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Volume 9. Februar 1884, Nr. 20

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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trinken, was ihnen oft mehr Geld kostet, als sie mitgebracht; in 
welchem Falle einer von den Bären so lange dort angebunden wird, 
bis seine Kameraden zurückkehren und bezahlen, woher auch der 
Ausdruck, „einen Bären anbinden", entstanden ist. Viele Bären 
wohnen in der Stadt selbst, ja man sagt, Berlin verdanke seine 
Entstehung den Bären und hieße eigentlich Bärlin. Die Stadt 
bären sind aber übrigens sehr zahm und einige darunter so ge 
bildet, daß sie die schönsten Tragödien schreiben und die herrlichste 
Musik komponiren. Die Wölie sind dort ebenfalls häufig, und da 
sie der Kälte wegen Warschauer Schafpelze tragen, sind sie nicht 
so leicht zu erkennen. Schneegänse flattern dort umher und singen 
Bravour-Arien, und Rennthiere rennen da herum als Kunstkenner. 
Uebrigens leben die Berliner sehr mäßig und fleißig, und die 
meisten sitzen bis am Nabel im Schnee und schreiben Dogmatiken, 
Erbauungsbücher, Religionsgeschichten für Töchter aller gebildeten 
Stände, Katechismen, Predigten für alle Tage im Jahr, Hohnge 
dichte, und sind dabei sehr moralisch, denn sie sitzen bis am Nabel 
im Schnee." 
Dieses Berliner Kaleidoskop, das noch heute außerordentlich 
zutrifft, könnte ich weit über 
den zugemessenen Raum ergänzen, 
aber es genügt, wenn wir die An 
sichten Heine's über Berlin ihren 
Hauptzügen nach in Ernst und 
Scherz kennen gelernt haben. Im 
Einzelnen würden dieselben, zu 
sammengestellt, selbst ein Buch 
ausmachen, das allerdings Zeug 
niß ablegen möchte von dem be 
deutenden Jntereffe, das der 
Dichter jederzeit für diese Stadt 
gehegt hat, der er ja auch eine 
salyrische Spende in einem seiner 
bachantischen Traumgedichte weiht. 
Da Heine die Lieblingsneigungen 
und Herzenswünsche seiner Ber 
liner genau kennt, so bescheert 
er ihnen in einem Traumgesicht, 
in dem er den lieben Gott selbst 
spielt und die Stadt Berlin be 
glücken will, ein großartiges 
Fest das in folgenden Genüssen 
bestehen soll: 
Die Pflastersteine auf der Straß' 
Die sollen jetzt sich spalten. 
Und eine Auster, frisch und klar, 
Soll jeder Stein enthalten. 
Ein Regen von Citronensaft 
Soll thauig sie begießen 
Und in den Straßengossen soll 
Der beste Rheinwein fließen. 
Aus jedem Pflasterstein eine Auster und in den Rinnsteinen 
Rheinwein, in der That, man muß gestehen, die Bescheerung ist 
eine liebevolle, und mag dem Berliner Magistrate einer idealen 
Zukunft bei irgend einem großen Feste, etwa dem Verbrüderungs- 
ftste der Menschheit, aufs Eindringlichste empfohlen sein. 
Aber das ist nur ein Scherz; doch in Wirklichkeit hat ja der 
Dichter die Zukunft Berlins und unseres Staates als Kaiserstadt 
und Kaiserstaat in merkwürdiger Weise, ein vorwärtsschauender 
Prophet, mitten in der tiefsten Erniedrigung des Vaterlandes 
wiederholt und begeistert verkündet: „Wenn Du auch in 
Fesseln darniedcrliegst, so siegt doch am Ende Dein gutes Recht; 
es naht der Tag der Befreiung, eine neue Zeit beginnt — mein 
Kaiser, die Nacht ist vorüber und draußen glüht das Morgenroth!" 
