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Volume 1. März 1884, Nr. 23

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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da — ja, Herr, ich weiß nur nicht, wie es zugegangen — 
plötzlich war der ganze Schloßt,of mit Bewaffneten gefüllt, 
welche alle aus den Odcrkähnen gekommen sein muffen. Es 
mögen an die zweihundert Mann heraufgekommen sein. Ich 
befand mich gerade an der unteren Ausfallpfortc, als der 
Lärmen losging, und überzeugte mich sogleich, daß jeder 
Widerstand nutzlos sei. „Hie Stralsund! Hie Grypenhoagen!" 
hörte ich überall rufen und bald flogen brennende Pechkränze 
in jeden Stall und jeden Schuppen. Unser Herr, der in den 
oberen Gemächern des Schlosses sich aufgehalten, wurde ge 
fangen hinweg geführt. Als ich dies aus meinem Versteck 
sah, öffnete ich die kleine Ausfallpforte, warf eine Bohle 
über den breiten Graben und suchte mein Heil in der Flucht, 
hoffend, daß auf diesem Wege mir noch andere folgen würden, 
was denn auch geschehen ist, wie Ihr seht- Es müssen sich 
in der Dunkelheit aber noch mehr gerettet haben, welche wahr 
scheinlich über den Marienplan nach der Stadt geflohen sind. 
Bald nach meiner Flucht stand das Schloß in Flammen!" 
Nachdem der Mann seine Erzählung geendet, während 
welcher alle anwesenden Personen sich herangedrängt hatten, 
fragte Nickel Pul, ob jemand wisse, was aus der Frau und 
der Tochter des Kaspar Uchtenhagen geworden sei und erfuhr 
zu seiner Freude, daß diese zur Zeit des Ueberfalls auf dem 
Schlosse gar nicht anwesend gewesen seien- 
„Nun, dann wollen wir uns doch 'mal die Pommern 
näher ansehen," meinte Nickel Pul- „Vielleicht hat einer von 
Euch den Muth, mich so weit an das Ufer zu führen, als 
man unbemerkt dahin gelangen kann, um zu sehen, ob da 
Oderkähne ankern. Ist es doch immer noch möglich, Euren 
Schloßherrn den Händen der wilden Pommern wieder zu 
entreißen!" 
„Herr, das ist zwar ein gewagtes Stückchen Arbeit, aber 
man soll nicht sagen, daß der alte Martin seinen Herrn im 
Stich gelassen," erklärte der Mann, der den Nickel Pul zuerst 
auf dem Wege angesprochen. „Kommt denn, wollen sehen, 
wie wir uns am besten heranschleichen." 
Nun wollten ihnen alle anwesenden Männer folgen, 
N'ickel Pul aber befahl ihnen, zurück, jedoch in ihrer Nähe zu 
bleiben, damit man sie zu Hülse rufen könne, wenn die Noth 
es erfordere. Einen von ihnen sandte er zu dem Baltzer, daß 
dieser mit den Pferden auf dein Wege vorsichtig näher komme. 
Darauf traten sie geräuschlos ihren Weg durch die dichte 
Waldung an, den Odcrwiesen zu, und nach einem höchst- be 
schwerlichen Marsch fanden sie endlich eine Stelle, von welcher 
aus ihnen ein freier Blick über die Oder und das ganze Thal 
gestattet war, welches von dem brennenden Schloß weithin 
beleuchtet wurde- Von hier aus konnten die Beiden erkennen, 
daß nicht bloß das Schloß, sondern auch die, auf dem gegen 
über befindlichen Berge stehende Kapelle in hellen Flannnen stand. 
Die Pommern hatten also in ihrer Wuth auch das kleine, 
sonst so freundlich zwischen den Eichen und Buchen hervor- 
und ins weite Oderthal hinausschauende ehrwürdige Hciligthum, 
das der fromme Sinn der Freicinvalder Bürger vor Zeiten 
der heiligen Mutter Maria zu Ehren gestiftet, und das ein 
beliebter Wallfahrtsort ihrer Nachkommen geworden war, nicht 
verschont. 
