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Periodical volume 15. März 1884, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 10.1884

Line Chronik für's Haus 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Postanstalten für 2 Mark 50 Pf. 
X. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Im Postzeitungs-Latalog eingetragen (14. Nachtrag) unter Nr. 2278. den IS. März 
Nr. 2S. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Pactcl in Berlin W. 1884. 
Qonhard Thiirncysscr pim Thun 
Roman in drei Büchern von Oskar 8>t>mks>el. (Fortsetzung.) 
Im Laboratorium. 
Ein »vundervoller Morgen leuchtete der Bischofsstadt. 
Noch war es sehr früh; aber der Doktor Leonhard Thurneysser 
war bereits vorn Schlummer aufgestanden. 
Vor der Pforte jener Domherrenkurie, in welcher, dicht 
neben der bischöflichen Pfalz, der Gras Johannes von Hoya 
ihm seine Wohnung angewiesen hatte, 
hielt ein schwerbepackter Wagen. Leon 
hard Thurneyssers eigene und fremde 
Knechte waren zugleich mit demselben ge 
kommen und halfen die schweren Kisten 
und Kasten abladen. Es ging nicht ab 
ohne das übliche „Hüh!" und „Höh!" 
— Als der ernste Gelehrte aber unter 
der niedrig gewölbten Thür erschien, 
wie verstummte da der Lärm! „Es ist 
eine gottgesegncte Frühstuude!" sagte 
Thurncysser. „Stört mir dieselbe nicht 
allzu arg!" Er begab sich in jenes Zimmer 
zurück, welches in seiner ersten Nacht 
zu Münster ihm Obdach und Ruhe dar 
geboten hatte. 
Nicht leicht konnte einem Gelehrten 
eine anmuthigere, friedlichere und zu 
ernstem Nachdenken anregendere Stätte 
dargeboten werden, als cs die alte 
Kurie des ausgestorbenen Geschlechtes 
derer von Wevelinghoven war. Sie 
erhob sich auf der nördlichen Seite des Kreuzganges der alten 
Bischosspfalz. Trat man aus den Zimmern des Erdgeschosses 
hinaus, so hatte man jene kühlen, grauen Steinwölbungen vor sich, 
deren Schatten die Leichensteine der alten Bischöfe und Kapitu- 
e von Münster aufgerichtet waren; friedlich blickten die 
' isten Gestalten mit den Hirtenstäben, den Kelchen, den 
L angelienbüchern in ihrer starren Todesruhe über die blühende 
' getation des Gartens hin, dessen Sträucher und Schling- j 
Nachdruck verboten. 
Gesetz v. 11. VI. 70. 
pflanzen die Säulenstellungen der Bogenöffnungen des Fried 
hofes umrankten. Schwalben nisteten in der reichen, gothischen 
Architektur der Fenster; Tauben gurrten in dem Häuschen, 
das ihnen eine der Mansarden dieser krausen, anheimelnd 
poetischen Baulichkeiten darbot! Hier mußte der Trost welt 
abgeschiedener Ruhe jedwedem Herzen kommen, auch dem, das 
sturmzerzaust war wie die Eiche, die 
nach der schweren Gewitternacht nur 
ihren Stamm erhalten, — ihren präch 
tigen Schmuck an Laub, an Zweigen 
und an Aesten aber gebrochen zu ihren 
Füßen liegen sieht. 
Draußen die Knechte luden nun ab. 
Mitten in der wundervollen, über dem 
Staube so vieler Geschlechter herrlich 
aufgeblühten Gottesnatur aber saß der 
Doktor Leonhard Thurncysser. Er hatte 
bei der Sonne ersten Strahlen sich 
seinen Tisch in jene kleine Kapelle tragen 
laffen, in welche, an der nordöstlichen 
Ecke des Bauwerkes, der Kreuzgang aus 
lief. Hier war er ganz ungestört. Die 
Vögel flogen zwitschernd unter den 
Wölbungen hin und her; die verstaubte, 
in ihrer Vergoldung nur noch matt schim 
mernde Gestalt eines Heiligen schaute 
auf ihn herab. Die Linke derselben war 
auf das Herz gepreßt, als wollte sie 
dem ungestümen Schlagen deffelben gebieten, die Rechte segnend 
erhoben, — ein rechtes Bild des Gottcsfriedens, welcher 
die Welt überwunden hat und mit den läuternden, segnenden 
Mächten dort oben sich eins weiß! Der Doktor hatte auf die 
Sandsteinplatten am Boden Körnlein hingestreut, — Roggen 
und Weizen; — die licderreichen, gefiederten Bewohner der 
Kreuzgänge kamen hüpfend, diese Morgenmahlzeit sich zu holen, 
die ihnen wohl auch mancher der früher hier verweilenden 
Fürst Hardenberg. 
Nach einem gleichzeitigen Portrait. (S. 344.)
        
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