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Volume 12. April 1884, Nr. 29

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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einem großen eichenen Tische saß er selbst mit zwölf Schreibern. 
Einzeln wurden die Boten vorgelaffen- Sorgfältig las der 
Doktor die ihm übersendeten Briefe. Gewöhnlich war ihnen 
ein reiches Geschenk an goldenen, selten gewordenen Münzen, 
an kostbaren Waffen, an Geschmeide beigefügt. Der vornehme 
Herr in dem schwarz seidenen Wammse schien deffen wenig zu 
achten, — gleichgültig legte er dasselbe auf einen neben ihm 
stehenden Tisch; dann diktirte er einem seiner Schreiber ein 
Rezept, faltete selbst wohl ein Brieflein, drückte sein Petschaft 
mit dem quadrirten, die Thürme und die eisernen Nagelköpfe 
auf goldenen Längsbalken zeigenden Wappenschilde darauf 
und empfing dafür die Goldstücke, deren Anzahl er fast tonlos 
bestimmte. Ein Haufe Geldes sammelte sich an. 
Doch auch andere Schreiben als Bittschreiben um Arzenei 
mittel wurden an den Mann gesandt, welchen eine ein 
zige Heilung, die der Kurfürstin Sabina, berühmt gemacht 
hatte durch ganz Europa. Da schrieb ein Edelmann des 
fernen Frankenlandes, Hans Engelhard der Tetzel von Kirch 
sittenbach und Vohra an den erleuchteten Herrn Doktor*» und bat, 
seine zwei Söhne ihm als Edelknaben senden zu dürfen; wäre 
er doch überzeugt, daß sie an keinen» Orte besser zur Tugend 
und zur Ordnung auferzogen werden könnten!*) Thurneysser 
hieß den Boten bis zum Abend warten. Erstaunlich war die 
Schnelligkeit, die Geistesgegenwart, die Sicherheit, die Kürze, 
init der er den Schreibern, welche die Briefe ausfertigten, 
Anweisung gab und ihnen in die Feder sowohl Griechisch, 
wie Latein diktirte! Was waren das für sonderbare Ge 
sellen, die zu solchem Dienste fähig waren! Fahrende Schüler 
waren's einst gewesen; — verkommen waren die meisten bei 
dem umherschweifenden Leben; — Thurneysser hatte sich ihrer 
angenommen, hatte schlummernde Gaben geweckt, vernach 
lässigte Talente ausgebildet und auf diese Weise sich Diener 
gezogen, die ihm treu waren bis in den Tod. Denn ihm 
verdankten sie alles und jedes! 
Mit einzelnen der Boten verhandelte der berühmte Arzt 
längere Zeit. 
Denn einzelne Herrschaften forderten zum Theile auch 
eingehenden mündlichen Bescheid. „Wie freut es mich," 
sprach der weise Meister zu einem bildschönen Edelknaben aus 
Holstein, „daß Euer hochgeborner Fürst und König, Herr 
Friedrich, solche Linderung seiner Gichtschmerzen nach meinem 
Arkanum verspüret!**) Ihr bleibet ein paar Tage in Berlin 
mein Gast, junger Edelherr; — ich will das Feinste und 
das Reinste, das Kräftigste und Mächtigste für Euren Herrn 
und König bereiten; — aber Ihr sehet, — ich möchte der 
Arbeit schier erliegen! Thuet Euch gütlich in Alt-Berlin; — 
es läßt sich auch hier leben! — Einer meiner Diener wird 
Euch eine Herberge anweisen! Komm', Peter, — bringe Du 
den jungen Edelmann nach dem „Hofe von Ruppin," und 
daß der Wirth des wohlgeborenen Herrn gar eifrig pflege!" 
— „Ah, — da seid auch Ihr, der Bote des Herrn Grafen Hans 
von Hohenzollern? — Wie geht es Eurem ritterlichen Gebieter?" 
„Er leidet noch immer schwer — Hülfe indeß verhofft 
der Herr sich nur von Euch!" so lautete die Antwort. „Er 
sendet in diesem Bentel 100 Goldgülden und bittet, Ew. 
Weisheit wolle ihm diesmal ein stärker Mittel senden!" 
