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Periodical volume 15. März 1884, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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In der Abendstunde saß Thurneysier mit seinem Schreiber, ! 
welchen er sich aus der Zahl der jüngeren Geistlichen der Stadt er 
wählt hatte, an dem großen Arbeitstische vor der Säule des ! 
Laboratoriums. Silberne Lanzen, römische Oelschifflcin auf 
hohen, prächtig verzierten Ständern, verbereitcten ein mildes Licht 
in diesem Gemache, welches der würzige Duft des Bernsteins und 
des indischen Weihrauchs durchzog. Es war eine Atmosphäre, 
welche die Sinne gefangen nahm und die müde Seele 
zu phantastischen Träumen anregen mochte. Düster erglänzten 
im Wiederschein des rothen Lampenlichtes die goldenen und die 
silbernen Gefäße; — all' dieses seltene Geräth warf seine gro 
tesken Schatten über den Fußboden hin, der nun mit bunt 
farbigen Geweben wohnlich bedeckt war. Per Doktor selbst aber 
diktirte. In der nun hinsichtlich des Textes Vollei,dctcn Hand 
schrift der „Archidoxa“ befanden sich am Rande leergelasscne 
Columnen; auf ihnen hatte der Schreiber nach der Anweisung 
des Gelehrten jetzt allerlei chemische Recepte zu verzeichnen 
sich angeschickt. „Fanget hier an, werther Freund", sprach 
Thurneysier jetzt, „und schreibet also: 
Das Silber zu Wasier mutiren! darzu, so nehmet — 
Silber, das gar klein getheilet sei, — Wein-Essig, — der 
Essig soll gar stark sein, — dies thut in ein Glas, gar wohl 
verluttirt, — setzt' es in Aschen, — in warmen Sand, — in 
ein' Kapell'. Die Kapell' regiert — in dem vierten gradu 
ignis, — und laßt's also stehen 60 Tag', so wird das Silber 
grün und blau. — Das pulverisirt, — thut's in ein Glas 
— und einen Helm darauf, — und dcstillirt's — so wird die 
Seel' des Silbers — durch den Helm, — mitsammt dem 
Wasier, — ein lauter schön' Crystall. Das ist das Wasier 
von dem Silber!"* — 
Da klopfte es an die eichene Thür. Auf das „Herein!" 
des Gelehrten erschien der bischöflischc Hofmeister; ihm folgten 
zwei Diener mit einem Fäßlein Wein. „Herr Doktor", sprach der 
Offizial sich verneigend, gestattet, daß ich Namens Sr. Gnaden 
diesen Ehrenwein Erich darbiete; es ist das Trefflichste, was wir 
vom Ungarwein im Keller haben! Zugleich läßt Se. Gnaden 
sich Euch ansagen, nachdem der Tag zu Ende, — so cs Euch 
nicht stört!" 
„Ich werde mich freuen, ihn zu sehen"; — lautete die 
Antwort, — „empfehlet mich Sr. Gnaden!" — 
Thurneysier entließ den Schreiber; er zündete dann noch 
mehr der Kerzen an und wartete seines gastfreundlichen Wirthes. 
Kurze Zeit, nachdem die Glocken drüben ausgeläutet hatten, 
erschien auch Graf Johann in violettem, bischöflichem Gewände. 
Er war fteudig überrascht, als er die Veränderung der Räume 
gewahrte. 
Ehrerbietig führte Thurneysier den geistlichen Herrn zu 
einem herrlich geschnitzten Lehnstuhle. Der Fürst bewunderte 
das Kunstwerk. „Es ist, wie Euer Ring, eine Reliquie des 
großen Parazelsus von Hohenheim!" erklärte der Doktor. „Die 
Herren Fugger schenkten ihn mir, des Meisters Arbeitsstuhl, 
— nachdem ich ihre Bergwerke zu Schwaz in Tyrol zu neuem 
Flor gebracht hatte!" — 
Der goldige Wein perlte in den Gläsern; der Bischof 
saß dem Gelehrten an desien Arbeitstisch gegenüber. Fragend 
aber ruhte der Blick des Grafen von Hoya auf den Waffen 
an der Säule des Gemaches und auf dem verhüllten Bilde. 
