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Periodical volume 2. Februar 1884, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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werden können, daß der König den Müller für das Ausgeben 
keiner Windmühle eine Wassermühle angeboten habe. Diese Er 
wähnung der Wassermühle, „in welcher Wasserlauf und alles 
freigegeben werden soll," und die am Schluß erfolgende Berufung 
auf das Kammergcricht in Berlin erinnern in höchst auffallender 
Weise an den in den Jahren 1779 und 1780 verhandelten welt 
berühmten Müller Arnold'schen Prozeß, der im Wesentlichen einen 
Streit um den entzogenen Wasserlauf einer Wassermühle zum 
Gegenstände hatte, und bei welchem das Kammergericht zu Berlin 
das Urtheil sprach. 
Die Unechtheit der Erzählung wird aber auch urkundlich durch 
die Akten der Domainen-Registratur und des Rentamtes zu Pots 
dam dargethan.*) 
Danach besaß der Müller Grävenitz zu der Zeit, als Sans 
souci erbaut wurde, die „historische Mühle" gegen Zahlung eines 
Pacht- und Grundzinses. Er führte zwar wiederholt Beschwerde, 
aber niemals darüber, daß ihm seine Mühle genommen werden 
solle, sondern deshalb, weil ihm durch die Anlegung des neuen 
Schloffes, durch die Umfassungsmauer, durch das Anpflanzen ho 
her Bäume, und durch das Abkarren des Sandes vom Mühlen 
hügel der Wind entzogen und die Wegeverbindung nach der Stadt 
erschwert werde; er bestand nicht etwa darauf, die Mühle unter 
allen Umständen zu behalten, sondern bat, daß entweder der Grund 
zins aufhören und die Pacht ermäßigt werden möchte, oder daß 
ihm die Erlaubniß ertheilt würde, die Windmühle an einem an- 
deren Orte aufzubauen. Obgleich der König mit dem letzteren An 
trage einverstanden gewesen sein soll, blieb die Mühle dennoch 
stehen, wo sie stand, da „verlautete, der König habe schriftlich oder 
mündlich erklärt, daß die Windmühle stehen bleiben müffe, weil 
sie dem Schlosse eine Zierde mache." So verblieb denn auch die 
Mühle an ihrem alten Platz, trotzdem ein späterer Besitzer der 
selben, Müller Vogel, welcher, wie auch ftüher Grävenitz, stets in 
Geldverlegenheit war, und oft die königliche Milde in unbeschei 
denster Weise in Anspruch nahm, wiederholt um Versetzung der 
Mühle nach einem anderen Orte, oder um die Erbauung einer 
hohen holländischen Mühle auf königliche Kosten vorstellig wurde. 
„Mit einem solchem Bau wolle er sich zufrieden geben, „weil 
ja dann der Seiner Majestät wohlgefällige Prospekt erhalten 
würde." 
Nach Allem diesen kann die Geschichte vom Sanssouci-Müller 
aus historische Wahrheit keinen Anspruch erheben: sie muß, wie viele 
andere, und nicht gerade immer die schlechtesten, sogenannten histo 
rischen Anecdoten in das Reich der Fabeln verwiesen werden. 
Trotzdem aber bietet sie doch ein ganz besonderes und eigenartiges 
Jntereffe dadurch, daß gerade in diesem Falle einmal die verschie 
denen einzelnen wirklich historischen Elemente, aus welchen sie sich 
herausgebildet hat, noch jetzt deutlich und klar erkennbar nachge 
wiesen werden können. 
Nicolai erzählt nämlich im dritten Heft seiner Anecdotensamm- 
lung**) nach einem mündlichen Bericht des Marquis d'Argens: 
„Es war dem Könige verdrießlich, daß die Allee zum Haupt 
eingange von Sanssouci bei der Anlage nicht anders konnte 
geführet werden, als daß sie einen Winkel macht. Es wurden 
bei der Tafel von seinen Günstlingen verschiedene Vorschläge 
gethan, wie solchem abzuhelfen wäre. Die Schwierigkeit lag 
vorzüglich in der unüberwindlichen Liebe einer armen Frau zu 
ihrem kleinen Hause, einem Erbstücke, welches sie um keinen Preis 
*) Märkische Forschungen Band 6 S. 165 ff. unter der Ueberschrift: 
„Die historische Windmühle bei Sanssouci." 
**) Aneedoten von König Friedrich II. von Preußen und von einigen 
Personen, die um ihn waren. Nebst Berichtigung einiger schon gedruck- 
ier Anecdoten. Herausgegeben von Friedrich Nicolai 1788 bis 1792. 
