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Periodical volume 23. Februar 1884, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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waren, damit er die Fruchtbarkeit der Heerde vermehre. Das Jul- 
fest war das Neujahrsfest der nordischen Völker und wurde in der 
Zeit vom 19. Januar bis 18. Februar gefeiert, bis König Haquinus 
Adelstanus dasselbe im 10. Jahrhundert bei Einführung des 
Christenthums in die Weihnachtszeit verlegte. Es war ursprünglich, 
wie die Bacchanalien, eine Feier für die wiederkehrende Sonne mit 
ihrer herrlichen Gabe der Fruchtbarkeit der Natur gewesen; und 
wie man bis in unsere Zeit den Volksglauben findet, daß der liebe 
Gott am Neujahrsabendc vom Himmel sehe und einem Jeden das 
ganze Jahr über bei dem Wohlleben lasse, in welchem er ihn vor 
gefunden, so hatten unsere heidnischen Voreltern bereits die Ueber 
zeugung, daß sie den Segen und Ueberfluß behalten würden, mit 
welchem sic sich am "Neujahrstage umgaben. 
Daher stand ihre Tafel in dieser Zeit stets mit großem 
Vorrath von Speisen und Trank bedeckt, daher vertheilten und 
empfingen sie Geschenke, daher machten sie sich selbst durch Maske 
und Gewand zu freien Herren, Königen und Göttern. Nur das 
Schenken übertrug sich mit dem alten Julfeste auf die Weih 
nachtszeit; Essen und Trinken, Freude und Maskcnscherz blieb vor 
nehmlich an die Tage der alten Feier gebunden. 
So wirkten uralt-heidnische Einflüsse und der Gebrauch der 
christlichen Kirche zusammen, um die letzten Tage und besonders 
den letzten Abend vor der Fastenzeit zu einem ausgelassenen Freuden 
feste mit tüchtigem Schmaus und Trunk zu machen. 
Was getrunken wurde, das war je nach Land und Zeit ver 
schieden; aber in der Art der Speisen hielten sich uralte Sitten 
fest. Freilich ist für Berlin der sogenannten Schaum- oder 
Fastenbretzel das Stcrbelied schon längst gesungen worden, allein 
einst nahm sic auch hier eine hohe Stellung ein, und es wird ge 
wiß unsere Achtung vor ihr erhöhen, wenn wir uns klar machen, 
welche» symbolischen Ursprung sie gehabt hat. Warum grade 
Bretzel? Da greisen wir flugs in unsern mythologischen Kram- 
kasten, denn etwas Mythologie ist in der jetzigen Zeit zu allen 
Dingen gut, und finden, daß bereits zur Blüthezeit der frohen 
Baechusfcicr in Rom ein Kuchengebäck angefertigt wurde, welches 
die Gestalt einer verschlungenen Schlange hatte und von uns am 
besten mit dem schönen, aber leider etwas verblichenen Ausdrucke 
„Kringel" bezeichnet werden könnte. Doch weil es eben damit zu 
gut hätte bezeichnet werden können, nannten es unsere Vorfahren 
natürlich nicht so, sondern „Bretzel" und zerbrachen sich hinterher 
den Kopf, woher wohl dieser Ausdruck stamme, ob wirklich dieses 
Gebäck den Kindern als pretium, also Belohnung, wahrscheinlich 
ihres Fleißes gegeben wurde, oder ob cs von „brechen" als „Brech- 
sel" einen leicht zu zerbrechenden Gegenstand bedeute. Wir selbst 
aber zerbrechen uns den zumal in den letzten Tagen sehr in An 
spruch genommenen Kopf nicht darüber, sondern bleiben bei unserm 
Bacchus und seinem schlangenartig geformten Gebäck, welches ihm 
zum Andenken an seinen Erzeuger, den biedern Jupiter, gestiftet 
wurde, der in der Gestalt einer Schlange die ehrsame Proserpina, 
des Weingottcs Mutter, berückt haben soll. Es dient für zarte 
Seelen zur Beruhigung, daß nicht alle Forscher die Entstehung der 
Bretzel diesem Umstande zumessen, sondern daß es nicht wenig 
Scharfsinnige gegeben hat, welche in dem schlangensörmigen „Krin 
gel", desicn Enden sich eigentlich direkt berühren sollten, ein Sym- 
bolum sehn für das immer wiederkehrende neue Jahr, desien Gott 
Bacchus gewesen. Die erste ursprüngliche Form der in sich zurück 
kehrenden Bacchusschlangc hat das neue Christenthum geändert, 
und legte, indem es sie als die Versucherin des Paradieses auf 
faßte, in ihre innere Rundung, welche bisher leer gewesen war, 
ein Kreuz hinein. So entstand die Form der Bretzel, die wir 
fortan mit dem Stolz, das Wesen der Entstehung ihrer Form 
zu erkennen, csien dürfen. 
