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Volume 15. März 1884, Nr. 25

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Nikolai vermuthet, daß Weiß durch Agrikola aus Eisleben 
der auch im Jahre 1540*) aus Wittenberg nach Berlin zog, hierher 
gebracht wurde, und zwar deshalb, weil Weiß mehrere Schriften 
Agrikolas in Berlin druckte. 
Nach Weiß wurde Thurncysser der Drucker Berlins, derselbe 
Mann, dessen Lebensschicksale unser verehrter Freund Schwebe! in 
seinem Roman erzählen wird. Als Nachfolger des berühmten 
Mannes kann Georg Runge aus Damm gelten, der 1621 ein 
ausschließliches Buchdrucker-Privileg für Berlin und Cöln und freie 
Wohnung im grauen Kloster erhielt. Dieser Runge ist der erste 
Berliner Zeitungsdrucker und Zeitungsverleger gewesen. 
Wie ich das an anderer Stelle**) einmal ausführlicher behan 
delt habe, erschien im Jahre 1517 die erste Berliner Zeitung, deren 
Titel — wir geben nur die halbe Größe — so aussah: 
ZEITUNG 
Auß 
MutWandt / Welsch- 
landt/ Frankreich/ Böhmen/ Hungarn/ 
Meerlaiid, vnb andern Orlen WöchtMäch 
jusammen qeirazc»/ 
Zm 7ahr 
«619. 
und deren Redakteure Ehristoph und Veit Frischmann waren. 
Es würde zu weit führen, und auch von keinem übergroßen 
Interesse sei», die Geschichte der Berliner Druckereien bis auf 
die Gegenwart fortzuführen. Ich erwähne darum nur kurz, daß 
die hervorragendste Berliner Druckerei im Augenblick die Reichs 
druckerei ist, welche aus der Vereinigung der ehemaligen 
Preußischen Staatsdruckerei und der früheren Geheimen Ob er- 
hofbuchdruckcrei (Decker) hervorgegangen, und die sür un 
mittelbare Zwecke des Reichs und der Bundesstaaten bestimmt ist. 
Derselben liegt vor allem der Druck des Papiergeldes, der 
Post- und Stempelwerthzeichen ob, wie die Herstellung der Staats 
obligationen, des Postkoursbuches u. s. w., und dieselbe ressortirt 
von dem Herrn Staatssekretair des Rcichspostamts. 
Ein Gang durch die, in der Oranienstraße 90—94 gelegenen 
Räume der Druckerei ist überaus interessant; ich bitte die Leser, 
sich an demselben zu betheiligen. 
Das Vorderhaus, desien Bild wir in der nächsten Rümmer 
bringen, enthält im Erdgeschoß und ersten Obergeschoß Bureau- 
und Dicnsträume, ferner die Amtswohnung des Geheimcrath 
Busse, des Direktors der Reichsdruckerei. Auf den Höfen be 
endet sich das vierstöckige Fabrikgebäude, in dem durch alle Stock 
werke hindurch die Decken durch Wellbleche gebildet sind, ferner 
das mächtige Kessel- und Maschinenhaus und der Oberlichtsaal mit 
den Schirellpressen. 
Sieben- bis achthundert Menschen, Arbeiterinnen und Arbeiter, 
werden in der Reichsdruckerci beschäftigt, deren Betrieb eine außer 
ordentliche Disziplin erfordert. Handelt cs sich doch um die täg 
liche Herstellung von Millionen von Werthzeichen und Werth 
papieren. 
Es ist bekannt und begreiflich, daß die Herstellung geldwerther 
kapiere beinahe sämmtliche vervielfältigenden Künste in sich kon- 
zentrirt; denn es handelt sich dabei vor allem darum, durch mög 
lichste technische Vollendung des Erzeugnisses die unbefugte Nach- 
ahmung zu verhüten oder doch zu erschweren. Die ganze Aufgabe 
"ner mit der Hcrvorbringung von Werthpapieren beschäftigten 
*) Die Jahre 1540, 1640, 1740, 1840 sind nicht nur die Negic- 
nings-Antrittsjahre hervorragender brandenburgisch-preußischer Regenten, 
wndern sämmtlich zugleich Anfänge glücklicher Perioden nach öder Zeit. 
