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Periodical volume 16. Februar 1884, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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durchdringt. Dieses ist die Zcltenallee, vormals die Kurfürstenallee 
geheißen; und hier gingen die Großväter unserer Väter, wenn sie 
des Abends nach den Zelten wollten. Ehrbare Männer waren es, 
mit dreieckigen Hüten, mit Zopf und Perrücke, mit langen Rohr 
stäben in den Händen und mit einem bedachtsamen Schritt, wie 
Männer, welche Zeit haben und ihre Würde kennen. Wenn sie 
miteinander redeten, so sprachen sie, wie gute Bürger, von ihrem 
Könige, Friedrich dem Großen, der damals schon ein alter Herr 
war, und in Sanssouci residirte; waren sie Gelehrte, so sprachen 
sie von Voltaire und der Encyklopädie, waren sie Kaufleute, so 
sprachen sie von der König!. Gencraltobaksadministration, vom 
Zucker- und Kaffeczoll, von der Seehandlungscompagnie uud von 
dem letzten großen Wechselgeschäst der Herren David Splittgcrbcrs 
sei. Erben. Bedächtig schritten sie dahin, nach einem großen Platz 
an der Spree, welcher der Kurfürstenplatz oder der Zirkel genannt 
ward. Auf der Seite nach der Spree war den ganzen Sommer 
hindurch eine Anzahl Hütten und Zelte ausgeschlagen, woselbst aller 
hand Erfrischungen verkauft wurden. Der gegenüberstehende Zir 
kel — ich citire hier den wackern Friedrich Nicolai, Buchhändler 
auf der Stechbahn, der mit seinen Freunden Gotthold Ephraim 
Lessing und Moses Mendelssohn an dieser Stelle wohl manch' einen 
Sommerabend auf- und abgegangen — der gegenüberstehende Zir 
kel ist mit einer doppelten Allee von sehr hohen Ulmen und Eichen 
eingefaßt nnd der Hauptsammelplatz aller Spazierenden, welche 
theils unter den Alleen hin und her wandeln, theils auf den 
Bänken ausruhen. An schönen Sommernachmittagen, sonderlich 
des Sonntags und Feiertags, pflegen hier Tausende zu Fuß, zu 
Pferde und zu Wagen zusammenzukommen, wobei öfters, auf Be 
fehl des Gouverneurs, die Musikcorps der in Berlin in Garnison 
liegenden Infanterie- und Artillerie-Regimenter in die anliegen 
den Büsche vertheilt wurden, welches zusammen ein sehr reizendes 
Schauspiel machte. „La place des Tentes au parc“, wie Ehodo- 
wiecki denselben (1772) dargestellt, galt für die „premierc prome- 
nade de Berlin“. Sie blieb es durch das ganze Jahrhundert und 
bis weit in unser eigenes. Selbst die Mitglieder der königlichen 
Familie — so referirt W. Mila, ein Zeuge aus etwas späterer 
Zeit (1829), der sich des glänzenden Anblicks noch aus seiner Ju 
gend erinnert — und Personen vom ersten Range mischten sich 
unter den bunten Hausen. In vergoldeten, schön verzierten Phae 
tons, in eleganten, von allen Seiten mit Glasscheiben versehenen 
Kutschen, oder in sogenannten Wurstwagcn, an deren Schlägen 
Pagen und Heiducken standen, fuhren die Prinzessinnen die Haupt 
allee entlang. Ein Mann von der Französischen Kolonie, Namens 
Mourier, war der Erste, der hier im Jahre 1760 ein Zelt aus 
schlug, in welchem er Kaffe und sonstige Getränke und Ersrischun- 
gen seil bot; zum Schilde hatte er eine goldene Gans mit der 
sinnreichen Inschrift: „Monnoi (mou nie) fait tout“. Aus den 
Kreisen der französischen Kolonie, welche sich damals noch bei Wei 
tem nicht vollständig germanisirt hatte, ging etwas wie ein Athem 
des sianzösischen „esprit“ über Berlin, welcher sich bis in den 
kleinsten Dingen zeigte und vielleicht in seinen letzten 'Nachwirkun 
gen nicht ohne Einfluß geblieben ist auf den Berliner „Witz". 
