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Periodical volume 16. Februar 1884, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Tyle Sparre, der aufmerksam zugehört, schien von der ! 
Botschaft nicht sehr erbaut zu sein. „Hm .. Will nicht sagen, 
daß meine alten Knochen nicht noch einen kleinen Ritt im 
Gezeuge aushallen, aber daß ich mit den Krämern in der 
Stadt reden soll, damit diese die Wege verbuddeln helfen, das 
ist nicht nach meinem Sinn. Es wäre besser gewesen, Vetter 
Matthias, der es auch nicht weit nach der Neustadt hat, hätte 
das selbst gethan! Da werde ich schöne Antworten erhalten!" 1 
Nach einigem Besinnen setzte der alte Herr hinzu: „Aber ich 
sehe schon, es geht nicht anders und sie werden's dem alten 
Sparre zu Liebe thun- Sagt deshalb nur Eurem Herrn, ich 
würde morgen mit ineinen Leuten, ehe die Glocken auf Maria- 
Magdalencn in der Neustadt zum dritten Male läuten, vor 
dem Oberthore neben dem Hciligcngcisthofe daselbst halten, 
dort einige aus meiner Freundschaft erwarten, welche ich noch 
heute dazu erbitten werde und Mittags in die Stadt einreiten 
— wenn mich eben die Bürger hineinlasien. — Das muß 
ich nämlich hinzusetzen. Ich kenne die Bürger in der Neu 
stadt! Ist es doch noch nicht lange her, daß sie meinem 
Schwager Ebel Tornow das Thor vor der Nase zugeschlagen, 
als er zur Hochzeit seines Sohnes hat reiten wollen. Sagt 
das Eurem Herrn und vergeht kein Wort davon. Die Bürger 
in der Neustadt sind sonst gute und brave Leute und ihreur 
Herrn dem Kurfürsten mit Gut und Blut ergeben, aber in 
der ganzen Kurmark Brandeiiburg giebt es keine auf ihre 
Rechte und Freiheiten erpichtere Bürger, als die von der 
Neustadt, und seitdem der Kaspar Uchtenhagen den Spuk 
geniacht und auf einen ihrer Bürger, einen Schiffer, bat 
schießen lassen, weil dieser sich der Entrichtung des Zolls bei 
Freienwalde geweigert, von welchem die Neustädter doch seit 
alters befreit sind, ist ganz und gar der Teufel los, und sie I 
wollen von keinem der Landjunker mehr etwas wissen. Hätte 
gewünscht, der Brcdow hätte den ganzen Haufen der Land- 
gcseffinen anderswohin befohlen." 
Damit war das Gespräch beendigt, der Knecht verließ 
das Gemach und bald auch den Hof. 
Tyle Sparre, ein wegen seiner Lauterkeit und Biederkeit 
hochgeachteter Edelman, hatte sich schon in seiner Jugend mit 
den Pommern herumgeschlagen, zu einer Zeit, da es in der 
märkischen Ritterschaft fast zur Sitte geworden war, sich die 
Sporen in einem Kriege mit den wendischen Herren der Ost 
seeländer zu holen. Das war nun schon lange her und bei 
Tyle Sparre im Jahre 1419 geschehen, als die Pommern 
mit den Mecklenburgern ein Bündniß gemacht und mit diesen 
in gewohnter Weise sengend und brennend über Angcrmünde, 
Eberswalde bis gegen das stark befestigte Straußberg gezogen, 
ivo ihnen die verbündeten Städter mit ihren Büchsen ent- j 
gegen getreten und eine solche Verwüstung unter ihnen an- ! 
gerichtet, daß sie mit Schimpf und Schande hatten abziehen 
müssen. Als dann auch die Ritterschaft auf dem Hohen 
Barnim aufgesessen und sich an der Verfolgung der Feinde 
betheiligt, da hatte es der kaum den Knabenjahren entwachsene 
Junker Tyle Sparre nicht verwinden können, daß ihn sein j 
Vater nicht mitgenommen, und den älteren Bruder Hans be- 
redet, mit ihm, ohne der Mutter etwas zu sagen, davon zu gehen. 
