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Periodical volume 23. Februar 1884, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 10.1884

Wirthschaft nicht aushalten. Sie sprengte» sogar aus, Frau Niemann — 
die treffliche Frau hat, wie Du weißt, eine lebensgefährliche Krankheit, 
die Kopsrose, überstanden — fei auch nur antisemitisch verstimmt, sie 
werde nicht wieder im „Deutschen Theater" spielen u. s. w. Nun, da sie 
wieder ausgetreten und aufzutreten fortfährt — hoffentlich und wahr 
scheinlich noch recht lange — müssen auf einmal wieder die Einnahmen 
schlecht sein. Kurz, Etwas muß gelogen werden. Sonst sind diese Gegner 
nicht glücklich. 
»«deal sibi! Wir sind guten Muthes und arbeiten unverstimmt und 
gewissenhaft weiter. - Das Publikum der Hauptstadt und die vielen fremden 
Gäste — sie werden uns auch ferner treu bleiben, sofern wir uns nur 
selber treu bleiben. Wo unsere Hauptaufgabe liegt, das haben die bis 
herigen Erfahrungen klar gelehrt. Ein Theater, welches in vier Monate» 
Kabale und Liebe 7 Mal, Minna von Barnhelm 9 Mal, Don Carlos 
(mirabile diotu) 24 Mal, Othello 5 Mal, Lear 4 Mal bei vollen, oft aus 
verkauften Häusern geben kann, weiß, wo es den Schwerpunkt seiner 
Thätigkeit zu suchen hat. In der klassischen Dichtung finden wir.unsere 
lohnendste» Vorwürfe. Deshalb gehen wir auch frohen Muthes an Richter 
von Zalamea, Romeo, Nathan, Götz, Cäsar, welche wir noch in dieser 
Saison inszeniren werden. 
Sei also unbesorgt, liebster Freund. Das „Deutsche Theater" wird 
immer tiefere Wurzeln schlagen, immer gedeihlicher emporblühen. Es ist 
nicht basirt aus der Verbindung von wenigen Schauspielern, die sich einen 
Namen gemacht. Es ist festgeankert in unserem dramatischen National- 
besitzthuin, in dem Bedürfniß einer gebildeten Hauptstadt, das ist dauern 
der. Unsere jungen Leute entwickeln sich zum Theil rasch mit hervor 
ragendem Glück, zum Theil langsamer, aber stetig und voll Hoffnung. 
Was sich als nicht entwickelungsfähig erweist, muß natürlich und wird ; 
ersetzt werden. 
Das „Deutsche Theater" ist schon jetzt ein respektables junges Gewächs, 
aber es wird sicher ein hoher und stattlich cmporgegipselter Baum. Er 
wurzelt in gutem Boden, hat sorgsame und treue Gärtner und Pfleger, 
und Sonne und Regen werden ihm nicht mangeln." 
Man soll dieser Selbstberäucherung kein Wort hinzufügen. — 
Das neue Wolizei-Wrätidiakgeöäude. Dem Vernehmen nach hat 
der Minister des Innern das Bauprogramm für das neue Polizei- ! 
Präsidialgebäude jetzt genehmigt. Der Bau kann deshalb noch in 
diesem Jahre beginnen, nachdem der Abbruch der alten Gebäude, welche 
am I. Juli d. I. miethssrci werden, erfolgt sein wird. Der Theil der 
Gebäude, welcher mit der Front nach dem Alexanderplatz und an dör 
neuen Straße zwischen Alexanderstraße und Stadtbahn liegt, kann indeß i 
erst nach Vollendung des neuen Rathswaage-Gebäudes in Angriff genom 
men werden. Zu verwundern bleibt — und das möchten wir dieser 
Notiz hinzufügen — warum für ein so hervorragendes Gebäude, das an 
einem der ersten Plätze Berlins zu stehen kommt, nicht eine öffent- ; 
liche Konkurrenz ausgeschrieben wird. 
Das unfreiwillige Wad Im Februar 1570 hatte der Herzog Ju 
lius von Braunschweig dem Markgrafen Johann von Küstrin einen Be 
such abgestattet und bedankte sich aus der Rückreise von Beeskow aus für 
alle fürstliche, freundliche und gnädige Ausrichtung und Trontation, die 
man ihm gar stattlich erwiesen. Zugleich aber erzählt er einen Unfall, den ihm 
der schlechte Weg zugezogen hatte, mit folgenden Worten: Wissen hier- 
neben E. L. freundlich nicht zu verhalten, daß wir gestrigs Tags, da 
wir von derselben abgezogen, zu einem sehr köstlichen Wildbad, dergleichen 
wir in der Mark uns nicht vermuthet hätten können, und indem wir aus den 
andern Damm, so hierwärts nach Frankfurt geht, fahren wollen, fast bis 
an die Ohren ins Waffer mit Wagen und allen den guten redlichen Leuten, 
so bei uns darin gesessen, überm Haufen gefallen seyn. Dieweil aber 
dasselbe, Gott Lob, ohn allen Schaden und Mangel abgegangen, haben 
wir uns daraus zu Frankfurt, wie nian spricht, daß zu ein gutes Bad ein 
guter Trunk gehöre, mit dem Besten ergötzt und E. L. Gesundheit ge 
treulich auSgetrunken. 
