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Volume 22. März 1884, Nr. 26

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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von Saal zu Saal die Waage die Kontrole bewirkt, so in der 
Reichsdruckerei das Zählen. 
Ganz selbstverständlich werden in der Reichsdruckcrci nur äußerst 
zuverlässige und erprobte Arbeiter beschäftigt. Bei achthundert An 
gestellten ist nun doch aber eine Kontrole nöthig, welche dadurch 
herbeigeführt wird, das die Faktore der einzelnen Säle jede Arbeit 
zugezählt erhalten und daß von Zeit zu Zeit Kontroleure die fer 
tige Arbeit mittelst Nachzählen abheben und darüber eine Quittung 
ausstellen! Zum andern wird eine größere Sicherheit in der Hand 
habung des Dienstes dadurch geschaffen, daß ohne größere Pause 
von 7 Uhr Morgens bis 5 Uhr Nachmittags durchgearbeitet wird 
und daß Niemand die Druckerei betreten darf, der hiezu nicht legi- 
timirt ist. 
Für die Erholungspausen hatte man nun seit Langem sehr 
sinnreiche eiserne Kaffeeküchen in der Nähe der einzelnen Säle ein 
gerichtet, in welchen die Arbeiterinnen und Arbeiter den in Kannen 
mitgebrachten Kaffee stellten, der dadurch, daß kurz vor dem Ein 
treten der Erholungspause heißer Dampf aus dem mächtigen 
Dampfkessel des im Hofe gelegenen Maschinenraums durchgelassen 
wird, im Nu erwärmt ist. Kaffee allein ist und bleibt aber für 
die Dauer doch eine etwas schwächliche Ernährungsart, und 
es bestand darum bei dem Direktor der Reichsdruckerei, Geheime 
rath Busse, seit Langem die Absicht, eine eigene Spciseanstalt ein 
zurichten, was nun geschehen ist. Dieselbe ist nach den Grund 
sätzen der Konsumvereine auf gemeinschaftliche Rechnung aller Ar 
beiter und. Arbeiterinnen eingeführt, wird von zwei aus dem 
Kreise der „Reichsdrucker" Gewählten geleitet und liefert für billiges 
Geld ganz Vorzügliches. 
Erwähnen möchten wir noch die „photographische An 
stalt" des Instituts. Der gefährlichste Feind der Papicrgcldan- 
ienigung ist die Photographie, die sich neuerdings mit allerlei 
Künsten affociirt hat, mit dem Kupfer- Glas- Zink- re. Druck. 
Die Reichsdruckerei hat begreiflicherweise das größte Interesse daran, 
uiit allen Fortschritten dieser modernen Künste auf's genaueste 
bekannt zu bleiben und selbst alle möglichen Versuche anzustellen, 
um den Gefahren, die von hier den Werthpapieren drohen, wirk- 
>am zu begegnen. Und es muß nun ganz besonders hervorgehoben 
werden, daß diese Abtheilung der Reichsdruckerei überaus Vorzüg 
liches leistet. 
Unser Künstler hat noch „die Toilette für Feierabend" 
der jungen Damen gezeichnet. Es ist ein eigenes hübsches Bild, 
wenn diese große Anzahl frischer junger Mädchen um 5 Uhr die 
Gebäulichkeiten der Reichsdruckerei verläßt und über die Straße 
schwärmt. Sie, die eben noch mit Tausenden, mit Millionen 
Markwerthzeichen hantirt haben, suchen ihre bescheidene Wohnung 
aus, um im Kreise der Ihrigen für den Bruchthcil einer Mark ihr 
wohlverdientes Abendbrod zu verzehren. 
An der Spitze der Rcichsdruckerei steht — wie bereits er 
mähnt — Herr Geh. Regierungsrath Busse. Von diesem 
vortrefflichen Leiter des großen Staatsinstituts rührt auch der 
Neubau her, dessen prächtige Fco,-ade zu den Sehenswürdigkeiten 
Berlins zählt. Als Vertreter des Direktors sungirt Herr Postrath 
'rank, als Vorsteher der chalkographischen Abtheilung der aus 
Vvien gekommene und mit der großen goldenen Salvatormedaillc 
der Stadt Wien ausgezeichnete Herr Roese; als Ober- resp. Be- 
triebsinspektorcn die Herren Ringer und Baumann. 
Die Leistungen der Reichsdruckerei stehen auf der Höhe der 
Zeit und werden von keinem ähnlichen Institute in Wien oder 
anderwärts übertroffen. — 
Die Kolonisatimisvt'rsnchc des großen Kurfürsten in 
Äfrilm. 
Bon Bans Stirnfeltn. (Schluß.) 