Dem Beispiele dieses betriebsamen Mannes folgten zwei andere 
Schenkwirthe, gleichfalls Franzosen, Dortu und Thomassin, bauten 
ihre Zelte an den Ufern der Spree und hatten einen guten und 
vergnügten Sommer davon. Im Winter wurden diese beweglichen 
Dinger zusammengeschlagen und in die Stadt gebracht, um, so 
bald der neue Lenz kam und die Hecken und Wiesen hier herum 
wieder grün wurden, fröhlich aufzuerstehen — echte Nomadenzelte 
in dem Sandmeer von Berlin, und der Fleck, auf dem sie standen, 
mit Wasser und Wald und geputzten Bienschenkindern, eine der 
lieblichsten Oasen. Denn man brauchte nicht hundert Schritte weit 
Zu gehen, so war man knietief im Sande. Sand war der Exer 
zierplatz, heute der Königsplatz mit der Säule. Sand war des Kö 
nigs Holzplatz, heute die Alsenstraße. Sand war auch Seeger's 
Holzplatz, heute die Roon- und Hindcrsinstraße. Gegenüber aus 
der rechten Spreeseite war noch mehr Sand, welchen seit den Ta 
gen Friedrich's I. französische Gärtner und Landbaucr im Schweiße 
ihres Angesichts urbar zu machen trachteten, ohne sonderlich weit 
damit zu gelangen, weshalb sie es, mit der ihrer Nation eigenen 
Fineffe, die sich in Kümmerniffen durch einen guten Witz schadlos 
hält, la terre maudite nannten oder la terre de Moab, das Moa 
biterland, heute Moabit, das Land Borsig's, der Fabriken und der 
Parks, das Land des Eisens und des Reichthums, ein sprechendes 
Exempel von Dem, was man aus Sand machen kann, wenn man 
es nur recht anfängt und sich die Mühe nicht verdrießen lä„t. 
Freilich hat es hundert Jahre gedauert, ehe der kärgliche und 
widerspenstige Boden nachgab; und nach den Franzosen mußten 
unter Friedrich dem Großen westfälische Leute graben und pflügen 
und Hecken pflanzen, hart arbeitende, schwer auftretende Bauern, an 
welche noch, mitten in dem ganz modernen Moabit, zwischen den 
stattlichen Gebäuden unseres Jahrhunderts, ein altes, kleines aus 
Lehm gebautes Haus erinnert, mit einem altmodischen Schild, das 
in altmodischer Schritt die Worte trägt: „Pumpernickel-Bäckerei". 
Wer damals aus der terre maudite kam, „über die Furt am 
Jordan (vulgo Spree), die nach Moabit führet", und bei den Zel 
ten ausstieg, der mochte glauben im gelobten Lande zu sein. „Milch 
gab sie, da er Wasser forderte, und Butter brachte sie dar in 
einer herrlichen Schale". Deß zum Gedächtniß, sagt mein Ge 
währsmann, ist den dort an der nämlichen Stelle noch befindlichen 
vier Kaffeehäusern die Benennung von Zelten geblieben, selbst als 
diese Zelte sich zuerst in Hütten und am Ende in große massive 
Gebäude verwandelten, „wovon Nr. 1 und 2 sogar große Säle 
haben, aus denen inan an Sommertagen angenehme grüne Wiesen, 
jenseits der Spree, überschauet" — Wiesen, die Spuren und Zeugnisse 
des vereinten Fleißes von Franzosen und Westfalen, die nun auch 
längst wieder verschwunden sind, seitdem die Güterschuppen und Lager 
häuser des Lehrter Bahnhofes hier bis ans Ufer reichen, seitdem hier 
Holzplätze und Kohlenplätze sind, zwischen denen nur noch einsam 
da und dort eine Silberpappel emporragt. Statt des Geruches 
von Heu ist hier der Geruch von Pech und Theer und allerlei 
Schiffsgeräth, und wo die Sensen gedengelt wurden, ist jetzt das 
Pfeifen und Stoßen und Stöhnen der Locomotive — dem golde 
nen Zeitalter ist das eiserne gefolgt, in dem wir leben, das Zeit 
alter der Maschinen und Massenarbeit; und doch, wer möchte leug 
nen, daß es seine Poesie hat, so gut wie jedes andere, nur daß 
uns das rechte Wort dafür oder der rechte Mann noch fehlt, der 
deutlich ausspräche, was wir nur undeutlich empfinden. 
Adolf Menzel mit dem durchdringenden Blick unter den 
buschigen Brauen und der nervigen Faust hat es vollbracht; er 
hat in seinen „Modernen Eyclopen", jetzt in unserer National- 
galerie, eine solche Werkstatt gemalt, bei deren Feuerschein sich 
gleichsam die sociale Tiefe aufthut und ihre dämonisch arbeitenden 
Kräfte sichtbar werden. Seinen Spuren ist Paul Meyerheim ge 
folgt in den Panneaux aus Kupier, welche die Marmorhalle des 
Borsig'schen Parkes schmücken: die Geschichte der Locomotive von 
dem Moment, wo das Eisen aus den Gruben des schlesischen Ge 
birges steigt, bis zu jenem, wo der fertige Koloß verladen wird 
auf einem transatlantischen Dampfer im Hafen von Hamburg. 
Menzel, wiewohl mit einer Fülle von Phantasie, ist doch nicht 
etwa phantastisch; und wiewohl ein Meister der Farbe, doch kein 
Schönmalcr, eher ein Häßlichmaler. Seine Menschen auf diesem 
Bilde sind wirklich aus dem Eisenwalzwerke und der Maschinen 
bauanstalt. Ein geheimer Schauer ergreift uns, wenn wir sic be 
trachten: in ihnen steht unsere Zukunft vor uns. Ein Gleichesist 
der Dichtung bis jetzt nicht gelungen; sie ringt um den ungeheuren 
Inhalt des modernen Lebens, aber sie hat ihn noch nicht gepackt. 
Und doch, welcher Roman könnte großartiger sein, oder belehrender
        
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