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Periodical volume 8. März 1884, Nr. 24

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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rothen Erde auch im Sommer nicht vom Haupte ließ, „nicht 
wahr, — Ihr träfet es, wie ich sagte: Sc. Gnaden sind 
ausgelitten? Aber Herr Johannes Osenbrüggen, unser viel- 
verständiger Meister Buchdrucker, nach welchem ich auf Eller 
Geheiß gesendet habe, ist Eurer Befehle gewärtig; — ich 
bitte, — dort sitzt er an jenem Tische unter dem letzten 
Bogen! Der and're Herr ist Hans von der Berswordt, Mit 
glied des Rathes unserer guten Stadt!" 
Der Doktor Leoilardus bestellte eine Kanne Wein und 
trat dann zu den beiden Männern, die, obwohl selber gar 
stattlich und, wie man's damals naimte, „ehrlich" angethan, 
sich doch erhoben, als sie sahen, wie der vornehme Fremde 
auf sie zuschritt. 
Alan lüftete die Hüte gegen einander. „Entschuldigt, 
liebe, werthe Herren," sprach der Doktor, höflich sich ver 
neigend, „wenn ein Ausländer Eure Zeit in Anspruch nimmt! 
Euch aber, Herr Johannes Osenbrüggcil, hab' ich Grüße zu 
bestellen, die Euch erfreuen werden. Der Meister deutscher 
Druckerkunst, er läßt Euch Heil und Segen wünschen: Herr- 
Johann Frobenius*) von Basel! Und daß ich mehr Euch 
sage: auch die Herreil Welser,**) die fürstlich edlen Freunde 
und Patrone Eurer hohen Kunst, die königlichen Kaufherren 
der ehrcnreichen Stadt am Leche, sie grüßen auch mit Gunst 
ein ehrbar Handwerk, dem sie selber sich verbunden!" 
Mit offenem Munde staunte der biedere Bllchdrucker von 
Münster nach der bedächtigen Art seines trefflichen Volks 
stammes den Fremden an. Dann aber flog ein helles, frohes 
Lächeln über die sonnenverbrannten Züge- „Wie? — Was?" 
rief er- „Einen Gruß aus der herrlichen Officina ad insigne 
pinne? — Von denen Grafen Welfern? O Herr, — das ist 
zu viel der Ehre! Und wein dank' ich sie?" 
Ich heiße Leonardlls Thlirneyffer zum Thnrn!" lautete 
schlicht und ernst des Fremden Antwort. 
Da streckte der wackere Buchdrucker von Münster dem 
Fremden beide Häilde entgegen: „O seid um Gott will 
kommen, mein Herr Doktor!" rief er. „Der Ruf von Euren 
hohen Gaben ist auch bis in das Land der rothen Erd' ge 
drungen! Gestattet, gestrenger Junker von der Berswordt, 
daß ich Euch dem werthen Gaste dieser Stadt hier präsentire! 
Wohl dürfen wir uns freuen, daß ein Licht der Wiffenschaft 
zu uns gekommen!" 
„Ich bitte," unterbrach ihn Doktor Leonardus; — „wir 
sind in delltschen Landen, guter Meister, und brauchen nicht 
der Schmeicheleien! Ich bin ein armer und bescheidener Ge 
lehrter, gerüttelt vom Geschicke durch und durch! Ein Vierziger 
schon, wie Ihr sehet, würd'ger Rathsherr! Und ach! Ich 
stehe, wie ich offeil sage, erst an den Pforten aller Wiffen 
schaft! Da isl's dem Manne nicht vergönnt, solch' Lob zu 
dulden! Doch Meister Osenbrüggen, — ich frage Euch! Gar 
viel hab' ich an alter und an neuer Weisheit mm gesammelt 
in de» Landen, die mein Fuß betrat; — gar Manches ist 
mir leicht und klar geworden aus den tvildcrregten Wellen 
stürm'schcr Meere in der langen Stacht, da unser Schiffsvolk 
zitterte vor nahem Tode; — gar Manches haben wundersame, 
ja geisterhafte Stimmen mir in der Einsamkeit enthüllt, da 
ich im Sande der Wüste ilnd auf den glühenden Felsen 
heil'ger Berge kniete, — am Athos und am Sinai!" 
*) Berühmter Buchdrucker des 16. Jahrhunderts. 
