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Volume 6. October 1883, Nr. 2

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Hause vom Fürsten Radziwill mit einem Gedicht überreicht und 
alle Häuser in der Umgegend hatten ihre Fenster illaminirt. 
König Friedrich Wilhelm Hl. verlieh dem Jubilar mit einem 
eigenhändigen Handschreiben den Rothen Adlerorden zweiter 
Klasse. 
Noch verschiedene Jahre war Heim in ungeschwächter Kraft 
der Trost der Kranken, die Freude aller Seinigen, bis er nach 
kurzem Krankenlager, ohne das leiseste Zeichen des Schmerzes, am 
15. September 1834 verschied. 
Viele Tausende der Einwohner Berlins geleiteten seinen Sarg 
bis zum Friedhofe vor dem Halleschen Thor, der König erwies 
ihm die letzte Ehre durch Absendung seines achtspännigen Wagens. 
Aerzte hoben den Sarg vom Wagen und trugen ihn bis zur 
Gruft und Superindendent Küster hielt die Leichenrede, anknüpfend 
an das Wort Heims: „Hier ist kein Ort der Trauer für die Fa 
milie Heim". Er schilderte Heim nach dessen Bitte: „Halten Sie 
mir ja keine Lobrede, wenn Sie an meinem Grabe das Wort er 
greifen": „Viele Tausende aus allen Ständen, besonders die 
Armen und Aermsten im Volke senden ihm Segen nach. Erscholl dem 
Leidenden der Name Heim, so richtete sich die gesunkene Hoffnung 
auf, so erstarkte der wankende Muth und das schon mit Thränen 
gefüllte Auge erheiterte sich. Aber nicht nur die hochgesegnete Kraft 
des Arztes kennen wir von ihm, er war auch einer der edelsten 
Menschen und der thätigsten Christen. So möge er allen ein 
Muster sein, wie wir in thätiger Frömmigkeit leben müssen, um 
einst sterben zu können, wie dieser Gerechte!" 
Johann Friedrich Gdttger. 
-Der Erfinder des Porzellans. 
(S. das Portrait Seite 29.) 
„Gott unser Schöpfer, 
hat gemacht aus dem Goldmacher einen Töpfer." 
Diesen Vers schrieb Böttger selbst über sein Laboratorium 
aus der Jungfrau-Bastei in Dresden. In Wahrheit bezeichnet der 
Vers den Lebenslauf eines Mannes, der zu den originellsten des 
vorigen Jahrhunderts zählt, den Lebensgang eines bedeutenden 
Erfinders, der mit 16 Jahren ein weggelaufener Berliner „Apo- 
thckergeselle," eifrigst von zwei Monarchen gesucht wurde; den der 
Zufall zu einem Adepten gemacht hatte und dem durch sein wirk 
liches tüchtiges Wiffen und durch sein eminentes Talent eine der 
werthvollsten Erfindungen gelang. 
Er starb, in halber Gefangenschaft, in seinem 35. Lebensjahre. 
Wir nehmen dies hier gleich deshalb vorweg, weil nach dem von 
uns reproduzirten Portrait Böttger älter erscheint. Das Por 
trait ist eine Kopie eines Porzellanbildes cn Uisquit, welches zu 
Lebzeiten Böttgers aus seiner Meißner Fabrik gefertigt wurde. 
Wir wollen nun den Lebensgang des Mannes schildern, der als 
Apothekerlehrling in Berlin am Molkenmarkt Nr. 4 seine Karriere 
begann. 
Johann Friedrich Böttger ward Sonntags, den 5. Februar 
1685 zu Schlei; geboren, wo sein Vater damals Münzkassirer 
Heinrich's IV., Grafen von Reutz, des Stifters der Schleizer Linie 
war und später in ziemlich guten Umständen gestorben ist. Der 
junge Böttger wurde, da sich die Mutter nach Magdeburg begab 
und noch einmal verheirathete, größtenteils hier erzogen, und soll 
von seinem Vater ein Rezept zur Anfertigung von Gold geerbt 
haben, eine Fabel, die der Sohn später selbst verbreitete, um sich 
in der Rolle eines Adepten, welche er späterhin spielte, gehörig zu 
behaupten. 
