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Periodical volume 2. Februar 1884, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Er hob sie auf. Ihre kleine Hand zitterte, indem sie dieselben 
zurücknahm. 
„Mich lockte des Abends Schönheit," begann er, „im engen 
Hause sitze ich ungern. Ich hoffe, ich störe Euch nicht." 
„O nein," erwiderte sie, „ich suchte nur einige Blumen. Die 
Großmutter liebt sie sehr; so stelle ich ihr jeden Abend einige an 
ihr Fenster." 
„Wer ist denn Eure Großmutter?" 
„Nun, die Aebtissin hier." 
„Da soll auch Euch wohl einst ein goldnes Kreuzlein schmücken?" 
fragte er hastig, denkend, daß dies zarte Kind vielleicht schon der 
Mutter Gottes gelobt sei. 
„Nein, o nein!" antwortete sie, die Hände auf der Brust 
faltend; „ich möchte hier nicht bleiben, nicht das ganze Leben in 
düstern grauen Mauern gefangen sitzen, nichts thun als singen 
und beten." 
Der Athem ward ihm wieder frei. 
„Ihr seid auch zu schön dazu! Euch schuf der Himmel nicht, ; 
um im Verborgenen zu verwelken; Euer Loos sei, auf hoher Stelle 
zu glänzen. Vieler Augen mit Eurer Lieblichkeit zu erfreuen," rief 
er aus, dem drängenden Gefühle in der Brust freien Lauf ge 
während. 
Sie verstand ihn nicht völlig, schüchtern nur wagte sich ihr 
Blick zur Höhe seines Auges. 
Er zwang sein Herz wieder zur Ruhe, dann bat er: „Sagt j 
mir Eures Vaters Namen und den Euren." 
„Mein Vater ist der Graf Dietrich von Ringelheim, und ich 
heiße Mathildis." 
„Mathildis," wiederholte er langsam, „Mathildis!" 
„Gefällt Euch der Name nicht?" kragte sie leise. 
„Er ist so schön wie ." Doch ernsten Tones fuhr er 
fort: „Ich hatte einst eine Schwester, sie hieß auch Mathildis. 
Auch sie war schön und gut — doch sie starb." 
„Ihr hattet sie wohl sehr lieb?" fragte sie, und in ihrer 
Stimme zitterte des Mitleids Gefühl. 
„Sehr! und sie liebte mich am meisten von allen Brüdern." 
„Das glaub' ich wohl!" fiel das Mädchen rasch ein. 
„Und weshalb glaubt Ihr das?" 
„Ihr seht so gut aus, daß man Euch lieben muß." 
Sie hatte es schnell gesprochen, nun stieg ihr doch das Blut 
bis hinauf zu der weißen Stirne. 
„Mathildis, fühlt Ihr, daß ich gut bin, so sagt's Euch Euer 
Herz. Und das meine sagt noch mehr. Es sagt: daß Du 
mich liebst." 
Er zog sie an seine Brust und küßte sie auf den Mund. 
„Du liebliche Blume, Dich soll des Klosters Mauer nicht 
fürder bergen, ich will Dich verpstanzen in den Garten der großen 
Gotteswelt." 
Sie hing an seinen Lippen, Seligkeit gebend und nehmend. — 
Die Zeit verrann; es ward dunkel. 
Mathildis schrak endlich empor. 
„Es ist spät, ich muß zurück, die Großmutter wird um mich 
sorgen!" 
„Es ist wahr! Doch eins noch höre, Mathildis. Noch darfft 
Du der Großmutter nichts erzählen. Doch morgen komme ich 
und führe Dich fort, und Du wirst mein Weib." 
Sie nickte glücklich. 
„Wirst Du mich aber auch morgen erkennen?" fragte er lächelnd. 
„Mein Herz wird Dich unter Tausenden finden!" 
„Dann leb' wohl, holdes Kind, leb' wohl und träume von mir." 
Er küßte sie heiß, dann lief sie schnell den Weg nach dem 
Kloster hinauf. — 
Der Fremde stand noch an derselben Stelle. Das Blut 
jagte heiß durch seine Adern, wiewohl er doch kein Jüngling war. j 
Er schaute empor zum Nachthimmel, als wollte er dem Gotte, 
der droben waltete, danken. Dann wandte er sich dem Ausgange 
des Gartens zu und schlug die Richtung nach der Stadt ein. 
