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Periodical volume 12. April 1884, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 10.1884

Säulenhallen des grauen Klosters! Wo sonst die Mönche sich 
erholt oder die Oberen des Franziskaner-Ordens zu Kapitel 
gesessen hatten, da tummelten sich jetzt Faktoren, Setzer, Lehr 
jungen und Knechte; aber auch Künstler, denen nur die par 
teiische Frau Fama es versagt hat, daß ihre Namen mit 
dem des Meisters Lukas Kranach in einer Reihe genannt 
werden; denn was Herr Leonhard der Thurnehffer zum Thum 
hat schneiden lasten, das steht an künstlerischem Werthe 
jeder Arbeit des Wittenberger gleich! — Es lag 
etwas wie ein befriedigter Stolz, — ein Stolz aber, der aus 
froh gethaner Thatensülle nur so rein und edel entstehen 
kann, — auf den Zügen des Doktors, wie er jetzt durch die 
Säulenhallen blickte und alles wohlgeordnet vorfand. 
Wie stattlich, wie vornehm blickte er selbst! Er begab 
sich zu seinem Rechenmeister. „Was ist zu zahlen?" fragte 
er das dürre, in einer alten Mönchzelle sitzende Männlein. 
„Nicht gerade viel, mein Herr!" erwiderte der Schreiber. 
„Aber die Preise haben ausgeschlagen! — Denkt Euch, Hans 
Schwertel fordert für die Druckerpresse mit Setzerkasten volle 
40 Thaler!" 
„Zahlet es!" so lautete des Doktors Weisung. „Des 
Mannes Waare ist vortrefflich; — ist sie die beste doch aus 
Wittenberg!" 
„Unsere Papiermühle zu Neustadt - Eberswalde kann 
den Bedarf für diesen Monat nimmer decken!" fuhr der 
Schreiber fort. 
„Was ist zu thun?" 
„Wir müssen einen Reitenden nach Leipzig senden; — 
dort ist Ueberfluß!" 
„Besorgt es, lieber Freund, und lastet satteln allsobald! 
— Doch sagt, — Ihr schaut so bleich?" 
„Ich wache schon die vierte Nacht bei meiner greisen, 
kranken Mutter, — die Hand will zittern!" 
„Gehet in meinen Keller, stärket Euch mit Malvasier! 
Nicht wahr, — es fehlt?" 
„Am Nöthigsten!" 
„So nehmt, — Ihr seid ein fleiß'ger Mann!" 
„Herr Doktor, — lohn' es Gott!" — 
Da nahte sich, — es schlug soeben die sechste Morgen 
stunde drüben von St. Nikolai, — der Hausmeister Thurn- 
chstcrs seinem Gebieter. „Herr," rief er, „ein glücklicher 
Tag heute! Kommet, so es Euch gefällt, mit mir! — Unsere 
Stallungen reichen nicht mehr für die Roste!" 
Ein flüchtiges Zucken der Freude lief über Thurneyffers 
offenbar überinüdete Züge hin. Aber er schritt elastisch fort: 
es galt, vor Fremden zu erscheine»! 
Durch die Kreuzgänge und über den Lindcnhof des i 
grauen Klosters begab sich der Doktor unter Vorantritt seines 
Hausmeisters zu der Klosterpfortc, welche nach der heutigen 
Klosterstraße von Berlin hinausgeht. Hier befand sich seine 
eigene Wohnung, — ein geräumiges Haus, vielleicht die 
Wohnung des alten Guardians der Franziskaner, einnehmend, 
— umblüht von einem Garten, wie ihn gewiß in allen 
deutschen Landen im Jahre 1575 kein zweites mehr besaß. 
