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Volume 13. October 1883, Nr. 3

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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ihres Bruders, des Generals v- I., daß das Stvckregiment 
Friedrich Wilhelm I. wieder nöthig sei, die Sympathien für die 
Ideen der französischen Revolution im Lande auszurotten, der 
alten Ordnung, welche die liberalen Tendenzen Friedrich II. 
erschüttert, wieder Festigkeit zu geben- Man sah damals in 
Napoleon noch immer einen Abenteurer, der zwar einige glück 
liche Feldzüge geführt, dessen Talent und Genie aber nichts 
gegen die Taktik der Armee Friedrich II. vermöge, man dachte, 
wie einst bei Roßbach, die Franzosen zusammen zu treiben, 
wenn es zum Kriege komme und grollte dem Könige, der das 
Schwert nicht ziehen mochte. 
Die Rittlings waren von gutem Adel, die Persönlichkeit 
Franz v. Rittlings vereinigte alles, was die alte Dame an 
einem Manne schätzte — er war galant gegen Damen, vor 
nehm, hochfahrend bis zur Rücksichtslosigkeit gegen die an 
maßenden Emporkömmlinge, die sich durch Verdienst und 
Kenntnisse Stellungen verschafft, welche ihnen den Zutritt in 
die Hofgesellschaften gestatteten; er spöttelte über die geist 
reichen Gesellschaften, welche in Berlin mit den vornehmen 
um den Rang wetteiferten und in denen die Jüdin Rahel 
Lcwin, die Madame Wiesel wie Fürstinnen gefeiert wurden; 
er war ein kühner Jäger, er wagte jede Summe im Spiel, 
er ritt die wildesten Pferde. Es gefiel der alten Dame, daß 
Mitling, obwohl er der Verlobte ihrer Tochter Olga war, 
auch andere Damen auszeichnete, als mttffe Olga v. Wehlen 
frei von der bürgerlichen Schwäche der Eifersucht sein und 
wünschte den Umgang Rittlings für ihren Sohn um so leb 
hafter, als sie bei dessen Charakter nicht frei von der Sorge 
war, er könne einmal eine Mesalliance schließen, bei seinen 
pedantischen Begriffen von Ehre könne er ein im Rausche der 
Leidenschaft gegebenes Wort bindend für einen Cavalier halten. 
Als Georg Albert in der Poststation Rittling angeredet, 
batte sie zufällig den jungen Mann beobachtet. Es war ihr 
an seinem Aeußerem etwas aufgefallen, was sie sich nicht zu 
erklären vermochte, als schaue sie Züge, die ihr nicht fremd 
und dieser Eindruck wurde in seltsamer Weise lebendig, als 
der junge Mann, durch die Abweisung Rittlings verletzt, er- 
röthcte und sich mit eigenthümlicher Bewegung abwendete. 
Das Selbstgefühl, das in der Art, wie er den Kopf auswarf, 
das in seiner ganzen Haltung lag, sprach sich auch in dem 
Ausdruck seiner Züge aus und es ward in ibr eine Erinne 
rung lebendig, die ihr das Blut rascher durch die Adern 
trieb — die Erinnerung mahnte sie an ein Weib, das sie 
tödtlich gehaßt — der Fremde trug die Züge dieses Weibes, 
er hatte ihre Gesten. 
Die alte Dame hätte über sich selber lächeln mögen, daß 
eine jedenfalls zufällige Aehnlichkeit sie mit Spukgespenstern 
aus längst vergangener Zeit erschreckte. Es war unmöglich, 
daß dieser junge Mann, der allem Anscheine »ach, aus Mangel 
an Mitteln, zu Fuße durch die Gegenden reiste, auch nur in 
entfernten Beziehungen zu jener eleganten, schönen Französin 
aus einem der edelsten Geschlechter Frankreichs stehen könne, 
an die sein Bild sie erinnerte. Als sie ihn aber auf dem 
Fährprahm wiedersah, als er durch Geschick, Kühnheit und 
Geistesgegenwart den Prahm rettete und dann den Dank 
Rittlings mit stolzer Kälte zurückwies, da mußte sie wieder an 
die Frau denken, deren Mund einst dasselbe trotzige Lächeln 
umspielt hatte. Das Auge des Fremden hatte dieselben langen, 
seidenen Wimpern, die den gesenkten Blick verschleierten, aber 
die flammende Perle des Auges dunkel umrahmten, wenn 
sein Blick einen Gegner maß. 
