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Periodical volume 16. Februar 1884, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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lustiges Treiben. Da kommen und gehen die Menschen und die 
Wagen und M. Mourier, unter dem Zeichen der goldenen Gans, 
und M. Thomassin und M. Dortu machen ihnen die Honneurs. 
Fern über die Spree zieht träumerisch ein Schifflein und eine 
Diana mit ihrem Hunde von weißem Stein schimmert durch das ver 
schleiernde Grün. 
Etliche Jahre, nachdem Chodowiecki sein Blatt gestochen, kam 
ein Fremder hierher, ein Anonymus, allem Anschein nach aus 
sächsischen Landen, ein Mann von Empfindung und beweglichem 
Temperament, der von dem Berliner Leben damaliger Zeit außer 
ordentlich entzückt war, und es in seinen „Bemerkungen eines 
Reisenden" (Altenburg 1779) ein wenig in der Manier Sterne's 
beschrieben hat. In Gesellschaft eines Predigers besuchte er die 
Zelten — „die Zeltler", wie er sie nennt, — „oder besser die 
Hütten, denn nur selten steht ein aufgeschlagenes Zelt da und der 
Saal, welcher errichtet ist, hat nur die Form eines Zeltes und ist 
von Holz". Hier nimmt der Reisende Platz mit seinem geistlichen 
Freund. „Wundern Sie sich nicht", ruft er aus, „daß Prediger 
die Hütten besuchen. Man ist in Berlin nicht mehr so weit in der 
Weltkenntniß zurück, daß man es einem Geistlichen verargen sollte", rc. 
Die Beiden beginnen damit, ihre langen Pfeifen anzustecken; denn 
damals, in der glücklichen Zeit, rauchte man noch „lang", und 
nicht nur zu Haus. Wenn man ausging, trug man in der einen 
Hand den Stock oder den Regenschirm, in der andern die lange 
Pfeife — so war der Berliner vor hundert Jahren. „Die Aus 
sicht von hinten zu ist majestätig und prächtig", sagt unser Reisen 
der, der aber, als Weltmann und echtes Kind seines Jahrhunderts 
mehr dem Spruche Pope's huldigt: „The proper study of man- 
kind is man“ und demgemäß sich sogleich der Betrachtung des 
Anblicks vor den Zelten zuwendet. „Unter Tangelhütten sitzen 
an vielen Tischen allerlei Berliner, aus allen Ständen. Schon 
die Mannigfaltigkeit der Röcke ist aufmunternd. Unter den Hütten, 
wo ich mich befand, pflegt sich der edlere Theil der Einwohner 
Berlins zu versammeln, weiter hin ist schon ein Abfall, und ganz 
am Ende sitzt Crethi und Plethi." Es scheint, daß Messieurs 
Mourier, Thomassin und Dortu mittlerweile Concurrenz bekommen 
und daß die bevorzugten Zelte damals die des Herrn Grüneberg 
waren. „Ich schildere Ihnen bloß die Grüneberg'schen Hütten" 
fährt der Reisende fort. „Mitten unter den Tischen steht eine 
große Säule, an welcher einige Lampen hängen" — zur Bequem 
lichkeit für die Gäste, die sich daran ihre Tabackspfeifen anzünden. 
„Die Tische sind fast allemal besetzt. Beiläufig muß ich erwähnen, 
daß cs Berliner giebt, die alle Tage, bis in den spätesten Herbst, 
den Thiergarten und die Grüneberg'schen Hütten besuchen. Die 
Gesellschaft ist buntscheckig genug. Eine Partie trinkt Kaffee, die 
andere Thee, eine dritte Bier, und eine vierte, die vielleicht die 
Schwindsucht hat oder gen» stark werden will, Waffer und Milch. 
Hier sitzt eine Familie, die den festlichen Geburtstag ihres vier 
jährigen Kindes begeht. Alt und Jung, von eingeschrumpften 
Großtanten bis zum Jungen, dem zu Ehren diese Feier angestellt 
ist, herunter. Solchen Scenen mag ich gern beiwohnen. Der gut 
müthigen Mutter sah man die Freude, die das Herz in die Höhe 
schwellte, an und der vor Wonne über dm klugen Jungen entzückte 
Vater wallcte mit seiner Pfeife voll wohlriechenden Knasters unter 
seinen Freunden herum." Aber kaum drei Schritte von diesem Bild 
ehrbaren Glückes entfernt sitzt „eine Partie äußerst empfindsamer 
junger Herren," duftend von blau de Levante, blau de la 
Sultane, blau sans pareil, nnd wie diese „galanten Waffer" 
alle heißen mögen; Petitmaitres, deren Anzug „dem neuesten 
Geschmack von Paris" entspricht, mit kurzem Ehmtiset, die 
oberen sechs Knöpfe aufgeknöpft, „damit das feine zierlich 
ausgenähete Jabot und die offene weiße Brust sogleich in die 
Augen fallen möchten. Denn," bemerkt unser Gewährsmann 
in Paranthese, „man trägt die Oberhemden vom offen, um dem 
schönen Geschlecht seine Ergebenheit zu bezeugen." Ihr Gespräch, 
mit französischen Brocken, einem mon dien! einem ma foi! einem 
je m’en demande pardon bestreut, „gleich dem Zucker auf einer 
Mandel- oder Wienertorte," betraf größtentheils die „Aktricen", 
— „O Madame Nauseul;" sagte der eine ächzend . . . Ein leichter 
Hauch von Frivolität liegt über dieser Epoche der Empfindsamkeit, 
für welche die „Sentimental Iourney“ nicht weniger typisch ist, als 
„Werther's Leiden", nur daß freilich nicht Mr. Dorick's Humor, 
sondern erst der Pistolenschuß Jerusalem's dem Ding ein Ende 
machte. 