Die Geschichte des Wallner- Theaters 
von £. n. 8. (Fortsetzung.) 
(Mit dem Portrait S. 265.) 
1871. 
Nachdem die Posse „Unsere Tochter", mit deren Auffüh 
rungen das Jahr 1870 endete, noch 14 Mal im Januar gegeben 
war, begann das Gasffpiel von Anna Schramm, das auf 
38 Abende ausgedehnt, am 13. Februar seinen Abschluß fand. 
Die Künstlerin gastirte nur in älteren Possen, in denen sie im 
alten Theater unter Wallners Leitung sich Ruf und Gunst des 
Publikums in so außergewöhnlichem Grade erworben hatte. Sie 
trat auf in „Eine leichte Person", „Kieselack und seine 
Nichte vom Ballet", „Unruhige Zeiten", „Aurora in Oel", 
„Ein Berliner in Wien", „Gräfin Guste", „Die Afrika 
nerin in Kalau", „Musikalisch-declamatorische Abend 
unterhaltung", „Ein ungeschliffener Diamant". 
Von Hugo Müller erschien am 25. zum ersten Male das Cha 
rakterbild in 5 Akten nach dem Italienischen „Die Duellfrage", 
das sechs mal gegeben wurde. 
Der Monat März brachte 
nun das Lebensbild in 3 Akten 
„Alte Liebe" mit einem Vor 
spiel „Frida vom Circus" 
von Pohl und Münch, das nur 
10 Mal wiederholt wurde, ferner 
ein fünfmaliges Gastspiel in 
„Frou-Frou" der Frau Zip 
fer, heute Gattin des Königl. 
Hofschauspielers Herrn Ludwig. 
Fräulein Huvart wurde am 16. 
entlasten. Bis zum 12. April 
enthielt das Repertoir eine Serie 
kleiner neuer Stücke: „Die Ar 
beiter" nach dem Französischen 
von Hugo Müller, „Ein 
preußischer Soldat" Genre 
bild von Carl Werel und Bruno. 
„Er weint" Lustspiel von Ju 
lius Prsvel, und eine Bear 
beitung der alten Angely'schen 
Poffe „Das Fest der Hand 
werker", von dem Bearbeiter 
Ed. Jacobson „Das Friedenssest der Handwerker" ge 
nannt. Am 12. begann ein Gastspiel von Emil Thomas in 
. „Der Goldonkel", „Der Präsident", „EngHsh spoken 
here“, „Durchs Schlüsselloch", „1733 Thaler 22'/, Sil 
bergroschen", „Die Schleichhändler", „Herrmann und 
Dorothea", „Heydemann und Sohn", „Doctor Peschke", 
„Der Vater der Debütantin". Es endete am 27. April. 
Bis zum 13. Mai weist das Repertoir Wiederholungen kleiner 
älterer Stücke auf und die AuMhrung neuer: „Aus der Treppe", 
Lustspiel von vr. Tempel; „Unter dem Siegel der Verschwie 
genheit", Scherz von O. F. Berg, „An die Luft gesetzt", 
Posse mir Gesang nach dem Englischen des Williams. Am 13. 
ging nun wieder eine, den Theaterabend füllende Novität in Scene, 
die Orginalposse in 3 Akten „Kläffer" von H. Wilken und 
A. L'Arronge, welche ununterbrochen an 65 Abenden bis zum 
17. Juli gegeben wurde. An diese Aufführungen schloß sich un 
mittelbar ein bis zum 13. August fortgesetztes Gastspiel des Herrn 
Sonnenthal vom Wiener Hofburgtheater und des Fräulein 
Heese vom Hoftheater in Darmstadt an. „Kean", „Er weint", 
„Aus der komischen Oper", „Er experimentirt", „Graf 
Waldemar", „Der Marquis von Villemer", „Graf Horn", 
Lauplatz des Abgeordnetenhauses an der Sommerstraßr. 
(S. Seite 275.)
	        
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