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Periodical volume 9. Februar 1884, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Es mag in der That in der Formvollendung und Klarheit 
der Heine'schen Poesie liegen, daß Varnhagen und Rahei darin 
Anklänge an Goethe's Dichtungen gefunden und dieserhalb Heine 
so liebgewonnen hatten. 
Aber noch eine andere Frau müssen wir hier billigerweise 
nennen, die ebenfalls einen geistreichen Zirkel um sich versammelte 
und auf Heine's dichterische Entwickelung den gedeihlichsten Einfluß 
ausübte: Elise von Hohenhausen, die, selbst begabte Dichterin, 
jeden Dienstag die besten und gelehrtesten Männer, an denen das 
damalige Berlin so reich war, in ihrem Salon versammelte. Elise 
von Hohenhausen hatte das Verdienst, zuerst fast die dichterische 
Größe Heine's proclamirt zu haben. Sie war es, die ihn als 
Nachfolger Lord Byrons in Deutschland bezeichnete. Noch auf 
seinem Sterbebette gedachte der Dichter in wehmüthiger Rückerin 
nerung der heiteren, schönen Stunden, die er in diesen ästhetischen 
Salons genoffen. 
Den geistigen Anregungen dieser Gesellschaften ist es Wohl 
auch zu danken, daß in Heine das wüste, jugendlich überschäumende 
Wesen zurücktrat und edleren Regungen Platz machte. Er war ja 
jetzt ein Dichter mit dem ganzen Stolze eines solchen und hatte 
höhere Interessen und Ziele, als in träumerischer Liebessehnsucht sich 
zu verzehren. Und mit dieser Erkenntniß war Heine auch ein 
Dichter, ein wahrer Dichter, der, über der Leidenschaft des Herzens 
stehend, dieselbe um so hinreißender und inniger darstellen konnte, 
je tiefer er sie selbst gefühlt und überwunden hatte. 
So sehen wir denn auch am 5. Januar 1823 Heine die erste 
Staffel zu seinem Dichterthrone ersteigen — wir lesen nämlich sei 
nen Brief an Ferdinand Dümmler, in dem er ihm schüchtern, wie 
ein junger Autor, seine beiden Dramen und seine Gedichte zum 
Verlage anbietet. Spricht sich zwar schon in diesem Briefe das 
Selbstvertrauen aus, "das Heine stets beseelte, so lesen wir doch 
mit Lächeln, wie er schreibt: „Ich glaube nicht, daß ich hier 
in Berlin sehr bekannt bin, aber desto mehr bin ich es in meiner 
Heimath am Rheine." 
Und sicherlich mit dem Zagen, das nur junge Autoren ganz 
begreifen können, saß der junge Poet in seiner zweiten Berliner 
Wohnung, Taubenstraße Nr. 32, und horchte, ob nicht die lieb 
lichen Schritte des beflügelten Briefboten zu hören waren, und 
empfing dann endlich nach langem Warten klopfenden Herzens den 
Brief, den er schon an der Außenseite kennt und in dem der alte 
erfahrene Buchhändler dem jungen Dichter mittheilt, daß er sich 
auf vieles Zureden, Empfehlungen u. s. w. entschlossen habe, die 
Gedichte zu verlegen und dem unbekannten Dichter statt des Ho 
norars, auf das er doch hoffentlich keine Ansprüche mache, 40 Frei- 
Eremplare zu geben. Aber was thut's, was braucht ein junger 
Dichter Honorar — die ersten Gedichte gedruckt — das ist genug, 
übergenug.... 
Das Auge sieht den Himmel offen, 
Es schwelgt das Herz in Seligkeit. 
Unser Heine machte keine Ausnahme von der Autorenregel, 
ünd waren auch seine Gedichte nicht, wie die so vieler junger 
Poeten, von Verleger zu Verleger gewandert, so hatte ja doch Brock 
haus in Leipzig ihm dieselben vorerst mit der stereotypen Verleger 
phrase zurückgeschickt, daß er, mit Verlagsunternehmungen über 
häuft, dieselben jetzt nicht drucken könne. 
Aber das war Alles vergeffen und kein Mensch in ganz Ber 
lin glücklicher als Heine, der nun in dem ganzen Bewußtsein 
schwelgte, ein erbgeborener Sohn Apolls, ein vollberechtigter Bürger 
des Parnasses zu sein. 
Glaubwürdige, greise Männer, die den Dichter zu der Zeit 
iannten, erzählen, daß er damals stundenlang „Unter den Linden" 
cinherspaziert sei, in der Meinung, alle Leute, die dort vorüber 
gingen, bewunderten ihn und flüsterten sich zu: „ D as ist d er D ich - 
ikr Heine!" 