Fußhoch hatte Thurneyster die edle Erde aufschütten lasten; 
die seltenen Sämereien, welche er aus fremden Landen mit- 
gcbracht hatte, waren herrlich aufgegangen; — welch' eine 
Pracht der Farben, — welch' ein feuriges Leuchten dieser 
Blüthen, — tvelche groteske, fast an architektonische Schnörkel 
erinnernde Formen der Blätter, und welch' betäubender Duft 
jetzt in der Morgenfrühe nach der lauen Juninacht! Und 
welch' ein Gegensatz dazu, — dort die stillen Gräber der 
letzten Franziskaner von Berlin! 
Durch eine Mauerpforte neben dem Haufe trat Thur- 
nehster auf die Klosterstraße hinaus. Da standen noch die 
reitenden Boten neben den Rosten, von welchen sie abgesessen 
waren. 
Thurneyster lüftete das Barett! „Liebe Freunde," sprach 
er, „allzu klein sind meine Räume für die wackeren Boten der 
fürtrefflichen und hohen Herrschaften, welche mir die Ehre 
anthun, meines Rathes sich zu bedienen! Nehmet nichts für 
ungut! Eurer soll nicht minder wohl gewartet werden! 
Nehmet diese Goldgüldcn; — sattelt im „schwarzen Bären" 
auf der Spandauer Straße ab und gedenket meiner bei einem 
kühlen Trünke! Mein Diener wird Euch rufen! Loset selbst 
die Reihenfolge aus!" 
Die Boten zogen tief die Mützen und schickten sich an 
abzureiten. Nur Einer nicht. „Nein, Herr," sprach er, „ich 
muß hier bei Euch bleiben! Sehet doch, was hinter meinem 
Wüglein stehet! Sehet, wie die wilden Buben drüben schon 
auf meine Abfahrt warten, um zu fluchen, mit Steinen zu 
werfen und mich zu höhnen! Sie meinen, es sei der lebendige 
Teufel, welchen ich hergeführt habe, und doch, — Ew. Gnaden, 
's ist doch nur ein Elennthier, welches mein hoher Herr, 
der Palatin von Posen, mein Fürst Radziwill, Euch sendet,*) 
weil Eure seltenen Medikamina ihm also wohl geholfen 
haben!" — 
Ja, wirklich, dort stand das nimmer zu Berlin und 
Kölln gesehene Thier, — nie gesehen wenigstens, seitdem hier 
in der Mark die Elenns selber ausgestorben waren, — und 
friedlich befand sich dasselbe zwischen zwei polnischen Rosten. 
Ja, — freilich, solch' ein vorweltlicher Hirsch, — das konnte 
nur der leibhaftige Teufel selber sein! 
Thurneyster hieß das kostbare Geschenk in seinen Thier 
garten führen, welcher zwischen der Kirche zum grauen Kloster 
und der Stadtmauer lag; — dort tummelten sich auch Aefflein 
und Papageien, — ja, dort befand sich selbst der altgermanische 
König des Waldes, der starke, braune Bär, in seinem Zwinger! 
Staunend drängten sich all' die Boten zu diesen nimmer 
geschauten Merkwürdigkeiten, welche Thurneyffers große, nach 
der Klosterstraße zu belegenen Grundstücke enthielten. Und 
seltsam! Aus der nahen Kirche schallte dazu ein ernster Choral 
gesang. 
„In dieser Morgenstunde 
Sing' ich Lob, Chr' und Dank!" 
So klang es über den Kirchhof und den Kreuzgang.hin; 
— ein Wochenfrühgottesdienst wurde gehalten und von der 
Stadtmauer her, von den Räumen der neuen Klosterschule, 
die Jahres zuvor wirklich am St. Margarethentage eingctveiht 
worden war, wie Herr Johann Georg dies bestimmt hatte, 
schallten die scharfen Laute einer pedantischen Stimme herüber. 
Es war ein junger Baccalaureus, aber ein „scharfer" Kalvinist, 
der Magister Kilian, welcher dort die Logicam vortrug. 
Thurneyster empfing die Boten, nachdem für ihre leib 
lichen Bedürfniffe hinreichend gesorgt war, in seinem präch 
tigen, voll einem Sterngewölbe überdeckten Gemache. An 
*) Historisch.
        
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