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Volume 22. März 1884, Nr. 26

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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ohne Zweifel auf die gewaltigen Kriege, die tausende in den Tod 
führten und aus das wiedererstandene deutsche Reich zu be 
ziehen sind: 
„Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu 
sühnende That; 
Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutschland einen König 
wieder." 
Der alte Stammbaum der alleinigen Könige von Preußen ist 
zu Ende, es beginnt ein neuer: der der deutschen Kaiser aus 
Hohenzollern-Stamm. 
98. Uriseaque Lehnini surgent et tecta Chorini, 
„Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden 
wieder erstehen" — 
gleich nach dem geeinigten deutschen Reiche: 
Der Erlaß des Kultusministeriums vom 13. April 1871 
ordnete die Restauration an. 
99. „Und die Geistlichkeit steht wieder da nach alter Weise in 
Ehren, 
100. Und kein Wolf stellt mehr dem edlen Schafstalle nach." 
Das ist der Schluß: dunkel aber tröstlich. Genug, das wiedcr- 
Grschützc aus dem XV. Jahrhundert. 
Bilder aus der Ruhmeshalle zu Berlin. (©. Seite 357.) 
Israel, das ist das erwählte deutsche Volk, wagte ein Ver 
brechen scelus: der Bruder Hermann sah im Geiste nur den 
deutschen Bruderkrieg von 1866, aber er sah auch das wieder 
geeinigte Reich! 
06. „Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer Leiden, 
07. Und wagt die ihrigen allein zu hegen und kein Fremdling 
darf mehr frohlocken." 
Das deutet sich ohne Worte; nun folgen die bedeutsamen 
Schlußverse. 
Nachdem der Sänger schon im 6. und 7. Verse über die 
Theilnahmlosigkeit des Volkes geklagt hat, daß in der Zukunst 
das Kloster Lehnin, die Ruhestätte der Markgrafen, unbeachtet 
liegen würde, ja, die Versuche, nur seine Geschichte zu schreiben, 
kaum der Aufmerksamkeit werth geachtet werden würden, ruft er 
schon im 54. Verse aus: hora donec veniet, nova qua restitutio 
llet. „Die Stunde wird endlich kommen, in der du dich wieder 
erhebst," und nun am Schluß der Weisiagung: 
erstandene Lehnin erfüllt die Weisiagung. Der Zeitraum 
der Zukunst, den das Seherauge erfaßte und durchdrang ist 
nun verflossen und damit die Weisiagung für imnter ab und 
todt. 
So tragikomisch das Vorgehen war, dem Gedicht irgend eine 
Wichtigkeit zuzubilligen, so possenhaft auch einige Wendungen des 
selben uns erscheinen mögen, der Verfasser selbst scheint mit bitterem 
Ernste an seine Sache gegangen zu sein und ein tiefes geschicht 
liches Verständniß darf ihm kaum abgesprochen werden. Der 
Menschen Schicksale vollziehen sich nach strengen Gesetzen, die 
Wirkung der Gegenwart hat ihre Ursache in der Vergangenheit, 
die Wirkung der Zukunft findet ihre Ursache in der Gegenwart — 
und wenn es nur der eine Punkt wäre, den der Sänger 
von seinem Standpunkte Anfangs des 18. Jahrhunderts über 
ein und ein halbes Jahrhundert fort, recht erschaute: das 
geeinigte Deutschland, so können wir ihm mit dem Dichter 
i zurufen:
	        
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