Wir werden diese Poeteneitelkeit belächeln, aber leicht erklär 
lich finden, um so mehr, da wir ja wissen, daß Heine von Natur 
aus etwas eitel war — und daß seine stundenlangen Spaziergänge 
„Unter den Linden", wo er übrigens auch kurze Zeit in dem 
Hause Nr. 74 gewohnt — ja noch einen anderen Grund hatten, der 
uns aus dem folgenden Gedicht ersichtlich wird: 
Za, Freund, hier unter den Linden 
Kannst Du Dein Herz erbau'n, 
Hier kannst Du beisammen finden 
Die allerschönsten Frau'n. 
Sie blüh'n so hold und innig 
Im farbigen Seidengewand! 
Ein Dichter hat sie sinnig 
Wandelnde Blumen genannt. 
Welch' schöne Federhüte! 
Welch' schöne Türkenshawls! 
Welch' schöne Wangenblüthe! 
Welch' schöner Schwanenhals! 
Ich glaube, daß der Dichter, der die Frauen „Unter den Lin 
den" „wandelnde Blumen" genannt, kein Anderer gewesen sein 
wird — als Heinrich Heine, möchte aber dabei die Erinnerung 
an jene „wandelnde Blume" nicht gerade heraufbeschwören, die 
der Dichter ein ander Mal so herzbeweglich bittet, ihn nicht „hier 
Unter den Linden" durch ihren Gruß zu blamiren! — 
Es wäre aber Irrthum, wollten wir glauben, daß diese vielen 
widerstreitenden Einflüsse, die aus den dreiundzwanzigjährigen Jüng 
ling in Berlin einstürmten und die Erfolge, die seine „poetischen 
Ausstellungen" in Gubitz's „Gesellschafter" erreichten — ihn von 
ernsterem wissenschaftlichen Streben abhielten. Während er in hei 
terer Freunde Kreis Nächte durchschwärmte, oder Abende lang poe 
tische und ästhetische Theezirkel ftequentirte, traten auch die juri 
dischen Brodstudien wieder in ihre alten Rechte ein, beschäftigten 
ihn oft und vielfach die höchsten Fragen der Philosophie und der 
Wissenschaft, zunnächst aber die seines — Stammes. 
Denn Heine war ein Jude, und daß er das nicht vergaß 
mitten im Taummel eines bachantischen Lebens, mitten unter den 
dem Judenthum gehässigsten Einflüssen, in einer Gemeinde, von 
der der größere Theil innerhalb weniger Jahre zur herrschenden 
Kirche übergegangen war, das zeigt, daß die Einflüsse und Stim 
mungen mächtig in seiner Seele lebten, die ihn an sein damals 
noch geknechtetes und mißachtetes Volk ketteten. 
Zunächst war es auch wohl die Freundschaft mit jenen Män 
nern, die damals im Rausche jugendlicher Begeisterung am 7. No 
vember 1819 den „Verein für Cultur und Wissenschaft des Juden 
thums" gründeten, mit Eduard Gans, Moses Moser, Leopold 
Zunz u. A., die Heine so sehr für die Jntereffen seines Stammes 
begeisterten. 
Es war ein jugendlich kiihner, wenn auch vermessener Gedanke, 
der die Bestrebungen dieses Vereins durchwehte, der Gedanke der 
Reform einer Nation, die mit merkwürdiger Festigkeit und uner 
schüttert von den Wogen der Völkergeschichte Jahrtausende hindurch 
in Druck und Verfolgung ihrem Glauben treu blieb, und die nun 
jugendliche Brauseköpfe mit einem Male ganz von den Tafeln der 
Geschichte löschen wollten. Und eben diese Unklarheit des Wollens 
war es, die den Verein, trotz der gediegenen Kräfte, welche er be 
saß, nach wenigen Jahren schon zersplitterte. 
Für unsern Dichter aber ist cs ein ehrendes Zeugniß, daß er 
der Sache dieses Vereins, die ihm ja die Sache seines Volkes 
scheint, während seines ganzen Bestehens treu ergeben bleibt. In 
Berlin selbst versäumte er selten eine Vereinssitzung, ja er unterrich 
tete sogar mehrere Stunden in der Woche in der neugegründcten 
Vereinsschule arme polnische Judenjungen, und nachdem er von Berlin 
wegreiste, kehrte in jedem seiner Briefe der Gedanke und die Nach- 
ftage nach dem Vereine regelmäßig wieder.
        
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