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Periodical volume 9. Februar 1884, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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legten ihre Mäntel ab und entfernten sich, um sich im Stadt 
hause über Schuld oder Unschuld der Angeklagten zu ent 
scheiden. Ihre Berathung aber dauerte nicht lange. Nachdem 
sie wieder Platz genommen, verkündete der Richter dem an 
wesenden Obcrgericht, als dem Rath, daß über die Gefangenen 
nichts Nachtheiliges weiter vorliege, als ein Gerücht, dessen 
Urheber niemand wisie. Ein Beweis für ihre Schuld wäre 
nicht zu finden gewesen- Jetzt war das Obergericht, d. h. 
die Herren vom Rath, daran, ihr Urtheil abzugeben. Auch 
sic und mit ihnen der regierende Richter begaben sich zur 
Berathung dej peinlichen Sache ins Rathhaus. Draußen 
eine große Spannung unter den Versammelten! Ein solches 
Verfahren war lange nicht vorgekommen. Noch aber, meinten 
etliche in solchen Dingen erfahrene Männer, wäre die Pulver- 
machcrin und ihre Tochter nicht frei, denn der Rath hätte 
das Recht, sich die ganze Geschichte vom Halse zu wälzen und 
dieselbe zur Aburtheilung dem Schöffenstuhl zu Brandenburg 
zu übergeben. Und wie dieser in Herenprozeffcn erkenne, das 
habe er in hunderten von Fällen bewiesen. Der Fischer Hans, 
der nicht vom Platze wich, hörte alle diese und andere von 
Mund ju Munde fliegende Redensarten mit großer Bangigkeit 
im Herzen an, seine Blicke verließen das Mädchen, seine Anna, 
nicht, die innerhalb der Umfriedigung, wo das Gericht gehegt 
wurde, neben ihrer Mutter bleich und abgehärmt saß, und 
vor Scham nicht aufzuschauen wagte. Endlich erschien das 
Obcrgericht wieder und nachdem alle Platz genommen, ver 
kündete der regierende Bürgermeister, daß das Gericht nach 
dem Befunde der Schöffen für Recht erkannt, daß die Ge 
fangenen de? ihnen zur Last gelegten Vergehens wegen be 
gangener Zauberei und Hexerei unschuldig und deshalb sofort 
in Freiheit zu setzen seien. 
Wie umgewandelt schien jetzt das Volk. Die vorher die 
beiden Gefangenen verhöhnt und gescholten, jubelten jetzt. 
Jeder hatte es ja gleich gewußt, daß nicht die alte Pulver- 
machcrin, die allen so viel Gutes in Krankheiten thue, es 
gewesen sein könne, die das Vieh behext habe. Der Fischer 
Hans aber kümmerte sich um das Gebühren der Menge nicht, 
er hatte ieinc Anna wieder und ging mit ihr und der Mutter, 
getragen von Glück und Freude davon zu seinen Eltern, die 
zu Hause geblieben, weil sie das Leiden und den Schmerz 
ihres Sohnes nicht hatten mitansehen wollen. Und hier in 
dem kleinen Hause am Kietz wurde ein Wiedersehen, ein 
Freudenfest gefeiert, wie daffelbe ein solches noch nicht gesehen. 
Aber welcher vornehme Herr erscheint da in der niedrigen 
Thür der Hütten „Der Markgraf Hans," rief der junge 
Fischer HanS. Schnell nahm derselbe seine Anna bei der 
Hand und beide fielen dem jungen Fürsten zu Füßen, seine 
Hände ergreifend und küffend, dabei unverständliche Worte 
stammelnd, die ein Dank sein sollten. Markgraf Hans, denn 
er war es wirklich, sichtlich gerührt, hob die Jungfer Anna 
vom Boden auf und gab seine Freude 511 erkennen, daß es 
ihm gelungen, die Rathsherren anderen Sinnes zu machen. 
„Aber nun, Hans, lange ist Eures Bleibens hier nicht mehr. 
Ihr müßt fort sobald als möglich. Komm zu mir, nach 
Küstrin, ich habe auch viele und gute Fischereien. Du wirst 
Dich bei mir wohl fühlen. Und für Deine Eltern und die 
Mutter Deiner Anna werde ich auch sorgen. Und nun behüt 
Glich Gott!" Damit ging der Markgraf rasch davon — ihn 
selbst hatte die Rührung mächtig ergriffen. 
