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Volume 19. April 1884, Nr. 30

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Kunst wohl möglich war- Johann George gab seinem Leib 
medikus die Rechte und sprach dann ernst: 
„Nicht um meinetwillen preise ich diesen Tag so hoch; 
— nicht um meinetwillen dank' ich Euch, mein Getreuer, für 
Jahre voll der schwersten, wissenschaftlichen Mühsal: es ist 
mein Volk, — es ist dies von uns allen heißgeliebte 
Land der Mark, in deren Namen ich Euch danke, mein 
Doktor, — für welche mein Herz aufjubelt in dieser Stunde! 
Wir haben nun das Mittel, das Elend zu verbannen, und 
mit dem Elende auch viel der Sünde, — viel von bösem 
Geist und Sinn! Nicht dieses glänzende Metall hat für mich 
Werth; es ist mir nur ein Mittel zu dem hohen Zwecke, daß 
mein Volk einst glücklich werde, und daß die Sorge gescheucht 
werde aus tausenden von Herzen! Soll aber unseres ehren 
haften Meisters Entdeckung irgend welche Früchte tragen, — 
soll, Ihr Herren, dieses Gold uns auch ein Segen sein, 
so ist das meine Forderung, daß Ihr allzumal mit tiefem 
Stillschweigen bedecket, was wir hier gesehen haben. Niemand 
darf wissen, was geschehen ist! Maßlose Ansprüche würde 
man sonst an uns und unsern Leibarzt machen, und was ein 
Segen ist, würde zum Fluche werden für dies Land! — Zum 
Angedenken dieser großen Stunde aber soll in dem Hause 
Brandenburg dies Kleinod hier von Kind erben auf Kind und 
Kindeskind, — ein Zeichen dessen, was wir einst erstrebt 
haben, — ein Zeichen von dem Ruhme und der Kunst Herrn 
Leonhard Thurnchsscrs von dem Thurne!" — 
Der Doktor lud den Kurfürsten ein, seinen Sammlungen 
noch einen Blick zu schenken und dann bei ihm zu speisen. 
„Mögen die Kavaliere bleiben!" sprach Hans George. „Mir 
selber ist das Herz zu voll; — ich muß zu meiner Gattin, 
meinem Schlöffe!" 
Der Graf Rochus von Lhnar sah Thurneyffers fast 
leichenblaffeS Antlitz. „Kurfürstliche Gnaden," sprach er, „mit 
Eurer gütigen Vergünstigung geleiten wir Euch; — ich 
glaube, unserm Doktor wird die Ruhe wohlthun!" — 
Ja, es war Thurncvffern wohl, als sich der Fürst mit 
seinen Edelleuten entfernt hatte! Er war allein aus dem 
Klosterkirchhofe im Norden des Gotteshauses, hinter dem 
Blumengarten, welchen er angelegt hatte. Jnniitten desselben 
stand ein sandsteinernes Bild aus der katholischen Zeit, eine 
„Pietas," die Jungfrau Maria darstellend, wie sie den hei 
ligen, vom Kreuze abgelösten Leichnam Christi in ihrem 
Schooße hält. Vor diesem Bilde kniete der Adept demüthig 
nieder und betete in heißer Inbrunst: 
„Ich danke Dir, Du Unerforschlicher, daß Du mich nicht 
zu Schanden werden ließest, daß Du das große Geheimniß 
mir entdeckt hast! Was ich gewinne mit der geheimen Kunst: 
zu Deiner Ehre soll es angewendet werden; — Dein Diener 
will ich sein und meinen Brüdern hier auf Erden ein Linderer 
ihrer Pein! Deinen Frieden will ich mit dem Golde tragen über 
die weite Erde! Ich war selbst elend genug, um zu wiffen, wie 
wohl dem Herzen ist, welches der Bürde seiner Sorgen ledig wird!" 
Nein; — der Mann war kein Betrüger, welcher jetzt, 
die Gewißheit im Herzen, das höchste Ziel errungen zu haben, 
und tiefen, vollen Frieden im Angesichte, durch die Gräber 
reihen des Franziskaner-Kirchhofes seinem Hause zuschritt! 