Der „Zirkel" — heute der große Sandplatz vor den Zelten 
— ward in jenen Zeiten von der Mode begünstigt und aufgesucht 
von Allem, was elegant war in Berlin. Hier spielte der bunte 
Jahrmarkt des Lebens. Hier fand man die Schönheiten der Stadt, 
die Toiletten, den Reichthum, den Geist, den Witz und die Thor 
heit derselben; hier war ein Abglanz des Hofes. Neun Alleen 
zweigten von dem Zirkel ab, zu Ehren der neun Kurfürsten des 
heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Selbiges Reich ist 
gestorben, aber die neun Alleen sind noch da; und mögen sie lange 
noch mit ihren Eichen und Buchen und Kastanien und Ahornbäumen 
freudig wehen und rauschen zu Ehren des anderen Reiches, des neuen 
Reiches, dessen goldene Viktoria vom Königsplatz herübergrüßt zum 
alten Kurfürstenplatz. 
Nicht weit davon ist der Großfürstenplatz, neuerdings aus 
seiner langen Verwahrlosung wieder hergestellt, mit saftig grünem 
Rasen, Blattpflanzen, Springbrunnen und hübschen Sandsteinsiguren, 
welche den Ackerbau, die Landwirthschaft und den Weinbau, den 
Fischfang, die Industrie darstellen — lauter Beschäftigungen, deren 
Bild zu sehen dem bürgerlichen Herzen wohlthut. Im Uebrigen 
war dieser Platz zu einer eigenen Art von Berühmtheit gelangt 
durch einen Vorfall, über welchen die Bücher jener Zeit weitläufig 
berichten. Er ward nach einem russischen Großfürsten genannt, 
welchem der Prinz Heinrich, Bruder Friedrichs des Großen, allhier 
ein glänzendes Fest gab. Es scheint, daß die Berliner des 18. Jahr 
hunderts nicht weniger neugierig und schaulustig waren, als ihre 
Nachkommen, die Berliner des 19. Jahrhunderts; und wie nun 
mehrere Tausende von ihnen versammelt waren, „mitunter im 
elegantesten Kostüm", da brach plötzlich ein heftiger Gewitterregen 
auf sie herunter und das Weitere kann man sich denken. Dieses 
wichtige Ereigniß notirt die Berliner Chronika zur Verherrlichung 
des Großfürstenplatzes; es ist das Einzige, was sic von ihnt zu 
sagen hat. Er führt noch immer seinen alten Namen; aber nur 
Wenige wissen von dem Großfürsten und seinem Feste, von dem 
verwaschenen Puder, den ausgelöschten Schönheitsmalen, den gold 
betreßten Röcken und seidenen Strümpfen Derer, die es zu sehen 
kamen und dem unauslöschlichen Gelächter Derer, die sich zu Hause 
gehalten hatten und trocken geblieben waren. Weisheit und Narr 
heit — wie viel bleibt davon? — „Es ist Alles Eins über hundert 
Jahr," sagt das Volkslied. 
Gerne geh' ich diesen Weg am Ufer der Spree, welcher in 
alten Zeiten der Poetensteig hieß. Poetisch muthet er mich noch 
heut an, wenn ich bedenke, welche würdige und gravitätische Männer 
ihn vor mir gegangen sein mögen. Wer weiß, ob nicht Namler 
hier manche seiner Oden scandirt hat, wie z. B. jene „An die Stadt 
Berlin": 
Sei mir gegrüßt, Augusta, meine Krone! 
Die Städte Deutschlands bücken sich! 
Es hören meinen Stolz Belt, Donau, Wolga, Rhone, 
Und weichen hinter mich. 
Oder, wenn er Friedrich's gedenkend, ausruft: 
Eilt, ihn in Erz, den Cdeln aufzustellen! 
Eilt, einen Tempel ihm zu weihn 
Am Rande meines Stroms! ich brenne, seine Schwellen 
Mt Blumen zu bestreun.
        
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