Des Klosters Gastlichkeit nahm er nun doch nicht für die 
Nacht in Anspruch. 
* * 
* 
Auf der Ebene zwischen der Stadt Herford und dem Kloster 
lag der Strahl der Morgensonne. Es war früh. Blätter und 
Blüthen trugen schwer an den Thautropfen, die der kühle Morgen 
nebel vom Flusse her zurückgelassen hatte. 
Ein Zug vornehmer Ritter sprengte auf dem Wege nach dem 
Kloster daher. Voran aus mächtigem schwarzen Hengste ein Mann 
von hoher, gebietender Gestalt. Die breite Brust deckte die Tunika 
von weißer orientalischer Seide, mit Gold überreich gestickt. An 
breitem, silbernem Gurte hing das Schwert in einer Scheide von 
rothem Sammet. Um die Schultern flatterte im Morgenwind ein 
Mantel, mit Pelz verbrämt, der die Arme frei ließ. Aus dem 
vollen blonden Haar saß ein kleiner Hut mit wallender Feder. 
Prächtig war Decke und Geschirr des Hengstes; Steigbügel und 
Spornstachel von Silber. Der Zug hielt vor dem Klosterthore. 
Der Pförtner staunte die prächtigen Ritter an. 
„Wir wollen zur Frau Aebtissin, meldet uns!" rief der erste 
Reiter und sprang vom Hengste. Die Uebrigen folgten. Seltsam 
klangen darauf die sporenklirrenden Schritte in den hallenden 
Gängen des Klosters. 
„Die Frau Aebtissin wartet," meldete der rückkehrende Pförtner. 
Der Ritter machte seinem Gefolge ein Zeichen und trat in 
ein Gemach, dessen Thüre sich leise öffnete. Es war düster darin. 
Von draußen verschütteten die hohen Linden die Fenster, und 
das wenige eindringende Licht verzehrten die schwarzen Sammet 
hänge, mit denen die Wände ausgeschlagen waren. Einige Bilder 
von Heiligen hingen an ihnen; den Fußboden verhüllte eine dunkle 
Decke. Ein kleiner Altar stand zwischen den hohen Bogenfenstern. 
Der Ritter trat ein, das unbedeckte Haupt tief neigend. Die 
Aebtissin erhob sich aus einem Stuhle, mit hoher geschnitzter 
Rückenlehne. 
,Lum zweiten Male," begann der Eingetretene, „dringe ich 
in Eure fromme Abgeschiedenheit. Ihr werdet mich wieder er 
kennen. Ich bin der Fremde, dem Ihr gestern Gastlichkeit ge 
währtet. Wollet verzeihen, wenn ich jetzt Euch störe." 
„Mich stört Ihr nicht," erwiderte mit sanfter Stimme des 
Klosters Oberin. „Doch seid Ihr gekommen, um Euren Dank 
abzustatten, so seid versichert, es bedurste besten nicht." 
„Doch, fromme Frau, zu höherm Danke bin ich Euch ver 
pflichtet, als Ihr bis jetzt ahnt. Hört zu! Als ich gestern in der 
Kirche Eurem frommen Gesänge lauschte, sah ich Euer Enkelkind. 
Mathildis ist schön und fromm; daß sie auch gut, las ich von 
ihrem Antlitze ab. Laßt mich gestehen, ich traf das Mädchen in 
der Abendstunde im Garten wieder. Beschlossen ward es bei mir, 
sie müsse mein Weib werden. Denn nicht blinder Zufall, Gottes 
Fügung war es, die mich sie finden ließ. Und Gottes Hand 
lenkte des Mädchens Herz, daß es mir ihre Liebe schenkte. Drum 
bitte ich Euch, die Großmutter, um Mathildis zu meinem Weibe." 
Die Aebtissin wollte zürnend sprechen, da ließ der Ritter sich 
auf ein Knie nieder. 
„Hochwürdige Frau, sagt kein böses Wort. Hat Gott in 
mir und jenem reinen Wesen diese Liebe geschaffen, so wollet Ihr 
sie nicht zerstören. Des Mädchens Bestimmung ist, Weib zu 
werden. Hindert sie daran nicht. Ich biete meine Hand sammt 
Allem, was ich selbst besitze." 
„Und wer seid denn Ihr, der Ihr so bitten könnt?" 
„Ich bin Kaiser Heinrich," sprach der Ritter sich erhebend. 
Die Aebtissin trat zurück. 
„Verzeihet "
        
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