Auf seiner Stirn lag etwas von schwärmerischer Zuversicht; 
— so blickt nur ein Mann, der sich bewußt ist, neue Bahnen 
gefunden zu haben zu uralten, großen Zielen! 
' Mt ihrer herzgewinnenden Anmuth empfing ihn Frau 
Anna. „Ich brauche Dich nicht zu befragen!" sprach sie, 
ihren Arm um seinen Nacken legend. „Es ist gelungen!" 
„Ja, — Gott sei Dank!" 
Die Gattin sah mit einem bewunderten Blicke zu ihm aus. 
„Es sind auch Briese angekommen, lieber Gatte;" sprach sie. „Hier 
einer von Bruder Alexander; — hier einer vom Herzog Philipp 
von Braunschweig-Grubenhagen. Des letzteren Bote wartet!" — 
„Gieb mir zuerst den Brief des Fürsten," sprach der 
Doktor, und lass mich, Liebste, einen Augenblick allein!" — 
Es sollte dem schönen, ernsten Tage auch an Humor 
nicht fehlen. Thurneyffer lächelte, als er das Schreiben des 
Weifenfürsten durchlas. Er hatte auch vollen Grund dazu! 
Daffelbe lautete nämlich wörtlich: 
„Bester, hochgelahrter, lieber und wohlandächtiger 
Herre Docktor! 
Als uns von vielen Seiten Eure ganz besondere Kunst 
und Erfahrung in denen Geheimnissen des Lebens und der 
Künste ist gerühmet worden, so nehmen wir nebst unsrer 
fürstlichen Gemahlin, der hochgebor'nen Frauen Klara, zu 
Euch unsere Zuflucht, bittende, Ihr wollet uns ja Euren 
Rath und Eure Hülfe nicht versagen. So klagen wir Euch 
denn, wie wir, so oft wir auch auf unserm Haus zu 
Rothenkirchen sind, des süßen Schlafes ganz und gar ent 
behren. Da wir denn endlich, vielfacher Beschwerungen 
halber, Pfuhl und Betten untersuchen ließen, welche denn 
auch, — doch zweifellos ex concursu Satanae*) — an 
gefüllet funden worden mit Sand, Früchten, Omeisen 
Ringen und Kränzlein von Flachs, Federn von Enten und 
Eberbörstlein. Als bitten wir Eure Weisheit noch einmal 
um Euren hochverständigen Rath und wohlmeinendes Be 
denken, was denn dieses für eine Signifikation habe unb 
welche Drittel dagegen Ihr zu gebrauchen rathet! 
Philippus, M. P. —**) 
Thurneyffer nahm ein Pergament und schrieb dem 
Fürsten, die Frau Herzogin möchte nur die Betten in ihrer 
Gegenwart machen laffen und dann das Zimmerlein auf 
Rothkirchen mit einem gar absonderlichen Schlößlein ver 
schließen, zu welchem sie allein den Schlüffcl hätte! Für alle 
Fälle aber schrieb der Doktor dem Herrn Herzog und seiner 
hochgebornen Frau Gemahlin, „wenn sie die unverzeihliche 
Hex', so die guten Federn herausgezogen und die bösen Dinge 
hineingestopfet, nicht herausfinden könnten," ein unschädliches 
Schlafniittel auf, rieth auch dem durchlauchtigsten Herrn Herzog 
„zu einem guten Becher starken Bieres oder etwelchen" vor 
dem Schlafengehen! 
Lächelnd siegelte er das Pergament und ließ den Boten 
rufen. Besorgt fragte dieser: „Hilft's auch, Herr Doktor; 
— bei uns ist eben der Teufel los!" — Thurneyffer be 
ruhigte den Boten: „Ganz gewiß, mein Sohn!" — „So 
bin ich beauftragt. Euch zwanzig Dukaten zu zahlen. Hoch 
gelahrter!" — Thurneyffer wollte das Geld nicht nehmen. 
Da sah der Bote ihn mißtrauisch an: „Dann taugt auch 
Euer Mittel nichts, mein Herr!" erwiderte der ehrliche Nieder 
sachse. Wohl oder übel mußte Thurneyffer das leicht ver 
diente Geld einstreichen. 
*) Durch Mitwirkung des Teufels, 
i *') Möhfen, a. a. O. S. 96.
	        
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