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Volume 1. März 1884, Nr. 23

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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ein so armer Lump jetzt, daß ich nicht einmal den Muth j 
habe, meinen Meister um die Hand seiner Tochter zu bitten." j 
„So, Baltzer, also Du bist aus dem Magdeburgischen, 
liebst Deines Meisters Tochter in Trampe und mochtest sie 
heirathen- Ich kenne den Müller und die schmucke Anne, 
seine Tochter!" sagte Nickel Pul. 
„Ja, das kann mir wenig Helsen!" meinte der Baltzer. 
„Nun, wer weiß, Baltzer," entgegncte Nickel Pul. „Aber 
um noch einmal auf den Uchtenhagen zu kommen. Wollen 
wir denn den Kindern entgelten lasten, was die Eltern Böses 
gethan!" 
„Nein, Herr, so mein' ich's nicht!" antwortete Baltzer. 
„Sich, Baltzer, wer würde dem Tylc Sparre etwas böses 
und schlechtes nachreden können. Dabei wollen wir gar nicht 
einmal an die Frau Sophia denken. Nun, sieh, des Tyle's 
Vater hat auch zu Deinen „Erzstrauchdieben" gehört und sich 
zu den Uchtenhagen gehalten- Und wie steht's mit Deinen 
Vorfahren, sind das etwa alle so engelreine Wesen gewesen?" 
Baltzer schwieg und Nickel Pul fuhr fort: „Baltzer, der 
Kaspar Uchtenhagen auf Schloß Freienwalde hat mir einst 
das Leben gerettet; jetzt droht ihm Gefangenschaft, Tod und 
Verderben von den Pommern und ich will ihm seine edle 
That gegen mich vergelten. Willst Dll mir dabei helfen?" 
„Gewiß, Herr! Ich bin Euer Mann!" antwortete lebhaft 
der Baltzer. 
Beide schwiegen darauf und mehrere Minuten lang hörte 
man nur das Schnauben der Roste, welchen der schlechte Weg 
sehr beschwerlich fiel. Plötzlich hielt Nickel Pul das seinige an. 
„Baltzer, was mag das Helle da vorn bedeuten? Sieh, 
dort, zwischen den Spitzen der Bäume." 
„Hm, das ist kurios," entgegnete der Knappe, nachdem 
er eine Weile nach der Richtung ausgeschaut, die ihm der Mönch 
gezeigt- „Von der Stadt Freienwalde kommt dies helle Licht ! 
nicht, denn diese liegt von hier aus rechts hinter den Bergen 
und dem Walde, das Kaminfcucr in den Fischerkathen zu 
Falkcnberg strahlt nicht so glänzend und das Dorf liegt auch 
im Grunde. Wir müffen noch weiter reiten, Herr, wenn wir 
Gewißheit haben wollen." 
Endlich kaincn sie an eine Krümmung des Wegs, welche 
aus dem Walde hinaus ins Freie und nach den Odcrwiescn 
führte. Jetzt konnten beide Reiter deutlich erkennen, daß vor 
ihnen ein hochliegcndcs Dorf oder ein einzeln stehendes Ge- ; 
bände in Flammen stehen müste. 
„Herr," sing der Baltzer an, „da jetzt keine Zeit zu i 
Johannisfcuern ist, so denke ich, was da vorn brennt, das 
ist die alte Burg der Uchtenhagen." 
„Ich mein's auch, Baltzer," ries der Nickel Pul erregt. 
„Vorwärts, um Gotteswillen vorwärts jetzt und wenn unsere 
Pferde die Hälse brechen." 
Und fort jagten sie, nicht mehr achtend des schlechten ! 
Weges. Mehr und mehr stieg die feurige Gluth vor ihnen 
auf und beleuchtete stellenweise sogar ihren Weg. Endlich 
waren sie so nahe gekommen, daß sie laute Stimmen aus 
der Richtung des Feuers vernehmen konnten und plötzlich hielt 
Nickel Pul sein Pferd an. 
„Baltzer, cs ist kein Zweifel mehr, was da oben brennt, 
ist das mir wohlbekannte Schloß meines väterlichen Freundes, 
des Kaspar Uchtenhagen, und ich bin zu spät gekommen. 