**) Vergleiche Bär 1881 Nr. 24. 
Anstalt besteht daher in einem unaufhörlichen Kampf gegen die 
immer wieder anftauchenden Versuche, das Gemeinwohl durch 
Fälschung zu schädigen. Gefährliche Gegner sind den papiernen 
Geldzeichen in der Vervollkommnung aller technischen Verviel 
fältigungskünste gerade während der letzten 10 Jahre erwachsen, 
in der sogenannten Pbotogravure, in der Zinkographie, in den 
verschiedenen Umdrucksarten, in dem Druck von photographisch 
zugerichteten Glasplatten rc. —; und es ist nicht abzusehen, ob 
nicht im Laufe der Zeit einmal das papierene Geldzeichen 
darum aufgegeben werden muß, weil es einfach unmöglich ist, die 
täuschende Nachahmung zu verhindern. Sehr wahrscheinlich wird 
die Kreditwirthschaft noch im Laufe des gegenwärtigen Säkulums 
sich genöthigt sehen, andere Formen aufzusuchen, als in denen sie 
sich heute noch zum Theil bewegt. 
Es versteht sich, daß viele Säle des Etablisiemcnts nichts 
anderes enthalten, als was man in jeder anderen guten Druckerei 
sehen kann — in Berlin z. B. bei Moeser, Büxenstein, Grunert, 
Bernstein, re. re. —: Setzkästen, Druckerpressen u. dgl., und cs 
wäre überflüssig, hier diese überall zugänglichen Einrichtungen zu 
schildern. Erwähnen möchten wir nur, daß ein besonders praktisch 
und schön vom Direktor Geheimerath Busse hergerichteter Saal 
mit Oberlicht das Herz jedes Fachmannes durch seine überaus 
interessante und praktische Anordnung entzücken würde. 
Das eigentlich Jnteresiante bei der Reichsdruckerei liegt in 
der Anfertigung der Werthzeichen. Wir treten, um die Anfer 
tigung derselben auffteigend von ihrem ersten Stadium bis zu ihrer 
Vollendung zu erläutern, zunächst in das Atelier der Herren 
Graveure und Kupferstecher ein. Hier gehen außer den schönen 
Figuren, welche die Banknoten und Kasienscheine schmücken, auch 
die Stempel der Postmarken und die der Briefkouvcrts hervor. 
Man kann sich denken, daß bei den vielen Millionen Stücken, 
namentlich der beiden letzten Artikel, die Arbeit der Graveure nicht 
ausgeht. Freilich handelt es sich für diese nur um die Herstellung 
der Mutterplatten, die dann auf galvanoplastischem Wege ver 
vielfältigt werden. Die wesentlichsten Unterstützungsinittel der 
Gravirarbeiten sind aber ein paar Instrumente und Maschinen, 
denen wir eine nähere Betrachtung widmen müsicn. Da ist zuerst 
der Pantograph, ein Ding, das man früher aus gut deutsch 
einen Storchschnabel nannte, und das bekanntlich dazu dient, 
Figuren beliebig zu vergrößern oder zu verkleinern. Die letztere 
kann bis zur Grenze des Mikroskopischen getrieben werden, und 
es werden dadurch u. A. die unendlich kleinen Schriften in die 
Platten einradirt, welche das Verbot der Fälschung enthalten. 
Im Pantographen oder „Storchschnabel" lag der Keim zu 
einer Maschinenkonstruktion, deren man gegenwärtig bei der An 
fertigung von Papiergeld kaum mehr entrathcn kann, ja die allein 
noch vor Fälschungen wahrt, zur Konstruktion der Guillochir- 
maschine. Man weiß, daß der Unterdrück der Geldscheine aus 
unendlich feinem, wunderbar verschlungenem Linicnwcrk besteht. 
Dasselbe ist die Arbeit der Guillochirmaschine, welche es in Platten 
von Messing oder Schriftmetall cingegraben hat. Eine in lang 
samer Umdrehung begriffene Spindel wirkt nämlich mit ihrer 
Stahl- oder Diamantspitze bohrend auf das ihr senkrecht gegen 
überstehende Arbeitsstück; ebenso macht die zu gravirende Platte 
eine Längen- und Rundbewegung oder unter Umständen auch 
exzentrische und elliptische Bewegungen, so daß sich auf derselben, 
je nach der von kunstgerechter Hand geführten Leitung, die mannig 
fachsten Muster verschlungener Linien erzeugen, die in genauer 
Nachbildung meist von dem Guillocheur selbst zum zweiten Male 
nicht herzustellen sind. 
In der Reichsdruckerei sind nun verschiedene Künstler fort 
während damit beschäftigt, neue Muster zu Guillochirarbeiten zu 
erfinden und es liegen in dem betreffenden Atelier unzählige inter- 
effante Proben solcher Versuche aus. In der technischen Vollen-
	        
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