*) Historisch, 
**) Aue folgenden Angaben nach Thurneysser? Korrespondenz, 
„Was in des Menschen Kraft steht, — was die Wissen 
schaft gewähren kann," erwiderte Thurneysser, „das soll gern 
geschehen! Bleibet bis zum Abend, — bis dahin hab' ich 
mich mit mir berathen!" — 
Endlich waren auch die Boten, welche Thurneyssers 
ärztliche Hülfe für ihre Herren oder Gebieterinnen nachgesucht 
hatten, abgefertigt oder bis auf weiteren Bescheid verwiesen 
worden. Sorgsam hatte der Leibmedikus während der großen 
Menge der Besprechungen sich seine Notizen gemacht. Jetzt 
athmete er hoch auf. Ja; es war fast zuviel für einen 
Mairn! Welch' furchtbar schwere Verantwortlichkeit ruhte auf 
den Schultern des Gelehrten, welchen die meisten der Fürsten 
Deutschlands, welchen selbst eine Elisabeth von England und 
der deutsche Kaiser Max II. zu befragen pflegten, nachdem 
die Wissenschaft und die Erfahrung ihrer gewohnten ärztlichen 
Rathgeber sich als unzulänglich erwiesen hatten! 
Nunmehr verließ der Doktor das Gemach mit dem 
Sterngewölbe: — er schritt seinen Wohnräumen zu. Auf 
Grund und Gebiet des Franziskaner-Klosters zu Berlin be 
fanden sich damals einzelne Gemächer von einer orientalisch 
phantastischen Pracht, wie sie später durch lange Jahrhunderte 
in Berlin nicht mehr erblickt worden ist. Die Wände in 
denselben waren mit herrlichen asiatischen Geweben, mit 
Teppichen voll des wunderbarsten Lebens und von glänzendster 
Farbenpracht bedeckt. Das schwerste, silberne Geschirr war 
aller Orten aufgestellt; morgenländische Götzenfiguren, wurm- 
zerftessene abendländische Heiligenbilder von der edelsten 
Schönheit, Waffen und eine Menge Dinge, deren Bestimmung 
der Laie nimmer errieth, — die glühenden, in der hellen 
Junisonne wundersam strahlenden Glasmalereien der Fenster, 
— der Duft fremder Essenzen und orientalischen Räucher 
werks, — dies alles nahm auch dem kaltblütigen, verstän 
digen Besucher die Sinne hier mehr oder minder befangen. 
In einem dieser geheimnißvollen, für die damalige Zeit 
überreich und mit fast fürstlichem Prunke ausgestatteten Ge 
mächer wartete Frau Anna des unermüdlich thätigen Gemahls. 
Thätigkeit aber regt an, reißt mit sich fort; — das ist auch 
eine der köstlichen Segnungen des menschlichen Fleißes! Wie 
hold sah Frau Anna Thurneysserin dem geliebten Gatten 
entgegen! Richt Sammet und nicht Seide, — nicht prächtige 
Gewänder, welche des Gelehrten geschmackvoller Sinn so sehr 
liebte, schmückten sie heut; — sie trug das einfache Kleid der 
Hausfrau damaliger Zeit, den schwarzen, faltenreichen Rock 
mit weißer Krause, weißer Schürze und das feine, schneeige 
Kopftuch. Die Schlüsselbunde im Gürtel standen der rast 
losen Schaffnerin gar wohl. Und dieser bescheidene, frauen 
hafte Liebreiz der Constanze! Patriziertochter, — wie hold 
verklärte er sich jetzt, als sie dem verehrten und heißgeliebten 
Manne beide Arme entgegenstreckte und mit rührender Zärt 
lichkeit ihm zurief: „Mein Leonhard, — was hast Du heut 
schon arbeiten müssen nach so kurzer Ruhe! O komm', er 
quicke Dich! Hier sind die ersten Früchte Deines Gartens! 
Hier ist der stärkende Wein, den Du besonders liebst! O komm', 
— erzähle mir von Deiner Arbeit und dem Segen Deines 
Fleißes ohne Gleichen!" 
„Es ist auch Segen ohne Gleichen bei uns eingekehrt, 
mein theures Weib!" erwiderte der Gelehrte ernst. „Ich 
täuschte mich nicht, als ich Dir zu Frankfurt einst sagte, ich 
hätte hier in der Mark rin Vaterland gefunden! Es ist fast
	        
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