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Volume 16. Februar 1884, Nr. 21

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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und erhebender, wäre mehr Werth, erzählt zu werden, als derjenige 
Borsigs, welcher als ein armer Zimmcrmannssohn in Breslau geboren 
ward und als einfacher Arbeiter nach Berlin kam, um ein Mann 
zu werden, nach welchem ganze Stadtthcile sich benennen; ein 
Herrscher, aber ein solcher, der im Volke wurzelt, dessen Kraft aus 
dem Volke stammt und der sie ihm tausendfach wieder zurückge 
geben hat. 
Er war ein Mann von Genius und, wie jeder Schöpfer, von 
tiefem Gemüth! Er konnte sich an dem Aufblühen einer Blume, dem 
Fortkommen eines Bäumchens in seinem Garten freuen und bei 
seinen Arbeitern hieß er „Vater Borsig". In der älteren Genera 
tion derselben ist sein Andenken noch unverwischt, obwohl er nun 
bald dreißig Jahre todt ist. Meister sind da bei den Schmieden 
und den Formern, die jung unter ihm waren und die heute noch 
von ihm sprechen, wie von einem Lebenden. Andere, die bei der 
Arbeit Invaliden geworden, haben Ruheposten erhalten, und Alle 
hängen an dem Hause mit einer Art von Familiensinn. Unter 
solchen Einflüssen wächst das jüngere Geschlecht der Arbeiter heran 
und hier wenigstens scheint kein Boden zu sein für den socialen 
Unfrieden, wo der Geist Borsig's gleichsam noch persönlich fort 
wirkt und sein Beispiel zeigt, was Jeder aus dem Wege redlicher 
Arbeit zu erreichen vermag. 
Einst, als ganz junger Mensch, war er auf Veranlassung 
Beuth's aus dem königl. Gewerbe-Institut fortgewiesen worden, 
weil er keinen Sinn für Chemie habe. Dafür stellte Borsig sie 
benzehn Jahre später (1842) auf der ersten Berliner Industrie- 
Ausstellung eine Locomotive aus, der er den Namen „Beuth" ge 
geben ; und neben den Medaillons von Humboldt und Schinkel, von 
Rauch und Stüler, welche die, dem Borsig'schen Park zugekehrte 
Front des Verwaltungsgebäudes schmücken, ist auch dasjenige des 
unvergeßlichen Förderers des preußischen Gcwerbefleißes und der 
Berliner Industrie. So dankte Borsig dem, der nicht eben rühm 
lich an ihm gehandelt, aber dadurch providcntiell für ihn geworden 
war. Ein Maschinenbauer sollte er sein und ein Maschinenbauer 
war er zehn Jahre lang (1826 bis 1836) in der Eggels'schen Eisen 
gießerei, dem einen von den drei Privat-Etablissements dieser Art 
im damaligen Berlin. In harter Arbeit erwarb er sich ein kleines 
Vermögen, ich glaube 5000 Thaler in zehn Jahren, kaufte sich ein 
Grundstück vor dem Oranienburger Thor, wo heute die Chaussee 
straße ist, und errichtete daselbst ein eigenes Hüttengebäude. Hier 
baute Borsig seine erste Locomotive; die erste, die jemals auf deut 
schem Boden gebaut worden ist. Am 24. Juni 1841 wurde sie fertig. 
Die ganze Nacht war gearbeitet worden und die ganze Nacht durch 
hatte Borsig unter seinen Arbeitern gestanden, voller Aufregung, voller 
Zweifel, ungewiß, ob sein Werk gelungen. Endlich dämmerte der 
Morgen, ein Sonntagmorgen, und die Maschine wurde geheizt. 
Es war vier Uhr ftüh. Langsam erwärmte sich der Kessel, das 
Wasier begann zu sieden, der Dampf stieg auf, die Cylinder ar 
beiteten, die Kolbenstangen reckten, die Axen bewegten, die Kurbel 
drehte sich, die Räder rollten — und „sie geht!" ries Borsig seinen 
Ingenieuren zu. Mit diesen zwei Worten war seine Zukunft ent 
schieden, in ihnen lag Ruhm und Reichthum, lag seine Lebensauf 
gabe: nämlich, den deutschen Locomotivenbau von der Arbeit und 
selbst dem Material des Auslandes frei zu machen. Denn bis 
dahin wurden die fertigen Locomotive» und lange noch ward das 
Schmiedeeisen aus England bezogen. 
Nur noch fünfzehn Jahre waren Borsig vergönnt, aber sie 
reichten hin. Wo sein erstes Hüttengebäude stand und seine erste 
Locomotive ging, erhebt sich aus dem ehemals fteien Felde jetzt, in 
einer neuen Stadtgegend, die sich weit gegen Norden erstreckt, und 
inmitten einer Arbeiterbevölkerung, die nach vielen Tausenden zählt, 
aus einem Walde von Schornsteinen, jener ungeheure Complex von 
Werkstätten und Hallen, in denen scftdem an die 4000 Lokomoti 
ven gebaut worden sind, aus dem Eisen und Stahl, die in den eigenen 
! Werkstätten von Moabit geschmiedet und gegossen, mit dem Erz 
! und der Kohle, die aus den eigenen Gruben in Schlesien gewonnen 
werden. 