Nachdem er schon in seinem zwölften Jahre von seinem Stief 
vater, dem Königlich Preußischen Stadtmajor, Ingenieur und Kon - 
dukteur Tiemann bei dem Apotheker Zorn zu Berlin in die Lehre 
gegeben, wo er sich auch bald durch Fleiß, Wißbegier und seltene 
Talente auszeichnete, arbeitete er oft in einem fremden Laboratorium 
vor dem (alten) Leipziger Thore. Zorn's Leute hielten den emsigen, 
stillen, immer die Einsamkeit suchenden Burschen für einen Narren, 
und hatten ihn deshalb oft zum Besten, wodurch aber Böttger sich 
nicht irren ließ. Bald trieb er mit unbegrenztem Eifer Alchymie, 
in seinen Augen das non plus ultra aller Weisheit, wozu ihn der 
Umgang mit einem gewiffen Ebers, einem Gehülfen in der Zorn'schen 
Apotheke und einem anderen Apotheker Köpke, von welchem er ein 
alchymistisches Manuscript gekauft hatte, dessen Studium ihn Tag 
und Nacht beschäftigte, ganz besonders veranlaßt hatte. Völlig über 
zeugt, daß er — als ein Sonntagskind — auf dem rechten Wege sei, 
den Stein der Weisen so gut wie Theophrastus Paracelsus und 
Konsorten zu finden, ging er fast nur mit angeblichen Goldmachern 
um, zu welchen unter anderen sogar der geheime Staatsrath v. Haug- 
witz gehörte, der ihn nicht nur heimlich besuchte, sondern auch später 
hin auf zwei Kapellen mit ihm laborirte. 
Seitdem aber hatte er zu nichts mehr Lust, als zum Spe- 
culiren und Bücherlesen, versäumte darüber Freistunden, Kirche und 
Schlaf und webte so ganz in alchymistischen Ideen, daß er meist 
wie ein Träumender sich benahm. Er begann am häufigsten bei 
Nacht zu laboriren, und zwar auf Kosten seines Prinzipals, denn 
er selbst hatte gewöhnlich nicht einen Heller. Einst brachte dieses 
Arbeiten sogar Zorn's Haus in Feuersgefahr. Als er nämlich 
nach Mitternacht im Laboratorio, dem es an hinlänglichen Zug 
löchern fehlte, sogar bei verriegelten Thüren und verschlossenen 
Fenstern arbeitete und in zwei übereinander stehenden Tiegeln 
mittelst Arsenik Weißes Kupfer fertigen wollte; benahm ihm ersterer, 
weil er nicht ausdampfen konnte, den Odem so, daß er bewußtlos 
hinsank. Diesmal wäre es um ihn geschehen gewesen und er 
hätte ersticken müffen, wenn seine Kameraden ihn nicht erretteten, 
die, weil sie ihn im Bette vermißten, ihn im Laboratorium 
suchten. 
Natürlich blieben dergleichen Dinge dem Prinzipal nicht ver 
schwiegen, welcher Böttger deshalb ewig mit Vorwürfen und Spott 
über Goldmachen und Goldmacherei quälte. Der Herr und der 
Diener wurden einander bald überdrüssig. In dieser Zeit gegen 
seitiger Gährung machte Böttger eine Bekanntschaft, die ihm 
vollends den Kopf verrückte. Es trieb sich nämlich in Berlin ein 
angeblich griechischer Mönch herum, welcher unter dem Vorwände, 
Almosen für die in türkischer Sklaverei schmachtenden Christen zu 
sammeln, ganz Europa durchreiste, im Stillen aber für einen Adepten 
sich ausgab, der nur Gelegenheit suche, den Stein der Weisen 
einem sicheren Manne einst hinterlaffen zu können. Mönche galten 
von jeher für die Groß-Siegelbewahrer im Archive der Natur, und 
die meisten alchymistischen Betrüger traten entweder in Mönchs 
gestalt auf oder stellten Mönchswcisheit als die Fundgruben der 
ihrigen auf. 
Böttger vertraute nun Lascaris, so hieß der Mönch, seinen Hang 
zur Chemie, weshalb er oft von seinen Kameraden verspottet, ja von 
seinem Prinzipal Zorn selbst mit Fortjagen bedroht wurde, und bat 
mehrmals, unter Angeloben der heiligsten Verschwiegenheit, dringend 
um Unterricht in der Alchymie. Nach langem Weigern läßt sich 
Lascaris endlich überreden und giebt Böttgern von einer rothen 
Tinktur nur soviel, um für 80 000 Speziesthaler tingiren zu können, 
versichert, daß ein Gran davon acht Loth Blei in Gold verwan 
dele, und theilt ihm zugleich den ganzen Prozeß zur Fertigung des 
Steines der Weisen mit. Anfänglich brüstet Böttger sich mit diesem 
Besitze, in der Folge aber gab er gern zu, daß er betrogen worden, 
und daß er den Stein selbst noch zu suchen habe. Besaß diesen der 
Mönch, so würde er nicht als halber Bettler gestorben sein, auch 
den Stein wohl eher einem Vornehmen, als einem Apothekerjungen 
anvertraut haben. Böttgern hatte indeß theils der Umgang, theils
	        
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