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Periodical volume 2. Februar 1884, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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schönselige Stoßseufzer und starkgeistige Randglossen zu unseren 
sozialen Zuständen; es handelt sich dabei um die geistige Berechtigung 
der Frauen im allgemeinen; es liegt nichts Organisatorisches darin, 
was in Wahrheit gegen die bestehenden Verhältnisse revolutionär 
wäre. Dies ist indeß in der folgenden Stelle ausgesprochen, in 
welcher das Prophetenthum der Rahel einen gesetzgeberischen 
Schwung nimmt. „Natürliche Kinder werden die genannt, welche 
keine Staatskinder sind, wie Naturrecht und Staatsrecht. Kinder 
sollten nur Mütter haben und deren Namen haben, und die Mutter 
- das Vermögen und die Macht der Familien, so bestellt es die 
Natur; man muß diese nur sittlicher machen; ihr zuwider zu 
handeln gelingt bis zur Lösung der Aufgabe doch nie. Fürchterlich 
ist die Natur darin, daß eine Frau gemißbraucht werden und wider 
Lust und Willen einen Menschen erzeugen kann. Diese große 
Kränkung muß durch menschliche Anstalten und Einrichtungen wieder 
gut gemacht werden und zeigt an, wie sehr das Kind der Frau ge 
hört. Jesus hat nur eine Mutter. Allen Kindern sollte ein ideeller 
Vater konstituirt werden, und alle Mütter so unschuldig und in 
Ehren gehalten werden wie Marie." 
So will die Denkerin Rahel die Entstellungen der Gesellschaft 
durch die Rückkehr zur Natur heilen, ohne zu Rousseauschen Erentri- 
ziläten ihre Zuflucht zu nehmen: ein Thema, das, vielfach variirt, 
in der ganzen nächsten Litteraturepoche wiederklingt, wie denn in 
Frankreich die Theorie, daß Kinder nur Mütter haben und den 
Namen der Mutter führen sollten, von Emile Girardin mit Eifer 
vertreten wird. Rahel lehnte sich mit ihrer Begeisterung an Goethe 
an; sie hatte eine zagende, herzklopfende Bewunderung für ihn; sic 
strich in ihrem Kalender die Tage roth an, an denen es ihr ver 
gönnt war, den Dichterfürsten von Angesicht zu sehen oder in 
persönlich-geistigen Rapport mit ihm zu treten; aber ihre Verehrung 
war zurückhaltend, so maßlos sie war; in ihrem ganzen Wesen lag 
gediegener Ernst und Würde, Milde und Feierlichkeit; denn sie 
stand stets im Allerheiligsten des Gedankens, und selbst ihre kühnsten 
Wünsche für sich und die Menschheit loderten nur wie schüchterne 
Opferflammen himmelwärts. 
Das Gerlincr Zeughaus. 
(Fortsetzung.) 
(Mit den Illustrationen S. 257.) 
Der weitere Ausbau des Zeughauses*) zog sich — aus 
Mangel an Geld — sehr in die Länge. 1705 hatte König 
Friedrich l. 53 000 Thaler von den Refugies aufgenommen; zwei 
Jahre darauf wurden weitere 30 000 Thaler aufgenommen und 
1708 wurde berathen, wie und wo man fernere Summen auftreiben 
könne. 1710 wurden — aus Mangel am Besten — provisorisch 
hölzerne Treppen statt der projektirten steinernen eingebaut und 
von 1712 ab beschloß man, jährlich den 12. Theil des Daches 
mit Kupfer zu decken. 
Inzwischen hatte bereits — seit 1699 — die innere Aus 
schmückung des „neuen Arsenals" begonnen, und es war an ver 
schiedene Festungen Befehl erlassen: „schöne und seltene Geschütz- 
stücke abzuliefern, so ohne Präjudiz Sr. Kurfürstlichen Durchlaucht 
Diensten aus den Festungen können gezogen werden." Demnach 
wurden geliefert: 
Aus Küstrin: 
ein lOO psündiger metallener Mörser, 
vier 64 psdge. 
zwei 48 psdge. metallene Kanonen, 
drei 40 psdge. 
ein 24Pfünder, Vesper Diana genannt. 
