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Periodical volume 22. März 1884, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Das Lied ist aus, die Töne sind verklungen. 
Nicht weiter rührst Du Deine Laute an. 
Du hast es recht aus voller Brust gesungen 
Und Deine Hoffnung war kein leerer Wahn! 
Misttlltn. 
Der SüdwellKanak. Im Architektenvereine fand eine Berathung 
dieser hochwichtigen Kanalsrage statt, die nach dem „Wochenbl. sür Archit. 
und Ingenieure" den folgenden Verlauf nahm: 
Geh. Oberbaurath A. Wiebe eröffnet die Verhandlungen über das 
auf der Tagesordnung stehende Projekt eines Berliner Südwestkanals 
mit Berlesung der historischen Entwickelung der ganzen Angelegenheit, die 
auch von unserem Blatte bereits früher mitgetheilt wurde. Von 
dem von der Bauabtheilung aufgestellten Programme, wonach 
I. Erweiterung des Landwehrkanals, 2. Kanalisirung der Spree und 
3. Stichkanal mit Hafenanlage bei Wilmersdorf an Stelle der älteren 
Kanalprojekte verlangt wurde, sind die wesentlichen Punkte (1 und 2) 
bereits erfüllt oder doch in der Erfüllung begriffen und ist Punkt 3 nach 
Auffassung der Bchöroe den Interessenten zur Erledigung zu überlassen, 
Negierungs-Baumeister Havestadt erläutert nunmehr kurz das von 
ihm und Negierungs-Baumeister Contag im Aufträge des Vereins der 
Westvorstadt von Berlin ausgearbeitete Projekt, über das inzwischen 
bereits an anderer Stelle dieses Blattes berichtet wird und giebt einige 
wichtige Zahlen zur Beurtheilung der in Betracht kommenden Wasser 
slandshöhen. Nachdem Herr Wiebe noch kurz hervorgehoben, in welchen 
Punkten das Havestadt-Co nt ag'sche Projekt von dem Programm des 
Major Wagner sich Vortheilhaft unterscheide, referirt Regierungs-Baurath 
Keller im Austrage der Vereinskommission sür diese Angelegenheit. Bei 
Prüfung der Frage wurde das Wagnerische Projekt außer Acht gelassen, 
weil dasselbe in technischer Hinsicht nicht die erforderlichen Unterlagen 
bot. Die Kommission begutachtete vielmehr das Havestadt-Contag'sche 
Projekt,*) welches, wiewohl laut Majoritätsbeschluß der Kommission 
seitens dieser mehrere prinzipielle Aenderungen beantragt werden, als eine 
anerkennenswerthe, gründliche Arbeit charakterisirt wird. Zur Beurtheilung 
der Bedürsnißsragc hebe» die Verfasser hervor, daß die Verbindung 
zwischen Berlin und Potsdam erleichtert und das große Bauterrain im 
Westen der Stadt der Bebauung erschlossen werden solle. Betreffs des 
ersteren Punktes ist zu bemerken, daß es weniger die Abkürzung der Linie, 
als die Umgehung der Schifffahrtshindernisse bei Spandau sind, die in 
dieser Beziehung sür den Kanal sprechen. Die Kommission hält dem 
gegenüler, bei dem Umfange des bisherigen Verkehrs, die Hindernisse 
nicht sür bedeutend genug, zumal durch bevorstehende Abänderungen und 
Umbauten eine Milderung der Uebelstände angebahnt werden soll. Sollte 
aber für den etwa möglichen Fall eines eintretenden sehr lebhaften Ver 
kehrs eine ausreichende Beseitigung jener Hindenriffe sich nicht erwirken 
lassen, so müsse dem projektirten Kanal eine große Bedeutung beigelegt 
werden. Einer proponirten Resolution in diesem Sinne wird daher noch 
angefügt, daß innerhalb des erwähnten Bebatmngsterrains der Kanal in 
die Bebauungspläne eingetragen werde, um für die Zukunft die Anlage 
des Kauals, des Hafens und der Ladestraßen zu sichern. In technischer 
Hinsicht glaubte der Referent bemerken zu sollen, daß die gewählte Höhen 
lage des Wasserspiegels in einer, wenn auch ermäßigten Höhe des Ober 
wassers des Landwehrkanals bei den Brücken für den Verkehr lästige 
Anrampringen verursachen werde, und daß in Hinsicht der Entivästerrrng 
und Spülung eine Senkung wünschenswerth sei. Die Bedenke» rücksichtlich 
der Grunewaldjeen und die Unterführung der Stadtbahn seien nicht be 
deutend genug, mn als Hinderungsgrund gegen die Spiegelsenkung zu 
gelten. Die Kommission spricht daher für eine Abzweigung aus dem 
Unterwasser des Landwehrkanals, das in Zukunft ans 30,4 gehalten 
werden könne, und glaubt die Ausführung aufschieben zu sollen, bis die 
andcrweite Entwässerung der Bauparzellen gesichert sei, damit der Kanal 
nicht, trotz aller Vorschriften schließlich als Kloakenkanal benutzt werde. 
