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Periodical volume 1. April 1884, Nr. 27

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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„Die Hülfe, gnädigste Frau," erwiderte der ernste Arzt, 
„steht freilich allein bei Gott! Indessen erleuchtet Er wohl 
auch eines Menschen Herz und Geist, wenn man ihm fest ver 
traut !" 
Thurneysser untersuchte genau den Zustand seiner Patientin. 
„Es war ein glühend Fieber," so fragte er, nach welchem 
„Euer Leiden begann?" — Die hohe Frau bejahte die Frage. 
Thurneysser ging in seiner Untersuchung weiter vor. Zu ihrem 
Erstaunen bemerkten die fürstlichen Gatten, wie der Doktor mit 
vollkommener Sicherheit die Ansänge, den Fortgang und die 
Dualen dieses Leidens schilderte. Endlich sagte er: 
„Noch ist Hülfe möglich, und wohl getrau' ich's mir, 
die Mittel zu finden, welche Linderung und Heilung schaffen 
können! Allein, gnädiger Herr, — ich hab eine Bitte! Ich 
richte das ehrerbietige Ersuchen an Euch, mir einen verständigen 
und gelehrten Arzt zuzuordnen, der alle die Arzeneien prüft, 
die ich bei Ihrer Kurfürstlichen Gnaden anwende. Es wird 
von Nöthen sein, schweflige Bäder allsobald hier zu gebrauchen! 
Ich werde meinen Fleiß nicht sparen; aber ich bitte um eine 
Hülfe!" 
„Und diese Bitte, Herr Doktor, gewähre ich Euch nicht! 
Ich habe das völlige Vertrauen zu Euch, daß Ihr der rechte 
Mann seid, meiner Gemahlin zu helfen! Ich hoffe, Jhro 
Durchlaucht wird dieses Vertrauen theilen. Eines andern Ge 
lehrten bedarf es also nicht! Ich bitte Euch, wendet allen 
Fleiß daran, daß Unsere Gattin Ihres Leibes Kräfte wiederum 
erlange!" 
„Was irgend wie in meiner Macht und Kenntniß steht, 
das wird geschehen, gnäd'ger Fürst und Herr!" 
Die Kurfürstin Sabina reichte dem Doktor Thurneysser 
die Hand zum Kusse. Hans George führte den Gelehrten 
wieder in sein Gemach zurück. Hier sprach er zu ihm: 
„Lieber Doktor, Ihr bleibet nun, falls es Euch so ge 
lallt, in meinem Dienste! Ich lohne Euch mit dem, was wei 
land Doktor Fleck gehabt: mit 1 352 Thalern; — vier Pferde 
und ihr Futter, die Kleidung, Wein und Semmel erhaltet 
Ihr durch meine Marschälle! — Ihr begleitet mich jetzt schon auf 
der Huldigungsreise! Seid Jhr's zufrieden, mein Herr Doktor?" 
„Von ganzem Herzen danke ich der Güte meines gnäd'- 
gen Herrn! Durchlaucht, ich brauche cs Euch nicht noch ein 
mal zu versichern, daß ich Euch berathen werde, wie inein 
bestes Wissen und Können es mir gestattet! Segne der Höchste 
meine Arbeit in dem Dienste des Hauses Brandenburg!" 
„Noch einmal. Hochgelehrter, — ich traue Euch völlig! 
Haltet Euch zu morgen früh bereit! Wir reiten Vormittags 
noch ab! Ich sende ihre Gnaden nicht nach dem Schlosse zu 
Kölln an der Spree zurück; sie hat den lebhaften Wunsch und 
die Bitte uns geäußert, jetzt auf dieser Reise das Land zu 
Brandenburg wieder einmal zu sehen! Sorget für alle Medi- 
camina; die Kasse Wolfs vom Kloster steht Euch zu Gebote; 
Eure Rosse lasse ich Euch nach der Vesper zuführen. Aus 
fröhlich Wiedersehen denn, mein Archiater!"*) — 
Freudig bewegten Herzens eilte Thurneysser zu seiner 
Gattin zurück. Sein ärztlicher Scharfblick, — noch mehr aber 
die Gunst des Geschickes hatten ihm, wie er sich gestehen mußte, 
»u einem Glücke verholfen, das Er, der Heimathlose, vor 
wenigen Tagen noch nicht hatte ahnen können. Die Besoldung, 
*) Leibarzt. 
die er erhielt, war eine außerordentlich reiche für die Zeit. 