Es war ein tiefergreiscnder Anblick in der Nacht! Dort 
das alte gefürchtete Schloß mit seinen Basteien rmd Brüstungen, 
Thürmen und Thürnichen, aus welchen die feurige Lohe gen 
Himmel schoß, auf dem anderen Berge die ebenfalls in einem 
Feuermeer stehende kleine Kirche, dazwischen das tiefdunkle 
Thal, im Hintergründe und zu beiden Seiten hohe bewaldete 
Berge — dazu aus der Ferne die dumpfen Töne der Sturm 
glocken. 
„Hm!" murmelte Nickel, gefesselt von diesem Bilde, „wie 
oft hat der alte Kaspar in seiner übermüthigen Laune sich 
gerühmt, mit seiner Burg da oben der ganzen Welt Trotz 
bieten zu wollen. Und wahrhaftig — er durfte auch wohl 
stolz auf sie sein, weil sie für die Ewigkeit gebaut zu sein 
schien. Und nun!? Armer Kaspar! Deine stolze Ahnenburg 
geht dahin, prasselnd fällt Balken auf Balken, Sparren auf 
Sparren in die feurige Glut hinein, immer wieder die Lohe 
vermehrend. Deine Burg, Kaspar, einst gar oft der Sammel 
platz der Pommerfürsten, wenn sie in Gemeinschaft mit Deinen 
Vorfahren Böses und Schlimmes der Mark zufügen wollten, 
ist morgen früh, eh' die Hähne krähen, ein elender, erbärm 
licher Trümmerhaufen, und die das gethan, sind — o Fügung 
des Schicksals — Pommern gewesen! Dort versinkt ein 
Stückchen alten Ritterthum's, da ein solches der Kirche! Ein 
mahnendes Zeichen der Zeit! Und Du selbst, Kaspar, liegst 
tvahrscheinlich hier irgendwo herrnn gefangen und gebunden 
wie ein gewöhnlicher Schnapphahn!" 
Der Martin machte jetzt den Mönch darauf aufmerksam, 
daß man etwas weiterhin deutlich die vor Anker liegenden 
Oderkähne erkennen könne und vorsichtig schlichen sie näher 
heran, Hasel- rind Ellergebüsch als Deckung benutzend. Plötzlich 
hörten sic ganz in der Nähe eine laute Stimme: 
„Daß Dich, habe an dem verwünschten Nest vorlärrfig 
genug und meinen Antheil weg. Mögen die anderen ihr 
Heil noch weiter versuchen!" So wetterte eine barsche Stimme 
irr die Nacht hinein. 
„Thes, seid Jhr's?" ließ sich jetzt eine andere Stimme 
vernehmen. 
„Ja, was giebt's denn, Mann?" 
„Thes, sagt, wißt Ihr nicht, wohin unsere Leute den 
Herrn von dem brennenden Nest da oben geschleppt haben? 
Der Hauptmann Schlywen sendet mich von der Stadt her, 
daß ich den Leuten sage, den Gefangenen in Sicherheit auf 
einen der Kähne zu bringen." 
„Den Herrn von dem verfluchten Gemäuer, dem ich 
mein wundes Bein zu danken habe? Den haben die Greifs- 
walber in Beschlag genommen und geben ihn nicht wieder 
heraus. Ich meine, daß er da am Wege zwischen hier und 
dem Feuer liegt, wenigstens sah ich da vorhin mehrere ihrer 
Leute um einen an einem Baum gelehnten Mann stehen, der 
wohl der von Euch Gesuchte sein dürfte. Hier herum sind 
sonst, so viel ich weiß, keine Mannschaften weiter, als Ihr 
und ich, sowie die Wache auf den Kähnen. Alle anderen sind 
von dem Schlywen gegen die Stadt geführt worden. Dürfte 
meines Erachtens nach auch besser sein, wenn wir uns bald 
auf die Socken machten, ehe man uns den Rückweg verlegt!" 
Die Stimmen entfernten sich jetzt, und Nickel Pul konnte 
in seinem Versteck nichts weiter verstehen. Er hatte aber genug 
gehört lind wußte jetzt woran er war. 
„Herr des Himmels, wenn jetzt der Tyle Sparre mit 
seinen Landwehren hier wäre, wie sollte diesen Pommern mit 
gespielt werden?! Doch kommt, Martin, noch ist's Zeit, wir 
müssen handeln. Ich werde dort am Wege warten, während
	        
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