Sowohl Olga, wie ibre jüngere Schwester, die blonde 
Gertrud, äußerten, daß der junge Mann mehr sei als er scheine, 
daß er das Wesen eines Cavalicrs an sich habe. Frau 
v. Wehlen mochte das Interesse ihrer Töchter an dem Fremden 
für ebenso erklärlich als ungefährlich halten, denn es schien 
sie zu befriedigen, daß das Urtheil der beiden Mädchen mit 
ihrer Ahnung harmonirte, und als sie von Max den Namen 
des Fremden erfuhr, war sie kaum im Stande, ihren Schrecken 
zu verberge». Alibert willst Du sagen, rief sie mit auffälliger 
Erregung, nicht Albert. Du hast Dich verhört. 
Nein, nahm Nittling, den das Interesse der alten Dame 
befremdete, das Wort, simpel Albert, Georg Albert — Alibert 
nun ja, wenn ich nicht irre, ein altadliger französischer Name. 
Der Bursche ist der Sprößling irgend eines alten pensionirten 
Offiziers aus der Altmark oder den tbttringischen Landen und 
hat vielleicht die Kohlköpfe und Kartoffeln seines Vaters auf 
einem Boote zu Markt gefahren, da er das Rudern versteht. 
Irgend ein Vetter hat ibm das Fähnrichspatent verschafft und 
da dünkt er sich als unseresgleichen — er blickte sehr hoch 
nach Dir, Gertrud. 
Gertrud erröthcte und schloß das Wagenfenster, als man 
bei der Post vorüberfuhr. Die alte Dame duldete das, ob 
wohl sie vielleicht au§ Neugierde den Fremden gern noch ein 
mal gemustert hätte. Sie fühlte aber bereits, daß ihr Interesse 
an dem Fremden auffällig geworden und mochte neugierigen 
Fragen ihrer Töchter vorbeugen wollen. Es gelang ihr das 
zwar nicht, der Fremde bildete das Thema des Reisegesprächs 
der jungen Damen, aber sie hatte eine Erklärung für ihr auf 
fälliges Wesen, sie sagte, der junge Plann habe sie an Jemand 
erinnert, den sie gekannt und es sei ihr, als habe der Con- 
ducteur oder sonst Jemand den Namen Alibert gerufen. 
Frau v. Wehlen blieb auf der Weiterreise ziemlich ein 
silbig; die einmal wach gerufenen Erinnerungen beschäftigten 
sie so lebhaft, daß sie beim ersten Alleinsein mit ihrem Bruder 
das Thema berührte. Lache mich nicht aus, sagte sie, aber 
mich quälen böse Träume. Es ist ein Spuk, die Vernunft 
sagt mir, ich solle der thörichten Angst lachen, aber ich befinde 
mich wie in einem Banne, ich kann der Gedanken nicht Herr 
werden, die mich peinigen. Du erinnerst Dich wohl noch der 
Scene, die ein Vicomte Alibert meinem Gatten in Aachen 
bereitete? 
Ja, er forderte hunderttausend Thaler von ihm, und als 
Wehlen das Recht der Forderung bestritt, forderte er ihn zum 
Duell, der Mann war geisteskrank. Ein Emigrirter, den die 
Angst vor der Guillotine und den Sansculottes das Hirn 
verwirrt. Der König schickte ihn in die Anstalt zu . . . — 
Jetzt ist ein Alibert im Gefolge des General Duroc hier, er 
hielt sich schon lange in Deutschland auf, hätte er Dich be 
lästigt? 
Ein Alibert in Berlin? Davon weiß ich nichts — 
stotterte die Baronin, die bei dieser Eröffnung noch bleicher 
geworden. 
Ja — er spielte bei der Gesandtschaft eine untergeordnete 
Rolle, er kain nicht in die Hofgesellschaft, jetzt plötzlich macht 
er sich geltend und man inuthmaßt, daß er ein Spion des 
Kaisers Napoleon gewesen, der hier den Beobachter gespielt 
I hat. Aber was hast Du? Fürchtest Du etwa, er könne einen
	        
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