Regierungs-Baumeister Contag tviderlegt an der Hand von Skizzen und 
Zahlen die Bedenken der Kommission rücksichtlich der von den Verfassern 
gewählten Spiegcllage und giebt zunächst zu erwägen, daß beispielsweise 
die Direktion des botanischen Gartens und andere Adjazenten in eine so 
erhebliche Senkung der Grundwasserstände niemals einwilligen werden. 
Hauptsächlich aber spreche dagegen, daß das von der Kommission zur 
Abhaltung höherer Wasserstände vorgeschlagene Mittel, Anlegung einer 
Sperrschlcuse bei der Abmündung aus der Unterspree, bei der Ausführung 
eines Stichkanals vom technischen Standpunkt nicht zu rechtfertigen und, 
wie eine einfache Rechnung lehre, unter allen Umständen wirkungslos sein 
würde. Da das Hochwasser der Unterspree sich über dem projektirten 
Wasserstand des Südwestkanals erhebe, so würde in absoluter Beziehung 
nicht allein nichts gewonnen, sondern es würden die Grundwasserver- 
hältnifse in der Umgebung des Kanals in sanitärer Beziehung, wegen der 
großen Schwankungen, gegenüber dem vorliegenden Projekt eher ver 
schlechtert werden. Die von der Kommission vorgeschlagene Modifikation 
des Projektes würde, wegen der unnöthigeriveise hineingetragenen Schwierig 
keiten und besonders wegen der Erhöhung der Kosten um ca. 30 Prozent, 
den Kanal in seiner Ausführung illusorisch machen. 
*) tim Herr Major Wagner übrigens beigitreten ist. <>nmerk. d. Red.) 
Professor S ch l i ch t i n g warnt zunächst davor, rücksichtlich der Bedürfniß- 
frage im Sinne der Kommission vorzugehen, da doch die Nothwendigkeit 
der Schaffung eines weiteren Wasserweges nicht geleugnet werden könne, 
auch die Schwierigkeiten bei der Spandauer Brücke zu gelinde angesehen 
worden seien. Was des weiteren ihn noch besonders dem Projekte günstig 
stimme, sei die von maßgebender Seite erfolgte Erklärung, daß die jetzige 
Spreeregulirung eine Entlastung von Hochwasser nicht bezwecke, während 
dafür unter allen Umständen Sorge zu tragen sei. Durch den Vergleich 
verschiedener Formeln wird von ihm nachgewiesen, daß die bei der Projek- 
tirung der Spreeregulirung rücksichtlich der Wasserabführung und Spiegel- 
senkung gemachten Annahmen nicht zutreffend sein werden und geht sein 
Votum dahin, daß der Südwestkanal schon zu Vorfluthszwecken als eine 
Nothwendigkeit sich erweisen könne, dann aber selbstverständlich von dem 
Unterwasser auszugehen habe. Herr Geheimrath Wiebe glaubt rück 
sichtlich des Effekts der Spreeregulirung, auch wenn die Schlichting'schen 
Bedenken zutreffen, schon aus dem Grunde hinsichtlich des Werthes der 
angewandten Formeln sich beruhigen zu sollen, weil man vermuthlich die 
Hochwassermenge der Spree überschätzt habe. 
Herr Hanke spricht sich gegen die Eintragung des projektirten 
Kanals in die Bebauungspläne aus, um die Gemeinden nicht ohne Noth 
mit den durch eine derartige Eintragung verbundenen Kosten zu belasten. 
Dem entgegen plädirt Herr Wernckinek im Sinne des vorliegenden 
Projekts für die Sicherstellung des Kanals, und erklärt sich aus gleichem 
Grunde gegen die Fassung der Vorschläge der Kommission, die rücksichtlich 
der Bedürfnißfrage des Kanals nicht logisch und, gegenüber der Noth 
wendigkeit desselben, nicht bestimmt genug gefaßt seien. 
Herr Havestadt erklärt sich gleichfalls gegen das Majoritätsvotum 
der Kommission in Sachen der Spiegelsenkung des Südwestkanals, indem 
nicht minder technische Gründe hiergegen sprächen, wie sich der Vorschlag 
auch mit Rücksicht auf die Erhaltung des Seees am Schlosse Grunewald, 
sowie des Hundekehlenseees, die Unterführung der Stadtbahn, sowie die 
Kostenfrage verbiete. Die Kommission befinde sich, indem sie die beiden 
vorangeregten Schwierigkeiten als überwindlich bezeichne, im Widerspruch 
auch mit der von dem Herrn Minister geltend gemachten Ansicht, wonach 
aus eben diesem Grunde der von dem Major a. D. R. Wagner aus 
dem Unterwasser projektirte Südwestkanal als unausführbar erklärt wurde. 