Es war am 12. Juli 1682, als die beiden ersten Schiffe 
dieser Gesellschaft, der „Kurprinz" unter dem Schiffshauptmann 
von Voß und der „Morian" unter dem Schiffshauptman Black, 
nach Afrika in See stachen; als außerordentlicher Gesandter 
an die Negerhäupter, um ihnen die in einer mit vergoldeten 
Buchstaben geschriebenen Urkunde enthaltene kurfürstliche Bestätigung 
des mit ihnen abgeschlossenen Vertrages zu überreichen, auch für 
den Bau der Feste und die brandenburgischc Ansiedlung Sorge 
zu tragen, ging der kurfürstlich brandcnburgische Kammerjunker 
Otto Friedrich von der Groben, der schon früher Reisen nach dem 
Orient und Aegypten unternommen hatte*), mit diesen beiden 
Schiffen ab. Er hatte zugleich den Befehl über die Kriegsbesatzung 
derselben, die sich auf ca. 25 Mann belief, und außerdem befanden 
sich in seinem Gefolge mehrere Kriegsbauleute und Handwerker 
zur Erbauung der Forts. Ferner führte er außer anderen früher 
versprochenen Geschenken für jeden der drei Häuptlinge einen ver 
goldeten, mit Deckel versehenen silbernen Becher und endlich ein 
Portrait des Kurfürsten, in Oel gemalt, mit sich. Glücklich langten 
die Schiffe bei dem Dorf Accoda im Lande der Ahanta an der 
afrikanischen Goldküste an. Grüben erkannte den Ort als günstig für 
eine Niederlassung und trat daher nnt den angrenzenden Stämmen 
in Unterhandlung. Kaum hatte dies jedoch der holländische Gou 
verneur von Mina in Erfahrung gebracht, als er in Accoda durch 
einen dorthin gesandten Kaufmann die holländische Flagge auf 
pflanzen ließ, wodurch Grüben sich genöthigt sah, weiter nach 
Süden zu schiffen. Hier nahm er schließlich, trotz des Protestes 
der neidischen Holländer, von dem an der Goldküste bei dem Dorfe 
Pokesor oder Pokeson bclegencn Berg Monfort (Mamsro, Mam- 
fort) Besitz und taufte denselben, indent er gleichzeitig den Grund 
stein zu einer Feste legte, am 1. Januar 1683 unter dem Donner 
der Geschütze und dem Jubel der Brandenburger: „Groß-Fried 
richsburg", indem er begeistert ausrief: „Groß-Friedrichsburg soll 
er heißen, da Sr. Kurfürstlichen Durchlaucht Name in aller Welt 
groß ist!" Der Schiffshauptmann von Voß ließ die große kur 
fürstlich brandenburgische Flagge an einem hohen Flaggenstock 
aufziehen und mit fünf scharf geladenen Stücken wurde das neue 
Jahr begrüßt. 
Tags darauf wurde rüstig mit dem Bau der Schanzen be 
gonnen und die Festung bald beendet, wenn auch die Neger be 
nachbarter Stämme, von den Holländern aufgereizt, einen Uebcr- 
sall versuchten. Ein scharfer Schuß genügte, um sic zu vertreiben. 
Groß-Friedrichsburg bestand aus vier Batterien, einem schönen 
Außenwerk und guten Gebäuden, war auch mit 46 Kanonen ar- 
mirt, die aber zu leicht und klein für ihren Zweck waren. Das 
Klima der Gegend, in welcher man sich angesiedelt hatte, erwies 
| sich als gesund, der Boden als ertragsfähig. Im Jahre 1684 
traten die Brandenburger auch mit den Negern in Accoda, 
mit welchen jener erste Vertrag abgeschlossen worden war, wieder 
in Verbindung und kauften ihnen einen Berg ab, auf welchem 
die „Dorotheenschanze" errichtet wurde. Zwei und eine halbe Meile 
von Groß-Friedrichsburg, welches selbst beinahe zwei Meilen vom 
Kap der drei Spitzen lag, entfernt gelegen, erhielt die Schanze 
; zwei Batterien mit zwölf Kanonen und wurde die neun Mann 
starke Besatzung unter den Befehl des Kricgsbaumeistcrs Schnittler 
; gestellt. In Groß- Friedrichsburg kommandirte Philipp Black; 
es blieb stets die vornehmste der brandenburgischen Ansiedlungcn 
in Guinea. Außerdem kam noch das Gebiet der Taccarary, öst 
*) Seine „Orientalische Reisebeschreibung" erschien 1694 in Marien 
werder; seine „Guineische Reijebefchreibung" wenige Jahre später.
	        
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