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Periodical volume 8. März 1884, Nr. 24

Full text: Der Bär Issue 10.1884

Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitung-speditionen und Postanstalten für 2 Mark 30 Pf. 
X. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. — Im Postzeitungs-Latalog eingetragen (14. Nachtrag) unter Nr. 2278. den 8. März 
Nr. 24. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. 1884. 
Leonhard Thurncysser zum Thurn. 
Roman in drei Büchern von ®ssmr SAtnrGtC. 
Nachdruck verboten. 
Gesetz ». II. VI. 70. 
Erstes Buch. 
Im Bischofshofe zu Münster. 
Das Johannisfest des Jahres 1570 war vor wenigen 
Tagen gefeiert worden. Wie hatte es auf den Hügeln und 
den Hoheit im westfälischen 
Lande ringsum geflammt! 
Bon den Bergesgipfeln her 
ab waren die feurigen Näder 
des Sommersonnenwende- 
fcstcs zu den Strömen, zu 
den stillen Weihern hinter 
den tiefschattcilden Eichcn- 
hainen hinab gerollt! Eilt 
Singen und Klingen all 
überall in der balsamischen 
'Nacht; — frohes Jauchzen, 
— jubelnder Ton beim 
Sprunge durch die althci- 
lige, läuternde, segnende 
Flamme; — leises Liebes- 
geflüstcr am umbuschten 
Rande des Baches! Und in 
den ehrwürdigen, grauen 
Städten des Müitstcrlaitdes 
festlicher Tanz um die mit 
Rosengewinden umschlunge 
nen Brunnen der Märkte, 
deren kühlendes Naß der 
Heilige jetzt so reichlich ge 
segnet hatte in seiner ge 
weihten Nacht! 
Nun war sie verstuntint, 
die Lust der hochheiligen 
Zeit, verstuinmt in Stadt 
Leonhard Thurneisscr?um Thurn. 
Nach einem Porträt, enthalten in seiner „Historia sive descriptio plantarura“ 
in den kunstvoll mit eisernen Bändern beschlagenen Truhen. 
Die letzten Becher des kühlen Johannisweines, welcher vor 
den Altären der Heiligen seine Weihe erhalten hatte, waren 
vertheilt worden air Arme und Kranke. Es gab im deutschen 
Lande damals selten ein 
Herz, welches zu dieser, seit 
den Tagen der heidnischen 
Väter so hoch geweihten Zeit 
nicht gern auch der Noth 
gedacht hätte in seiner Nähe! 
War cs doch tausendfacher 
Segen, der jetzt die Natur 
durchströmte! Heilkräftig das 
Wasser! Gesegnet Feld und 
Wald! So hoch der Flachs 
auf dem Felde wie des 
Mädels Sprung, dem heiße 
Lebenslust die Muskeln 
schwellte! Da mußte der 
sinnige Mensch durch Barm- 
herzigkeit gegen seines 
Gleichen wohl auch der 
wunderthätigen Natur und 
all' den mächtigen Herren 
derselben danken, den glän 
zenden Aposteln und Heili 
gen, welche die herrlichen 
Fenster in St. Ludgcri 
Dome 511 Münster so köstlich 
zierten! 
Wie ein Dailkesopfer 
für die reichen Gaben des 
'Sommers stieg auch am 
27. Juni des Jahres 1570, 
und Land! Die Reste der verkohlten, den Scheiterhaufen jetzt in den späteren Nachmittagsstunden, der Duft der blühen- 
cutzogcnen Brände, heilkräftig für Haus und Hof, lagen , den Lindenbäume auf dem Domhofe in Münster zum Himmel auf.
        
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