Herr v. Lancizolle hält mit Rücksicht auf die Grundwafferver- 
hältnisse des durchzogenen Bauterrains die Wahl des Unterwasserstandes 
der Spree für nothwendig, während Herr Schenk dieser Ansicht ent 
gegentritt und die Kommissionsvorschläge in Sachen der Spiegelsenkung 
aus verschiedenen Gründen viel zu weitgehend bezeichnet. Wie auch von 
den Verfassern bereits an anderer Stelle als anstrebenswerth bezeichnet, 
halte er vielmehr nur eine th änlichste Spiegelsenkung des aus dem 
Oberwasser abzweigenden Kanals für erwünscht. — S / 4 11 Uhr erfolgt 
auf allgemeinen Wunsch die Vertagung der ganzen Angelegenheit. 
Die Witterung für den kommenden Sommer. In dem soeben 
erschienenen Doppelheft IN. und IV. des Jahrgangs 1883 der Zeitschrift 
des kgl. statist. Büreaus veröffentlicht der Direktor des meteorologischen 
Instituts Dr. Hellmann einen interessanten Aufsatz über die milden 
Winter Berlins seit 1720. Danach hat es in den letzten 164 
Jahren mindestens (denn die Beobachtungen weisen einzelne Lücken in den 
Jahren 1722—55 auf) 38 Winter gegeben, in welchen die Mitteltempe 
ratur des Dezember sowohl wie des Januar über der normalen lag, die 
also als mild bezeichnet werden können. Diese milden Winter sind mit- 
hin ziemlich häufig; in der lückenlosen Zeit von 1755 ab kamen durch 
schnittlich je 10 auf 38 Jahre, ohne daß aber ein Innehalten eines regel 
mäßigen Intervalles constatirt werden kann. Im Gegentheil sind oft 
zjvischen den einzelnen milden Wintern bis zu 14 Jahre verstrichen, 
während anderseits 9 Mal zwei milde Winter aus einander folgten und 
sechs Mal zwischen zwei milden Wintern nur ein nicht milder lag. Man 
erkennt also, daß milde Winter gern gruppenweise zu zweien oder dreien 
auftreten. Eine entschiedene Zu- und Abnahme in der Häufigkeit milder 
Winter zeigt sich nicht. In den 50 Jahren von 1734—1783 wurden 
trotz einzelner Lücken 11, in den folgenden 50 Jahren von 1783—1833 
12 und in den letzten 50 Jahren 13 milde Winter constatirt. Auffällig 
ist die lange Dauer milder Winter; in 76 pCt. derselben war schon der 
November zu warm, und man kann 81 gegen 19 wetten, daß nach einem 
milden Dezember und Januar auch der Februar noch zu warm sein wird 
(wie es ja auch in diesem Jahre der Fall war), und ebenso 57 gegen 
i 43, daß auch noch der März zu warm sein wird. Die wichtigste und 
' jetzt wohl interessanteste Frage, welchen Einfluß ein milder Winter auf 
die folgenden Jahreszeiten, insbesondere auf den Sommer hat, wird von 
Dr. Hellmann nach eingehenden Untersuchungen dahin beantwortet, daß 
auf einen mäßig milden Winter häufiger ein kalter als ein warmer Sommer 
folgt, und auf einen sehr warmen Winter sehr wahrscheinlich auch ein 
warmer Sominer. Zu den sehr warmen Wintern sind hierbei die ge 
rechnet, in denen die Monate Dezember und Januar zusammen mehr als 
5" Wärmeüberschuß hatten. Da die beiden Monate in diesem Winter 
zusammen 5,6» zu warm waren, können wir also auf einen warmen 
Sommer rechnen. Bemerkenswerth ist, wie Dr. Hellmann das Resultat 
- reiner Beobachtungen der landläufigen Meinung gegenüber, daß aus einen 
sehr milden Winter ein kühler Sominer zu erwarten sei, rechtfertigt. Er 
sagt, eine Art von Ausgleich oder Compensation findet allerdings statt; 
das „kühl" sei zwar auch der Gegensatz von „mild", aber die Ursachen 
beider Erscheinungen in verschiedenen Jahreszeiten seien nicht verschieden, 
sondern gerade dieselben. Ein warmer Winter sei stets feucht und trübe, 
: während ein kühler Sommer dieselben Eigenschaften habe. Es mühte
        
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