Sie hatten sich Pferde und Waffen zu verschaffen gewußt und 
waren bei Nacht und Nebel von Schloß Lichterfclde heidi 
nach Angermünde gejagt, um sich dem großen Haufen anzu- j 
schließen. Und beide hatten sich durch Kühnheit und Tapfer- j 
! keil so ausgezeichnet, daß sie der Kurfürst später mit in den 
kaiserlichen Dienst genommen. Nachdem sich Junker Tyle 
hier eine Zeit lang mit allerlei Nationen in Welschland, 
Ungarn und anderen Ländern herumgeschlagen, war er endlich 
nach dem Tode seines Vaters heimgekehrt, hatte die ihm in 
der brüderlichen Erbtheilung zugefallenen Güter Trampe, 
Dannenberg und Hohenfinow übernommen, darauf seine 
Sophia, eine Schulenburg, geheirathet und lebte seitdem 
glücklich und zuftieden auf seinem Hofe zu Trampe, nur daß 
er zuweilen den Landtag besuchte, aber nicht etwa, weil es 
ihn drängte, sich an politischen Streitfragen zu betheiligeir, 
sondern um wieder einmal Gelegenheit zu haben, mit alten 
Freunden zusammen zu treffen. 
Nun war es aber des Tyle Sparre Verdruß immer ge 
wesen, daß er nicht wie sein älterer Bruder Hans in Lichter- 
felde und andere seiner Vettern ein festes Schloß sein eigen 
nannte. Er saß wie ein gewöhnlicher Zaunjunkcr aus seinem 
Hofe mitten im Dorfe, und sein Haus zeichnete sich von denen 
der Bauern nur dadurch aus, daß es größer und die Wände 
nicht wie bei diesen aus Holz und Lehm, sondern aus un 
behauenen Feldsteinen und Kalk aufgeführt war, sonst hatte 
es ein Strohdach wie die anderen Häuser. Zwar befand sich 
hinter dem Hose, im Kohl- und Gemüsegarten der edlen Frau 
Sophia, ein alter verwitterter Thurm und verfallenes Mauer 
werk, aber dem Tyle Sparre konnten diese Ruinen nichts 
nutze». Im Dorfe ging die Sage, daß dieselben die Ueber- 
reste der Burg eines Wendcnhäuptlings seien und vor Zeiten 
umher ein Luch befindlich gewesen, das später in einen Garten 
> umgewandelt worden. Und es mußte in der That lange her 
sein, daß hier ein befestigtes Schloß gestanden und bewohnt 
. gewesen, denn zwischen den vielen herumliegenden Stein 
trümmern waren Rüstern, Buchen und Eichen herausgewachsen, 
die mehr als hundert Jahre alt sein mochten, und wie die 
alten Leute im Dorfe versicherten, hätte der Ort schon so aus 
gesehen, als der Vater des Tyle Sparre das Gut von den 
Wulkow's erkauft, was zur Zeit des Markgrafen Jobst ge 
schehen. 
Nun hätte der jetzige Besitzer des Hofes wohl schon lange 
diese Ruinen abtragen und beseitigen lassen, aber Frau Sophia 
Sparre war für ihre Erhaltung eingetreten. An jenem Platz 
hatten ihre einzigen Kinder, die Junker Jochen und Gürgcn 
mit Vorliebe gespielt. Wenn diese auch dazu oft die gesummte 
glcichgealtertc Dorffugend herangezogen und dabei der Frau 
Sophia Baum- und Gemüsegarten hart mitgenommen — 
letzterer blieb dieser Ort doch ein Heiligthum, der, so lange 
; sie lebte, nicht verändert werden sollte. 
Und wenn der Junker Jochen, welcher sich schon lange 
im Dienste und am Hofe des Kurfürsten befand, manchmal 
von Köln an der Spree herüberkam, so geschah es wohl, daß 
die Mutter mit ihm diesen Spielplatz seiner Kindeijahre be- 
j suchte, und wenn ihr dann der Jochen einen der vielen 
kleinen Streiche erzählte, die er ihr hier in ihrem Reich gc- 
: spielt, dann freute sich Frau Sophia's Mutterherz, aber auch 
unendliche Wehmuth erfüllte dasselbe oft, wenn sie des anderen 
Sohnes, des Junkers Gürgen gedachte, der in der Blüthe 
j seiner Jahre dahingeschieden. Es kam auch wohl selten vor, 
daß Frau Sophia nach einem Kirchgänge nicht die kleine 
s Pforte in der Kirchhossmauer aufgeschlossen hätte, um durch 
j den daran stoßenden herrschaftlichen Gartui nach dem alten
        
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