**) Die Besitzer der Augsburger Druckerei „ad insigne pinus.“ 
Mit noch verwunderteren Blicken sahen die beiden ehren 
haften Jnsaffen der westfälischen Metropole den Fremden an. 
Er bemerkte es wohl und lächelte. „Ein ander Mal darüber, 
meine werthen Herren!" sprach er. „Doch Meister Osen 
brüggen, ich ließ Euch rufen," fuhr er fort, „um Euch zu 
bitten, nur ein Büchlein hier von mir zu drucken. Ich bleibe 
einige Zeit wohl hier und bin des Bischofs Gast. Aber ich 
muß die angestrengteste Thätigkeit auch hier üben; — ich 
darf nicht feiern, will ich irgendwie mein Ziel erreichen. — 
Seid Ihr bereit? Ist Eure Offizin versehen? Deutsch und 
Lateinisch brauchen wir, — Griechisch, Hebräisch und Planeten- 
zeichcn!" 
Da erhob sich der Buchdrucker. Es lag jetzt etwas von 
ächter Manneswürde und von wahrhafter Tüchtigkeit auf 
seinen Zügen. „Will Doktor Leonardlls mir die Werke seines 
Geistes anvertrauen," erwiderte er, — „er soll mit mir zu 
frieden sein. Gott schütze unsere edle Kunst!" 
Die Becher klangen an einander. „Ihr seid, Herr Doktor, 
von des Bischofs Gnaden hergeladen?" fragte der Rathsherr 
Johannes von der Berswordt. 
„Ja, gestrenger Herr," antwortete der Doktor Leonardus; 
„er erwartet mich schon längst!" 
„Ich wünsche Euch Glück," entgegnete der Bürger von 
Münster. „Herr Gras Johannes ist ein ganzer Mann, — 
ein Mann von hellem Auge, klarem Sinne und eisenstarkem 
Willen! Ich sage: wohl dem Manne, den er sich zum Rath 
erkor! Doch sehet, — täusche ich mich nicht, so koinmt der 
Bnider Pförtner selbst, Euch abzuholen! Ja, er schreitet auf 
uns zu!" — 
Es war in der That so, wie der Rathsherr verinllthet 
hatte. „Des Bischofs Gnaden," rief der klösterliche Pförtner, 
„sind zurück; Sic werden hocherfreut sein, also gleich den 
Herrn Doktor zu sprecheil!" — 
Unverzüglich folgte der Doktor Leonardus, nachdem er 
sich höflich von den beiden Herren verabschiedet hatte, dem ihm 
nach dein Bischosshofe voraufschreitenden Diener. 
In einem kleinen, bereits vorn Dämmerscheine erfüllten 
Gemache, durch dessen Fenster die Blicke auf die Büsche und 
Bälnne eines wohlgepflegten Gartens fielen, fand der fremde 
Gelehrte den hochsinnigen Kirchenfürsten, Herrn Johannes von 
Hoha, des heiligen römischen Reiches Grafen, einen Ver- 
wandten des Hauses Wasa! Der Bischof mochte etwa in 
gleichem Alter mit dem Doktor sich befinden; aber sein Antlitz 
war überaus leidend. Aus den düstern Augen schien die 
Flamme leidenschaftlichen Ehrgeizes hervorzusprühen; seine 
Gestalt trug etwas unruhig Bewegtes an sich; ächt fürstlich 
aber leuchtete diese hohe, reine Stirn. 
„Es ist mir sehr lieb," begann der Bischof das Gespräch, 
„Herr Doktor, daß Ihr so schnell auf meinen Ruf gekommen 
seid! Ich fühle es nur zu wohl, daß ich in rastloser Thätig 
keit meine Lebenskraft auf die Erreichung meiner Pläne zu 
verwenden habe, so lange St. Johann und Gottes Wille 
mir noch Zeit vergönnen! Wollet Ihr mir behülflich sein, 
mein lieber Doktor? — Ihr werdet es gewiß erfahren haben, 
wie warm Erzherzog Ferdinand Euch mir empfohlen hat!" 
„Gnädiger Herr," sprach Doktor Leonardus, „es wäre 
undankbar, wenn ich es Euch verhehlen wollte, wie schwer 
der Abschied mir geworden ist! Es war ein glückliches, welt 
abgeschiedenes Leben auf den Fluren des Gerichtes Imbst,
        
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