Und Thurneysier verstand die an ihn gerichtete, aber noch 
nicht ausgesprochene Aufforderung sehr wohl; er beeilte sich, 
der Frage seines Gönners zuvorzukommen. 
„Bei dem nahen Verhältnisse," so begann er, „in welches 
ich mm zu Ew. Gnaden getreten bin, erachte ich's für meine 
Pflicht, Euch, ehrwürdiger Herr, auch meine Vergangenheit 
darzustellen. Allein es ist ein düsteres, fast unheimliches Ge 
mälde, welches ich Euch zu entrollen habe!" 
„Noch ist bis jetzt der Pfad keines Mannes der Wissen 
schaft eiir Wandeln allein durch freundliche, von stillem Sonnen 
schein erfüllte Thäler gewesen;" erwiderte der Fürst, „das weiß 
ich wohl!" 
„So höret denn die Mähr'!" sprach Thurneysier. „Das 
Glück der Kindheit hat mir nicht gefehlt! Vor mir steht die 
hohe Stadt Basel, — sie, die so reich mit Ehrenkränzcn aller 
Wissenschaft und Kunst geschmückt ist! Dort in einer Gasse 
am Rheine steht meines Vaters Haus! Ich habe nicht das 
Glück gehabt, meine Mutier zu kennen! Der Vater war 
ein finst'rer Mann; die Narben seines Antlitzes erzählten von 
Marignano*) und von Padua! Unter dem Freiherrn von 
Hohen-Embs war er ein Landsknecht gewesen; er hatte wacker 
gefochten; er hatte dann aber, von ungewöhnlichem Form 
talente unterstützt, der Kunst sich gewidmet. Nur Klänge 
italienischer Zunge vcrmochten's, ein lebhaftes Blitzen der Freude 
aus seinem schwermüthig gesenkten Auge hervorzurufen; es 
waren die Worte „Andrea Sarto" und „Benvenuto Cellini." 
Bei den großen Meistern hatte er gelernt! — 
Das Haus „zum Thurn" war keins der schlechtesten in 
Basel! Es fehlte nichts; — wir Brüder, — mein Bruder 
Alexander war 1528, — ich bin 1530 geboren, — hatten 
keinen Mangel, als den an elterlicher Liebe, der freilich für 
uns wohl von nachhaltigerem Einflüsse gewesen ist als es selbst 
Kummer und Noth gewesen wären. Friedliche Klänge, friedliche 
Bilder haben sich aus der Vergangenheit der ersten Jugend mir durch 
eine bewegte Jünglingszeit bis in die Gegenwart hinübergercttet. 
Oft vernehme ich noch das harmonische Geläut des Martinus- 
und des Georgenthurmes am Baseler Münster; ich sehe das rothe 
Gestein der Domhelme leuchten in der Abendsonne, deren Kuß 
auf den fernen, eisigen Kuppen der Alpen ein rosig Glühen 
hervorgezaubert hat! Die mahnenden Bilder des Todtentanzes 
drüben in Klein-Basel, das Rauschen der vierhundertjährigcn 
Kastanien auf der Pfalz, — welche unverlöschlichen Eindrücke 
verliehen sie der Kindheit! — 
Und wie Traumbilder schreiten ernste Männer durch diese, 
meine frühesten Erinnerungen! Sie kamen oft zum Vater, 
die letzten der Humanisten von Basel, — Gestalten mit fein 
gezeichneten Zügen, — sich freuend wie Kinder, wenn es dem 
Künstler gelungen war, eine römische Münze, vielleicht eine alte 
Gemme, eine Kamee, ihnen zu verschaffen! Den großen Eras 
mus zwar hab' ich nicht mehr gekannt; aber seine Schüler sah ich 
oft; sie erkauften manch' goldenes Gefäß von uns; auch schnitt 
mein Vater oft die Leisten, deren Schmuck ihren Druckwerken 
einen so hohen künstlerischen Werth verleiht!" 
„Sie waren Ketzer!" warf der Bischof ein. 
„Kaum das, — Ew. Gnaden!" erwiderte Thurneysier kühl. 
„Sie waren Heiden! Die Religion ging sie nichts an! Einer 
neuen Gottheit wollten sie Tempel bauen, der Wissenschaft!" 
') Archidoxa, Ausgabe von 1577. Seite 55 b. 
’) Bekanntlich Schlachten der französischen Kriege.
        
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