Das war heute zu viel des Glückes gewesen für die 
armen Fischerlcute am Kietz und für die Pulvermacherin und 
ihre Tochter. Lange, lange saßen sie noch zusammen, obgleich 
von der gehabten Aufregung im höchsten Grade erschöpft. Erst 
als der Morgen graute, führte Hans seine geliebte Anna und 
ihre Mutter irach dem stillen Hause am Thore. Ihn selbst 
aber trieb die Freude und Wonne gleich hinaus in den Wald, 
um, er wußte nicht was, daselbst zu verrichten. Markgraf 
Hans aber rüstete sich inzwischen auf dem Kloster zum Auf 
bruche und wieder verkündete lustiges Troinpetengeschmetter 
seinen Abzug. Strahlenden Antlitzes ritt er seinem Gefolge 
vorauf und hinaus zur Stadt. Hatte er doch eine gute That 
vollbracht, hinterließ er doch glückliche Leute, ein glückliches 
Paar und. war es ihm doch gar nicht leid, daß es so ge 
kommen. 
Und der Fischer Hans that so, wie ihn der Markgraf 
geheißen. Nachdem er seine Anna gehcirathet, seine alteil 
Eltern und die Schwiegermutter ihr kleines Anwesen verkauft, 
siedelten sie alle nach Küstrül über, der Residenz des Mark 
grafen Johann. Hans wurde markgräflich ilemnärkischer 
Fischermeister und hat als solcher, eine treue Frau zur Seite, 
seinem Herrn lange gedient und, wenn dieser einer Wasser - 
Campagne vorhatte, so konnte Hans Perlitz sicher sein, daß 
kein anderer als er die Ehre hatte, das Boot Seiner mark 
gräflichen Gnaden zei führen. — 
Heinrich Heine in üerlin. 
Von Gusta» fiatpefrs. 
I. 
Auf seiner berühmten Reise von München nach Genua, die 
Heine selbst in so unnachahmlich humoristischer Weise schildert, be 
gegnet ihm in München „ein echter Sohn der Spree" mit einem 
„erzprosaischen Wittwenkassengestcht, stockgescheidten Aeugelein und 
aufgestülpter pfiffiger Forschungsnase", der ihn mit den Worten 
anspricht: „Et is heute eine scheene Witterung." 
Heine antwortet ihm ebenfalls in der „Sprache Charlottcn- 
burgs": „In der That, die Witterung ist sehr scheene", und nun 
entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch, in dem der Sohn der Spree 
Berlin mit München vergleicht und ersteres außerordentlich hoch 
stellt , während Heine das Isar - Athen lebhaft vertheidigt und 
Berlin schmähte. Sein Motiv hiesür ist folgendes: „Dergleichen 
geschieht meist aus purer Politik, denn ich weiß, sobald ich an 
fange, meine guten Berliner zu loben, so hat mein Ruhm bei 
ihnen ein Ende, und sie zucken die Achseln und flüstern einander 
zu: „Der Mensch wird sehr seicht, uns sogar lobt er." Freilich, 
damals ahnte Heine noch nicht die hohe dichterische Mission, zu 
der er berufen und die, unabhängig von seinen sonstigen Anschauun 
gen und Aussprüchen, ihn zum deutschen Dichter machte, auf 
den das deutsche Vaterland mit Stolz hinweisen kann und von dem, 
wie von vielen Anderen, Berlin sich rühmen kann, den Grund 
stein zu seiner Bedeutung gelegt zu haben. Die Politik un 
seres Dichters war also in dem Falle eine falsche und der Um 
stand, daß wir heute, schon 28 Jahre nach dem Tode Heine's, 
den Spuren seines Berliner Aufenthaltes nachgehen, um die Be 
deutung desselben für das tiefere Verständniß seines Schaffens zu 
erforschen, mag ein Zeugniß dafür ablegen, daß die Berliner, wie 
unser Heine selbst, viel besser als ihr Ruf, und Weltstadtbürger 
geworden sind, die jeden engherzigen Lokalpatriotismus überwunden 
haben. 
Ein Gefühl berechtigten Stolzes mag es aber sein, daß jenes
        
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