Sein kühnstes Hoffen hatte sich erfüllt. Der Sohn des Hauses 
Hohenzollern, der Beherrscher der Mark, — er war doch noch 
ein anderer Fürst im Reiche als der Bischof von Münster und 
von Osnabrügk! 
Da war es denn ein herzlich frohes Osterfest, ivclches in 
Herrn Johannes Eichhorns Gartenhause gefeiert wurde. „Das 
Glück, es ist mit Dir gekommen, Geliebte!" ries Leonhard da 
heim seiner Gattin entgegen. Freudig lauschte sie auf seine 
Worte. Der Drucker Eichhorn war zugegen. „Und der „Pison" 
bleibt nun liegen, mein Herr Doktor?" so fragte er säst 
traurig. „O nein, mein Freund," erwiderte Thurneysser, „jetzt 
gerade will ich der Welt zeigen, was ich zu leisten vermag. 
Ich schreibe weiter an dem Werke! Wo ich auch sein mag, 
ich sende Euch mit einem reitenden Boten das Manuskript! Es 
steh'n mir ja vier Rosse zu Gebot! Es ist mir lieb, daß ich 
mit dem gnäd'gen Herrn nun noch zum zweiten Male das 
Land durchreisen kann; — meine Kenntnisse werden sich er 
weitern und vertiefen!" 
„Ich preise Gott den Herrn, daß er Deinen Pfaden diesen 
Segen gespendet hat, geliebter Gatte!" sprach Frau Anna 
Thurneysser. 
„Ein Leben voller Arbeit liegt vor mir!" erwiderte der 
Doktor. „Im Vertrauen auf den Beistand der ew'gen Weis 
heit sang' ich's an! Doch jubeln wir nicht zu früh! Es finden 
sich unheilvolle Einflüsse bei jedes Stromes Lauf! Schreiten 
wir bedachtsam auf den neuen Lebensbahnen fort! Nicht ein 
plötzlich Steigen, nicht übermäßigen Glanz wünsche ich meinem 
Geschicke: 
„Festina lente behält den Preis!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Zur Geschichte der Scrliner Kunstgicsscrei. 
r. 
Von JPtrtCiiiamf ftlnjet. 
(Bitt den Illustrationen S. 365, 373 und 377.) 
Wie mit einem Zauberschlag trat in Berlin die Kunstgießcrei 
zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hervor, um den altberühmten 
Kunststätten die Palme des Ruhmes streitig zu machen. 
Die ersten Erscheinungen auf diesem Gebiet treten uns hier 
aus der Zeit des prachtliebenden Kurfürsten Joachim II. entgegen. 
Freilich noch in bescheidenster Form. Darum auch ließ der Fürst 
das herrliche Bronze-Monument in Gestalt eines, aus sechs 
metallenenen Säulen ruhenden Sarkophags für seinen Vater 
Johann Cicero durch den Gießer Dietrich aus Burgund 
herstellen, während die aus dem Estrich liegende, starke Nietall 
platte, in erhabener Arbeit das lebensgroße Bildniß Joachims I. 
im Kurvn,at zeigend, von Peter Bischer gefertigt ist. 
Als das erste Berlinische Kunstprodukt jener Zeit kann wohl 
ein zinnerner Taufstein betrachtet werden, den Stephan 
Leuchtenhagen und sein Geselle Paul Herrmann im Jahre 
1563 für die Nikolaikirche angefertigt. 
Kunstreicher schon waren die Eisengußtaseln gestaltet, welche 
aus Leonhard Thurneysser's Werkstätten im grauen Kloster 
hervorgingen. Die im Lagerhaus eingemauerte Tafel von 1,26 
Meter Höhe und 76 Ctm. Breite trägt die Jahreszahl 1577. Die 
gewählte Allegorie — unzweifelhaft eine Huldigung seinem fürst- 
i lichen Gönner und^Beschützer, — die Form der dargestellten Fi
        
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