Nun ist cs aber noch eine Eigenheit der Schmausereien vor 
und zur Fastnacht, daß die Tafel gewöhnlich viel „Schweinernes" 
bieten muß. Da läge nun freilich der Grund nahe, daß auf dem 
Lande gerade von Weihnachten bis Fastnacht hin viel geschlachtet 
wird und man in Folge dessen bei der vielen Nachfrage an den 
langen Winterabenden bequem Schinken und Wurst aus der 
Räucherkammer holen und servilen kann; allein dieser Grund 
liegt eben viel zu nahe, um nur den leisesten Schein von Berech 
tigung zu haben. Versuchen wir es darum lieber wieder mit der 
Mythologie. Wenn es den Griechen und Römern Spaß gemacht 
hat, sich ihren Sonnenwagcn von Pferden gezogen zu denken, so 
haben unsere heidnischen Vorfahren sich ein viel erhebenderes Bild 
davon in ihrer Phantasie geschaffen, indem sie Schweine vor den 
Sonnenwagen spannten, deren glühende Borsten den Erdkreis er 
leuchteten. Soll doch ja auch ein tüchtiger Eber an Ausdauer im 
Laufen das berühmteste Derby-Preis-Roß übertreffen. Und eine 
Zähigkeit gehört dazu, den Sonnenwagen in gleichmäßigem Trab 
über den ganzen Himmelsbogen zu ziehen. Wenn deshalb die 
alten Deutschen der Sonne opferten, thaten sie es unter einem 
Schwein nicht, und was vom Opfer etwa übrig blieb, das vcr- 
I zehrten sie als ihre Festspeise. Und letzteres war nicht das Schlech 
teste des geopferten Thieres. Den Kopf, als den edelsten Theil, 
nur bot man dem Gotte, die Schinken galten für so unheilig, daß 
man sie für den menschlichen Hunger aufbewahrte, und was als 
festes Fleisch kein rechtes Ansehen hatte, stopfte man in die Därme, 
hing es in den Rauch und ließ es als feste Waare erst wieder 
erscheinen. Ja, cs ist wunderbar, selbst die Form, die man den 
Würsten gab, erinnert wieder an die ursprüngliche Bacchusschlange, 
die dem Sonnengott geweiht war. So liegt also auch der Wurst- 
bereitung ein nrythologischer Gedanke zu Grunde, indem die Opfe 
rung solcher Sonnenwürste in den eigenen Magen Wohlergehen 
und Gedeihen im neuen Jahre bringen sollte, wahrscheinlich mr 
! den zunächst, der sie intus hatte. Wie man aber auf der einen 
Seite durch die große Menge der Würste, welche in der Zeit vor 
! Fastnacht vertilgt wurden, das Füllhorn des Segens provociren 
wollte, so versuchte man es auch durch die Größe der Würste. 
Die Geschichte hat das Andenken an eine mächtige Wurst aufbe 
wahrt, welche im Jahre 1558 in Königsberg umhergetragen wurde 
und 198 Ellen lang gewesen ist. Allein das war noch gar nichts; 
denn 1583 richtete man eben daselbst eine andere Wurst zu, zu 
der man 36 Schinken im Gewichte von 434 Pfund brauchte, de 
ren Länge 596 Ellen betrug, so daß 91 Personen nothwendig 
waren, um sie zu tragen. Dieser Wurstluxus in Königsberg er 
reichte erst 1601 seine Blüthe, so daß sogar ein Dichter, der ehr 
bare Herr Josua Heigshorn, es unternahm, in lateinischen Versen 
das seltene Ereigniß zu besingen. Da haben die Schlächter denn 
sind mit Trommeln und Pfeifen aufgezogen, denen 103 Fleisch- 
hauerkncchtc gefolgt sind, welche die Wurst trugen. Im Schlöffe 
haben sie Jhro fürstl. Gnaden 130 Ellen davon verehrt. Die 
ganze Wurst hat gewogen 885 Pfund und hat gekostet 412 Thl. 
16 Gr. und 3 Pf. Dazu „haben die Kuchenbäcker 8 große Prätzel 
und 7 runde Kringel gebacken, haben gekostet zusammen 43 Mr. 
! 3 Gr." 
Uns schwindelt bei dem Gedanken an die Verdaungsfähigkeit 
der ehrsamen Gewerke damaliger Zeit; denn was sie bereitet 
und gebacken, das wurde gewöhnlich an einem Tage bei einer 
gemeinsamen Schmauserei verzehrt. Wohl möge es den wackern 
Effern bekommen sein! Wir aber ziehen uns bescheidentlich zurück 
auf unsern eigenen Magen und prüfen ernstlich, was er alles ver 
dauen kann, ehe wir in den nächsten Tagen hinausschreiten zu 
dem letzten großen Esseir vor der Fastenzeit. Denn nach Fastnacht 
folgt, ob wir cs wollen oder nicht, der Aschermittwoch.
        
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