie er darauf 
bedacht gewesen, in der Darstellung der Gestalten wie der Situa 
tionen rein Künstlerisch zu verfahren. Die Studirstube läßt ihn 
nur zur Zusammentragung und Sichtung des Materials kommen; 
der Hauch zusammenschmelzender Phantasie durchweht ihn im 
Alleinsein auf seinen Spaziergängen. Nicht stört ihn zufälliges 
Geräusch von den Zelten her, auch nicht die lustwandelnde Menge: 
er ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, so ganz in Gedanken ver 
sunken, daß er manch Grüßendem nicht dankt. Das sich Ergehen 
draußen im Freien muß ihm wohl absolute Benöthigung sein, denn 
es ist kaum ein Anderer unserer Gelehrten so regelmäßiger und 
passionirter Thiergarten-Besucher, als der bald 88jähttge Leopold 
Ranke. Max Dunker und Heinrich v. Sybel sind auf seinen 
Mittags-Exkursionen ost seine Begleiter gewesen, und diesen beiden 
Schülern, die schon lange histottsche Meister sind — wie werthvoll 
wird ihnen die Erinnerung an ihre Gespräche auf Spaziergängen 
mit Ranke für ihr ganzes Leben bleiben. 
Wir gehen vor Kroll quer durch den Thiergarten zum kleinen 
Stern, und wir stoßen auf eine Stelle, an welcher Jakob und 
Wilhelm Grimm sich trafen. Doch lassen wir Jakob selber 
reden. In seiner „Rede über das Alter" sagte er, des verstor 
benen Bruders gedenkend: „Ich habe es wohl an mir erfahren, 
daß, wenn entlegene Pfade mich über Flur und Aecker fühtten, 
selbst unter verdoppelten Schritt, gute Einfälle mir zuflössen. 
Waren irgendwo Zweifel zu Hause hängen geblieben, plötzlich 
wurden sie im peripatetischen Nachsinnen gelöst, und unterwegs 
einem lieben Bekannten zu begegnen! wie freute mich innig, im 
Thiergarten aus meinen Bruder, wenn er plötzlich von der andern 
Seite herkam, zu stoben; nickend und schweigend gingen wir neben 
einander vorüber. Das kann nun nicht mehr geschehen." 
„Der einsame Spaziergang" — was über ihn Jacob Grimm 
weiter sagt, muß Jeder selber nachlesen: es sind goldene Worte. 
Einsam zu lustwandeln war, wie den beidm Märchenbrüdern, 
.dem von München hierher berufenen Joseph von Schelling 
Freude und Befriedigung. Ihn sah man nie mit einem Andern 
gehen; es war, als hätten zu seinem strengen Fürsichsein ganz 
bestimmte Gründe ihn bewogen. Um den Anfang des gegenwär 
tigen Jahrhundetts hatte der außerordentlich bedeutende Mann in 
den Gang der deutschen Philosophie gewaltig eingegriffen, und 
durch Bunsens Vermittelung berief ihn Friedrich Wilhelm 14'. 
zu nichts geringerem hierher, als zur wiffenschastlichen Ueberwindung 
des Hegelianismus, zur Begründung einer christlichen Philosophie 
und zur Heranbildung einer neuen Generation im deutschen Volke 
Aber wie war es Schilling ergangen? Die Hegelianer verspotteten 
seine Offenbarungs-Philosophie und die akademische Jugend entzog 
sich ihm bis auf ein kleines Häuflein, aus dem späterhin die Hw- 
theologie sich rekrutitt hat. Schelling fühlte bald heraus, wie un 
klug er gehandelt hatte, hierher zu kommen, und wer ihm begegnete, 
der sah dem stattlichen Manne an, wie sehr ihn ein innerer Kummer 
verzehrte und daß er gestiffentlich die Berührung mit andern ver 
mied. Die engen Seitenwege des Thiergattens schlug er am liebsten 
ein und den Bäumen klagte er Wohl sein Leid über die Gefähr 
dung seines hohen Ansehens und seines großen Namens. 
Einen Bewunderer behielt er an dem Hofprediger Gerhard
        
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