*) Vergl. ben ersten Artikel, Bär Nr. 12. 
ein I2Psünder, Aurora Solis genannt, 
ein 12 Psünder, der wilde Mann genannt (aus dem 
Jahre 1545 stammend), 
fünf 2 Psünder. Auf einem derselben stand geschrieben: 
Das Rephuhn mit dem Schnabel pickt, 
Daß Mancher drob zu Tod erschrickt. 
Aus Spandau: 
ein 125 pfdger. metallener Mortier, 
vier 25 psdge. metallene Stücke. 
Aus Magdeburg: 
zwei 24 psdge. metallene Stücke, so der König Gustav 
Adolf Hochseel. Andenkens gießen lassen. 
Aus Peitz: 
drei 24 psdge., zwei 12 psdge. metallene Schlangen, 
drei 2 psdge.: die Rebhühner genannt, so aus dem Thurme 
stehen. 
Aus Driesen: 
ein 2 pfdg. und ein 4 pfdg. metallenes Stück. 
„Alle diese Geschütze" — hieß es in dem Befehl — „müssen 
mit ihrer vollen Equipage versehen sein, als: Affuiten, Protzen 
Protzketten, Ladezeug, Schoß- und Stellkeile, und was sonst dazu 
gehört, wie auch zu den 64- und 48 pfündigen Stücken die Kugeln, 
weil dergleichen hier keine vorhanden." 
Nach dem Tode des Obersten von Kühle, der vor 
Stralsund gefallen war, wurde der Oberst Linger mit den bau 
lichen Angelegenheiten des Zeughauses betraut, dessen Fertigstellung 
nur sehr langsam weitergeführt wurde. „Dieses Jahr habe nit 
so viel Geld" schrieb Friedrich Wilhelm I. an den Rand einer 
Eingabe Lingers, der 4000 Thlr. forderte. Alte Kupferbedachungcn 
— so z. B. eine von der Kirche St. Anna zu Stendal — über 
wies man dem Zeughausbau, dann, weil eine komplette Kupfer 
bedachung zu theuer geworden wäre, deckte man den größten Theil 
der Bedachung mit Schiefer ab. Die Kosten hierfür wurden da 
durch bestritten, daß man „die alten Bomben und Kugeln, die 
Se. Majestät zu verkaufen geordnet" hergab und dafür Schiefer 
einkaufte. 
Um endlich einmal genügend Geld für den Zeughausbau 
herbeizuschaffen, machte der Kriegsrath Möller den Vorschlag: 
„Die drei sogenannten Artilleriehäuser auf der Dorotheenstadt 
öffentlich zu verkaufen." Diese Häuser standen auf dem Terrain, 
aus dem gegenwärtig die Häuser Nr. 35 und 36 „Unter den 
Linden" stehen („Hotel du Nord" und das ehemalige „Palais 
Friedrich der Niederlande," jetzt im Besitz Sr. Maj. des Kaisers). 
In denselben wohnten die Offiziere Möller, Linger, Brcdow, 
Holtzmann und Wolff. Außerdem befanden sich auf den Grund 
stücken einige Hinterhäuser, gegen den Wall gelegen (d. i. die heu 
tige Behrcnstraße), in welchen Wittwen und ärmere Leute Unter 
kommen gefunden hatten. Auch waren die Stell- und Laffctten- 
macherei, sowie ein Schmiedegebäude dort. 
Die Ossiziershäuser wurden verkauft, die Werkstätten blieben. 
Um die Hälfte der zweiten Etage auszubauen, wurden im 
Jahre 1723 neue 4564 Thaler bewilligt. Im Jahre 1728 wurde 
der Fußboden für 4805 Thaler hergestellt. In diesem Jahre 
endlich ist auch das Zeughaus in allen seinen Theilen als fertig 
anzusehen. 
Nun wurde der Prachtbau gefüllt. An den Gouverneur von 
Stettin, den Generalmajor von Anhalt-Zerbst, ging der Befehl: 
„Aus der Schloßkapelle zu Stettin die dort vorhandenen 16 blanken 
Harnische" dem Zeughause einzusenden. König schreibt vom 
Jahre 1730: „Hier wurde das Innere des Zeughauses auf 
königlichen Befehl ausgeziert, welches der General von der Ar 
tillerie von Linger (Linger war inzwischen avancirt) besorgte, 
und wozu ihm aus verschiedenen Festungen die vorhandenen Waffen 
und alten Rüstungen geliefert wurden, um davon Trophäen und
        
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