Jetzt heißt es klug und vorsichtig handeln, denn daß die - 
Pommern hier herum sind, das Schloß überrumpelt und an 
gesteckt haben, muß ich nach allem, was ich von ihren Anschlägen 
weiß, als sicher und bestimmt annehmen. Wir vermögen das 
Schloß nicht mehr zu retten und können auch nicht diese 
Landverderber angreifen. Aber wissen müssen wir, auf welche 
Weise sie hierher gekommen, was sie noch für Unheil an 
gestiftet oder anstiften wollen, damit wir im Stande sind, 
ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Bleibe 
deshalb bis auf weiteres hier mit den Pferden halten, während 
ich näher gehen werde. Mein Nock tvird mich vor Gewalt 
thätigkeiten schützen." 
Und der Nickel Pul stieg vom Pferde, warf dem Baltzer 
die Zügel hin und eilte vorsichtig auf dem Wege vorwärts. 
Er war aber noch nicht weit gekommen, als er aus dein 
Walde angerufen wurde: 
„Herr! Wo wollt Ihr hin? Ihr geht ins Verderben, 
wenn Ihr noch hundert Schritte vorwärts macht. Was haben 
Leute Eures Standes heute, in dieser schrecklichen Nacht, hier 
Lu schaffen?! Macht rasch und kommt vom Wege herunter in 
den Wald hinein oder Ihr seid ein Kind des Todes!" 
Der Nickel Pul folgte dem Zurufe, der nur von be 
freundeter Seite kommen konnte. Er folgte dem Unbekannten, 
der ihn nach einem Versteck im Walde führte, wo eine an 
sehnliche Zahl Männer versammelt war, die, wie ihm sein 
unbekannter Führer erklärte, alle aus dem Schlosse ent 
kommen wären. 
„Um Gotteswillen, Mann, erzählt mir rasch, wie ist dies 
alles zugegangen und wo befindet sich Euer Herr, der Kaspar 
Uchtenhagen?" fragte jetzt Nickel Pul. 
„Nicht so laut, Herr," bat der Unbekannte, „man möchte 
Euch sonst hören und wir alle wären verloren, denn wir be 
finden uns nur etwa tausend Schritte vom brennenden Schlosse 
entfernt. Unsere Geschichte ist kurz. Hört. Hellte Mittag 
legte ein Oderkahn unterhalb des Schlosses an, einige andere 
zogen von Nieder-Finow langsam den Fluß herauf. In dem 
Anlegen sahen wir weiter nichts Auffälliges, weil cs schon 
öfter vorgekommen, obgleich dies die Schiffer gewöhillich erst 
näher bei der Stadt an der Zollstelle thun. Endlich setzten 
sie sogar einen kranken Schiffer ans Land. Dies hätten sie 
nun wohl besser bei der Stadt versehen können, diclveil solche 
ein Hospital hat, aber wir sahen auch hierin nichts Verdäch 
tiges und schoben ein solches Beginnen auf die Unbckannt- 
schaft mit der Gelegenheit des Ortes. Da der Kranke einmal 
auf dem Lande war und die Schiffer unseren Herrn um Aus 
nahme desselben baten, so hielt es derselbe für Menschenpflicht, 
ihnen dies nicht zu verweigern. Der Kranke wurde deshalb 
nach dem Schlosse hinauf befördert und daselbst ans Befehl 
unseres Herrn in einem der unteren Gemächer untergebracht. 
Zwei Schiffer blieben bei ihm, zwei andere, die auch mit 
heraufgekoinmen, begaben sich nach dem Ufer zurück, run, wie 
sie vorgaben, einige dem Kranken gehörige nothwendige 
Kleidungsstücke vom Kahn zu holen. Darüber aber vergingen 
mehrere Stunden. Endlich aber kamen sie langsam wieder 
den Berg hinauf und wurden vom Thorwärtcr ins Schloß 
und zu dem Kranken gelassen. Niemand ahnte etwas Böses. 
Inzwischen war es dunkel geworden, ich hatte meine Arbeit 
in der Geschirrkammer eingestellt und war nach dem Hinteren 
Hofe gegangen, um mich mit dem Hofvogte wegen eines für 
morgen anbefohlenen Fischzuges auf dein Baasee zu besprechen,
	        
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