Strafe der Gotteslästerer in der Marli. Im Jahre 1706 mußte 
der Koffäth« Rigger zu Hesenitz in der Altmark 80 Thl. Strafe zahlen, 
weil er einmal bei einem Gelage die Worte ausgestoßen hatte: Ich frage 
viel nach dem lieben Gott. Die Wittwe des Gerichtsaffeffors Küsten 
macher zu Lippehne wurde 1709 zu neuntägigein Ausstehen am Halseisen 
und ju zehnjähriger Verbannung verurtheilt, weil sie aus Unmuth über 
vermeintliches Unrecht die Worte gebraucht hatte: Gott muß dem Teufel 
das Regiment überlassen haben, — eine Strafe, welche freilich später 
durch königliche Gnade aus Kirchenbuße und Erlegung von 20 Thl. her 
abgesetzt wurde. Im Jahre 1702 wurde der ehemalige Soldat Martin 
Schclisch, welcher wegen Diebstahls im Gefängniß zu Spandau saß, we 
gen Gotteslästerung zum Tode verurtheilt. Dieses Urtheil hatte das 
Kammergericht und die Juristenfakultät von Halle bereits bestätigt, als 
es dem Prediger, welcher den Delinquenten zum Tode vorbereiten sollte, 
gelang, beim Könige einen Aufschub der Exekution zu bewirken. Die 
Gutachten sämmtlicher geistlichen Mitglieder des Konsistoriums wurden in 
dieser Sache eingefordert und obgleich die Mehrzahl derselben der Mei 
nung waren, dem Richterspruch muffe Genüge geschehen, so drang doch die 
Meinung des bekannten Philipp Jakob Scheuer durch, der die Todesstrafe 
für nicht angebracht erachtete. Der Verurtheilt« wurde deshalb nur vom 
Scharfrichter zum Richtplatz geführt, wo ihm letzterer ein Stück Zunge 
abschnitt. Das letzte Todesurtheil gegen Gotteslästerer wurde 1725 in 
Berlin an einem Juden vollzogen. 
Linden-Amor und der Zuckerbäcker Weide. In den dreißiger Jahren 
gehörte die Person des Linden-Amor zu den Berliner Berühmtheiten. 
Damals fiel es noch auf, wenn man siebenzehn bis einundzwanzig Mal 
die Linden auf und ab promenirte, zumal in der auffallenden Mobetracht 
jener Zeit. Aber ganz so, als wenn er heute lebte, fühlte sich Linden- 
Amor von Allen angestaunt und bewundert und besonders suchten seine 
Blicke das Entzücken der Damenwelt herauszufordern. Nun war es damals 
noch Sitte, daß die Zuckerbäcker bei ihren Weihnachtsausstellungen Puppen 
sehn ließen, welche bekannte Personen oft sehr treu nach ihren Eigen 
thümlichkeiten darstellten. Das war ein alter Gebrauch, welcher bereits 
unter Friedrich Wilhelm I. Anlaß zu einer Klage gegeben hatte. Es war 
nämlich von diesem Monarchen bestimmt worden, daß fortan die Advokaten 
nie anders, als schwarz, gehen und einen kleinen schwarzen Mantel tragen 
sollten. Das Auffallende dieser Kleidung erweckte sofort den Spott der 
Berliner und die Zuckerbäcker benutzten diesen Umstand zu einem neuen 
Erwerbszweig und fertigten Puppen an, welche Advokaten in ihrem neuem 
Ornat darstellten. Darüber erzürnt, beklagten sich die letzteren bei Hofe 
nnd baten, diesen Skandal zn untersagen. Der König aber befahl, sein 
eigenes Bildniß von einem Zuckerbäcker zu holen und ließ solches statt 
der Antwort den Klägern zeigen, damit sie sehen möchten, daß es ihm 
nicht besser ergehe und daß er sich dadurch nicht entehrt fände. An diese 
Anekdote erinnert nun auch ein Begebniß Linden-Amörs. Wie unter den 
Linden, so sah man ihn auch überall, wo es etwas zu sehen gab, und so 
trat er auch eines Tages in die Weihnachtsausstellung des berühmten 
Zuckerbäckers und akademischen Künstlers Weide an der Ecke der Charlotten- 
und Taubenstraße. Was war es, das ihm zunächst dort auffiel? Sein eigen 
Bild, in Traganth naturgetreu nachgebildet. Still fragte er die Ver 
käuferin, die das Original nicht kannte, nach dem Preise der Figur, und 
stille erstand er sie, in der Absicht, unwillkommenem Spotte vorzubeugen. 
