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Periodical volume 22. März 1884, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 10.1884

Grabe gehen, ich darf Euch jene Hand nicht aufdringen, welche 
Ihr abzuweisen für gut haltet! Indeß, Herr Doktor, — ich 
bin Euch zu Danke verpflichtet, — fordert, was Ihr wollet, — 
laßt cs mich wissen, — oder besser noch, kommet selbst am mor 
genden Tage zu mir und lastet mich sehen, daß Ihr genesen seid!" 
„Ich kann nicht von 
der Gattin lasten, die mir 
ein Trost ward in den 
trübsten Tagen meines Le 
bens!" — 
„Herr Doktor, irrt Euch 
nicht! Auf einem Herzens- 
bunde, welcher die Weihe 
des Himmels nicht erhalten 
hat, ruht auch sein Segen 
nicht!" 
„So bin ich denn be 
reit, auch seinen Fluch zu 
tragen!" 
Da funkelte das Auge 
des Bischofs; da erglühte 
sein Antlitz; da richtete er 
sich auf in dem Hochgefühle 
seiner fürstlichen Würde. 
„Vermessener Mann!" so 
rief er zürnend. „Du 
thöricht stolzes und so 
schwaches Herz, 
das ich zu lieben 
jetzt begann, — ich 
prophezeie Dir Dein 
Schicksal! Du bist 
verloren, alles 
Wissens, alles Kön 
nens ungeachtet, 
lvenn Du den festen 
Halt des Daseins 
nimmer finden 
kannst! Nur in 
zwei Polen ist uns 
der gegeben! Ent 
weder heißt es: 
„Glaube und er 
baue!" oder „Vcr- 
- weifte und zer- 
lrüinmere!" Weh' 
Dir, wenn Du 
schwach bist, fest, 
nnt aller Kraft hier 
oder dort zu 
stehen! Du hoch 
gelehrter Mann! 
Wie eine Vision kommt cs mir vor die Augen; ich sehe 
herrliche Paläste und ewige Dome, — und Du, — Du 
kommst, zertreten ganz und ganz zerschmettert; — Du 
kommst, getäuscht von allen Menschen, von Dir selbst und 
Deiner Kraft, — Du kommst, den Frieden da zu suchen, 
wo er stets zu finden ist, — Du kommst, demüthign 
Pilger, zu dem Altar Roms, zum Frieden eines Klosters, 
zum Friede» eines Grabes an verlassener und dereinst ver 
gessener Stätte!" 
Die doppelte Majestät des Fürsten und Priesters um- 
leuchtete die Gestalt des Bischofs; aber auch in Thurnehssers 
schöner und kräftiger Gestalt zuckte nicht eine Muskel. „Und 
wenn ich alles auch verliere, 
hoher Herr," so sprach er, 
„eins bleibt mir: eine 
Seele, die mit mir fühlt, — 
ein Herz, das mit mir 
meinen Kummer trägt!" — 
Bischof Johannes von 
Münster. hatte sich entfernt. 
Nie hat ihn Leonhard Thur- 
nevsscr wieder gesehen. — 
Es war spät nach 
Mitternacht. Stoch hatte sich 
der Sturm der Leidenschaf 
ten in der Brust des Ge 
lehrten nicht ganz gelegt. 
Aber er vermochte, die Ge 
dankenblitze, welche durch 
seinen Kopf schosse», auf 
ihren wahren Werth hin zu 
prüfen; er vermochte die 
Feder mit fester Hand zu 
halten und schriftlich das 
Nothwendige zu be 
stimmen. Errichtete 
ein Schreiben an 
den Bischof, dankte 
für alle ihm er 
wiesene Huld und 
bat, ihm seinen 
Besitz, den er zu 
rücklasse, die Bü 
cher, Kunst- lind 
Werthsachen aus- 
zuantw orten, wenn 
er dereinst aus 
neuer Heimath 
einen Boten sende. 
Er schrieb dem 
Drucker, schrieb 
ausführlich Herrn 
Johannes von der 
Berswordt. Dem 
Briefe an Osen- 
brüggen war das 
Titel-Blatt der nun 
vollendeten „Es- 
sentia Quinta“ 
beigegeben. Dann rief er jenen Klosterbruder, der ihm treu ge 
dient hatte, so lange er in Ludgers und St. Lamberts Stadt 
gewesen war. Er lohnte ihm mit jener Börse, welche vom Be 
suche seines Bruders her noch auf dein Boden des Gemaches lag. 
„Ich gehe, neue Sterne mir zu suchen!" sprach er zu dem Mönche. 
Er prüfte dann ein Schwert mit Toletaner-Klinge; — wie 
eine Feder schwirrte die edle Stahlwaffe unter dem Drucke 
„Dir Grldschrine auf drin Trockrnbodrn". 
Feierabend! 
Bilder aus der Reichsdruckerei. (S. Seite 354.)
        
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