Borsig starb im besten Mannesalter nach kaum vollendetem 
fünfzigsten Lebensjahr und er ruht auf dem Dorotheenstädtischen 
, Kirchhof, gerade gegenüber seiner Maschinenbauwerkstatt in der 
Chausseestraße. Sein Sohn, der Erbe seiner fürstlichen Besitzungen, 
ward nicht einmal so alt wie der Vater; er starb vor fünf Jah 
ren, als eben das schöne Palais an der Ecke der Voß- und Wil 
helmstraße fertig geworden, welches beute noch leer steht. Still 
auch ist es in dem Park von Moabit und in dem Landhause 
wohnen zwei Wittwen. Aber ein hübscher Knabe, der Sohn des 
letzten Besitzers, tummelt sich auf dem Rasen, und er läuft mir 
muthwillig voran zu den Sehenswürdigkeiten des Gartens, welcher 
mit großer Liberalität jedem Besucher offen steht. 
Oftmals auf meinem Abendgang komm' ich hierher zu dem 
nunmehr Wohl etwas vereinsamten Sitz eines Fürsten der Industrie, 
zu den weiten Rasenflächen mit den schönen Baumgruppen, durch 
welche der Abendhimmel schimmert. Am Thore steht der Portier 
mit der goldgeränderten Mütze. Dann erscheint das stilvolle, ge 
räumige, jedoch nichts weniger als auffallende Herrenhaus, die 
Hinterftont ganz in Grün versteckt. Dann das Palmenhaus mit 
den wunderbaren Farrenbäumen aus dem südlichen Amerika, den 
edel geformten Palmen aus Indien und Ceylon; eine Treppe, de 
ren Stufen von Granit, führt zu Felswänden hinan, mit kriechen 
dem Moos bekleidet, und zwischen den Tropenpflanzen Figuren 
von weißem Marmor, gelblich leuchtend von dem Strahl der 
Abendsonne, der sich weiterhin in dem feuchten Grün verliert. 
Candelaber hängen von oben herab — wie feenhaft muß es hier 
sein an Ballabendcn, wenn Musik aus dem Innern schallt und der 
bunte Glanz des Festes mit der stillen Schönheit der Pflanzenwelt 
sich vereint! Dann das Orchideenhaus, vor welchem die Marmor 
büsten der beiden Borsig, Vater und Sohn, unter niederhängendem 
Gezweig stehen. Dann die Marmorhalle mit den Bildern von 
Paul Meyerheim — überall Pracht, und Marmor, und Farben, 
aber nichts Prahlerisches, was den Blick oder die Empfindung ver 
letzen könnte. Dann das Haus der Victoria Regia und nebenan 
das Wasier mit der blühenden Victoria Nymphäa, blaßroth, 
dunkelroth, blau märchenhaft auf den breiten, grünen Blättern 
schwimmend, während zahllose Goldfische sich umhertummeln. 
Und mir wird, als erlebt' ich selber ein Märchen — aber ein ganz 
modernes — indem unaufhörlich in diese Herrlichkeit und Stille 
von Grün und Blumen das Schnaufen und Stampfen der Ma 
schinen hereindröhnt, die Stimmen der Arbeit, von Guß- und 
Puddelöfen, von Walz- und Hammerwerken, welche Park und Haus 
umgebend, bis an das Ufer der Spree reichen. Hier stößt der 
Eisenhammer an den Park, sein gewaltiger Schornstein steht da 
wie der Thurm einer Burg, und Park und Fabrik gehen ineinander 
über. Hier befindet sich auch das Verwaltungsgebäude, von wel 
chem ich oben schon gesprochen; und hier, wo sich jeden Mittag 
hunderte von Arbeitern in einem hohen Saal, an reinlichen Tischen 
zu einer guten, billigen Mahlzeit niedersetzen, kann man sehen, wie 
Borsig für seine Leute gesorgt hat. Aber dazu muß man einen 
Umweg durch den Hof machen; denn der Saal steht nicht zur 
Schau, wie die Palmen und Orchideen. Hier steigt man auch zu 
einer Terasie, mit dem Blick auf die Spree, die Schiffe, die Les 
singbrücke, die Stadtbahn, den Thiergarten; und hier, den dumpfen 
Lärm, den das gleichmäßige Ausstößen des Dampfes verursacht, 
zur einen und zur andern Seite die Ruhe, den frischen Geruch 
des Grüns und den Glanz des Abendhimmels — hier sitze ich 
gern und lausche und suche nach dem Wort, das ich nicht finden 
kann .... 
Vergoldet nicht dieselbe Sonne, die Sonne Homer's, die Rauch 
wolken, welche schwarz und dicht aus dem Riesenschlote des Eisen-
	        
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