Aber kaum als das Bild Linden-Amors von seinem Platze genommen war, 
öffnete der alte Weide eine Kiste und nahm daraus ein anderes, den, 
vorigen gleiches Bild und setzte cs aus den leeren Platz. Linden-Amors 
Gesicht nahm einen zornigen Ausdruck an. „Wie viel haben Sie noch 
davon," fragte er den Zuckerbäcker. Lächelnd öffnete dieser wieder die 
Kiste, da lagen in schöner Ordnung wohl noch Hunderte von Linden-Amors. 
Ohne ein Wort zu sagen, verließ das Urbild dieser Waare mit seinem 
überflüssigen Einkauf unter dem Arm die Ausstellung Weides. 
Götke's Werke. Es geht ein hervorstechender Zug durch die deutsche 
Nation, ihre großen Männer durch Monumente zu ehren. Das ist gewiß 
schön und löblich, aber nicht minder pietätvoll erscheint die Kundgebung, 
die Werke unserer großen Dichter in einer Ausstattung unter das Volk zu 
bringen, die auch typisch und illustrativ deren Größe entspricht. Ein solch' 
monumentales Werk der deutschen Literatur, die illustrirte Pracht- 
Ausgabe von Göthe's Werken, herausgeben von Heinrich Düntzer, 
welche als würdiges Pendant zu der illustrirte» Schiller- und Shake 
speare-Ausgabe ebenfalls wie diese in der Deutschen Verlags-Anstalt 
(vormals Eduard Hallberger) in Stuttgart erscheint, ist seiner Vollendung 
einen großen Schritt näher gerückt. Die lange vorbereitete Jllustrirung 
unseres Dichterheros hat sich glänzend angelassen und je mehr die 
Dichtungen dem Zeichenstift Stoff boten, desto reicher und brillanter werden 
die schmückenden Blätter. Die Bilder, an und für sich schon in hohenr 
Grade fesselnd, viele vollendete Kunstwerke nach Erfindung und Aus 
führung, erhalten in Verbindung mit dem Texte noch höheren Werth. 
Wir werden hier eingeführt in die großartige Welt Göthe'scher Poesie 
durch Illustrationen, wie kein Kommentar und kein Erklärer das mit 
Worten könnte; der „Göthe" ist durch diese Ausgabe ein Prachtwerk des 
deutschen Volkes geworden, wovon jede neue Lieferung, jeder neue Band 
mit Freude begrüßt wird. Die nun vorliegenden drei Bände werden 
dieser schönsten aller Göthe-Ausgaben gewiß zahlreiche neue Freunde werben 
und verdienen dieselben bei Auswahl von Festgeschenken überall da oben 
angestellt zu werden, wo in der Familie die Pflege für Wissenschaft und 
Kunst, für Schönheit und Geschmack in erste Linie gestellt wird. Die 
Verlagsbuchhandlung hat überdies in Verbindung mit der nöthig ge 
wordenen zweiten Auflage eine neue Subskription in Lieferungen » 50 
Pfennig auf das Werk veranstaltet, so daß hierdurch namentlich Denjenigen, 
welche das bis jetzt Erschienene nicht gleich auf einmal zu beziehe» 
wünschen, der Eintritt in's Abonnement wesentlich erleichtert ist. 
Berliner Brückenzoll. Aus Anlaß des Zollaufhörens auf der 
letzten Berliner Sechserbrücke brachte das B. T. die folgende Riick- 
erinnerung. 
Die erste durch Privatentreprise gebaute und darum anfänglich offi 
ziell „Aktienbrücke" genannte Brücke war die am Ausgang der Artillerie- 
straße über die Spree führende „Ebertsbrücke", so genannt nach dem 
Hauptunternehmer, dem Seehandlungsrendanten Ebert. Den Aktionären 
war gestattet, durch eine Reihe von Jahren einen Brückenzoll zu nehmen, 
der, irren wir nicht, im Jahre 1825 aufhörte. Die Brücke fiel damals 
dem Staate zu. 
Die zweite Privatbrücke mit Zollberechtigung war die „Jannowitz- 
brücke". Anfänglich „zweite Aktienbrücke" genannt, empfing sie ihren 
Mimen nach dem Fabrikanten Jannowitz, dem Vorstande der Brücken- 
Aktiengesellschaft. Auch diese Brücke fiel schon nach kurzer Zeit dem 
Staate zu. 
Die dritte durch Privatentreprise entstandene Brücke ist die Ku- 
nowskybrücke, die später Rochbrücke genannt wurde und deren Privile 
gium zu Anfang dieses Jahres ein Ende bereitet wurde. Zwei Privatleute, 
der JustizkommissariuS Kunowskh und der Baukonducteur Roch, ließen
        
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