S. 263. 
dem Könige verkaufen wollte. Der General Gras Rothenburg 
behauptete: der König könne sie zwingen, einen dreifachen Ersatz 
des Werthes, oder ein viel befferes Haus aus einer andern 
Stelle dafür anzunehmen, d'Argens ward hierüber aufgebracht, 
und behauptete mit der ihm eigenen provenzalischen Lebhaftigkeit: 
die Könige dürften niemanden das Seinige, auch gegen befferen 
Ersatz, mit Gewalt nehmen: denn sonst könnte man diesen Grund 
satz auch bald von einem Hause auf die Frau und Tochter eines 
Mannes anwenden, wo offenbar der mehrere Werth am Gelde 
nicht das Verlorene ersetzt. Der König sagte: d'Argens hat 
Recht. Die Allee macht noch jetzt einen Winkel." 
Die Aehnlichkeit dieser Erzählung mit derjenigen des 
Müllers von Sanssouci ist auffallend. Beide behandeln ein Hinder 
niß, welches sich dem Könige bei Gelegenheit der Erbauung des 
Schlosses Sanssouci entgegen stellte; nach beiden lag dieses Hinder 
niß in dm Ansprüchen, welche ein Grundeigenthümer aus seinem 
Eigenthumsrccht selbst dem Könige gegenüber schroff geltmd machte; 
in beiden wird die Möglichkeit eines eigenmächtigen Eingriffes des 
Souverains in die Privatrechte des Opponenten zur Sprache ge 
bracht; in beiden bescheidet sich der König und läßt die berechtigten 
Einsprüche des Eigenthümers gelten. 
Während aber die Geschichte des Müllers von Sanssouci 
eines jeden Anspruches auf Glaubwürdigkeit ermangelt, scheint kein 
Grund vorhanden zu sein, auch die Richtigkeit der von Nikolai 
wiedergegebenen Erzählung in Zweifel zu ziehen. Für die Zuver 
lässigkeit derselben spricht vielmehr die genaue Quellenangabe des 
Erzählers, sowie die namentliche Bezeichnung der bei dem Gespräche 
bctheiligt gewesenen Personen. 
Man wird mit Bestimmtheit annehmen müssen, daß diese be- 
mcrkenswerthe Erzählung, welche von dem hohen Gerechtigkeitssinn 
des Königs ein so beredtes Zeugniß ablegte, schon lange vor der 
von Nikolai bewirkten Veröffentlichung durch die Theilnehmer der 
Unterhaltung in weiteren Kreisen verbreitet gewesen ist, und wenn 
dieselbe erst nach dem Tode Friedrichs des Großen durch den Druck 
bekannt gegeben wurde, so kann das in diesem Falle nicht be 
fremden, da hier der vertrauliche Charakter einer an Königlicher 
Tafel gepflogenen Unterhaltung eine gewiffe Zurückhaltung als selbst 
verständlich und geboten erscheinen ließ. 
Die geschichtliche Unterlage der Legende vom Müller von 
Sanssouci ist eine Vereinigung einzelner Momente aus dem zu 
großer Bedeutung gelangtm Rechtsstreit des Müller Arnold mit dem 
vom Marquis d'Argens mitgetheilten Tischgespräche. Aus letzterem 
wurde der Wunsch des Königs entnommen, ein Grundstück zu er 
werben, welches ihm bei der Ausführung des Baues von Schloß 
Sanssouci hinderlich war, die Müller Arnold'sche Geschichte führte 
darauf, daß dieses Grundstück eine Mühle gewesen sei. Da nun 
gerade in unmittelbarer Nähe des Schloffes Sanssouci sich eine 
noch heute vorhandene Mühle befand, deren Besitzer den König 
um Vergünstigungen gebeten, und wegen Versetzung seiner Mühle 
auf Königliche Kosten auf eine andere Stelle petitionirt hatte, so 
lag eine weitere Verwechselung um so näher, als damit gleichzeitig 
die Glaubwürdigkeit der Erzählung erhöht wurde, weil ein sicht 
barer Beweis für deren Echtheit, in dem nachweisbaren Vorhanden 
sein der „historischen Windmühle" erbracht zu sein schien. 
Die Reminiscenz an den Müller Arnold ist in den Anekdoten 
noch deutlich erkennbar. Dieser war ein Waffermüller, der sich in 
seinem Recht auf Waffer zum Mühlenbetrieb gekränkt glaubte, 
während die Mühle bei Sanssouci eine Windmühle ist. So wurde 
denn in der Erzählung, dem Müller der Windmühle von Sans 
souci „eine andere beffere Mühle mit fteien Wasserlauf und allem" 
angeboten. Die Worte endlich: Ja! wenn das Kammergericht in 
Berlin nicht wäre" und in der Andrieuxschen Dichtung „8i nous 
n’avions pas de juges k Berlin", haben ihre Begründung und 
Rechtfertigung in dem unerschrockenen und pflichtgetreuen Verhalten
        
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